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Foto © Carl Brunn

Koksend am Rande des Abgrunds

LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
10. Dezember 2017
(Premiere)

 

Theater Aachen

Publi­kums­ma­gneten wie Giuseppe Verdis La Traviata seien jedem Haus gegönnt. Auch dem Aachener Theater, dem nach zwei ambitio­nierten Produk­tionen von Monte­verdis Krönung der Poppea und Leoš Janáčeks Katia Kabanova, die, vor allem im Fall Janáčeks, das Publikum nicht in hellen Scharen anziehen, ein sicherer Erfolgs­treffer gut bekäme. Freilich lebt gerade ein Werk wie die Traviata von der Besetzung der Haupt­partien. Und damit haben selbst große Häuser, wie die aktuelle Kölner Produktion zeigt, ihre Probleme. Und Aachen ergeht es nicht wesentlich besser.

Die Insze­nierung bewegt sich in gedie­genen Bahnen. Ewa Teilmans kann sich mit Solen Mainguené in der Titel­rolle auf eine äußerst wandlungs­fähige und attraktive Darstel­lerin stützen, die so viel Energie ausstrahlt, dass man ihr das Endstadium der Tuber­kulose nicht so recht abnehmen will. Teilmans sieht in der Figur ohnehin eine junge, sozial desori­en­tierte junge Frau, die sich immer wieder ein Näschen Koks gönnt, um ihre innere Leere auszufüllen.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

In diesem Kontext erzählt die Regis­seurin die Geschichte unspek­ta­kulär, aber einfühlsam und mit detail­ge­nauer Perso­nen­führung nach. Eine rundum solide Regie-Arbeit ohne jeden aufge­setzten origi­nellen Ehrgeiz.

Gespielt wird auf einer schrägen runden Spiel­fläche, die an Wolfgang Gussmanns eindrucks­volles Bild aus Willy Deckers Salzburger Traviata erinnert. Damit nutzt Bühnen­bild­nerin Elisabeth Pedross den Effekt geschickt aus, die Personen oft an den Rand des Absturzes zu bringen. Ein schönes Sinnbild für die unsichere Lebens­basis, auf der sich die jungen Leute mit Spiel, Koks und Liebes­af­fären in Gefahr begeben. Dass die weiße Fläche zugleich als Tanzboden und als imaginäre, mit überdi­men­sio­nalen Tisch­blumen hübsch garnierte Liebes­stätte genutzt werden kann, erhört den effek­tiven Gebrauchswert des Bildes.

Foto © Carl Brunn

Aber die erste Geige in der Traviata spielt die Musik. Und da kann zumindest Karl Shyma­novitz, der Zweite Kapell­meister des Aachener Theaters, seine erste große Aufgabe recht überzeugend erfüllen. Er entfaltet ein gut dispo­niertes Klangbild, sorgt für stimmige Tempi, achtet rücksichtsvoll auf die Sänger und hält den Abend dauerhaft unter Spannung. Probleme bereitet freilich die Besetzung. Optisch stellt Solen Mainguené eine Traum­be­setzung für die Violetta dar. Und ihr stimm­liches Potenzial könnte auch für eine vorzüg­liche gesang­liche Umsetzung der anspruchs­vollen Partie reichen, wenn sich nicht bereits in so jungen Jahren ein unüber­hör­bares Dauer­vi­brato einstellen würde, das einer weiteren positiven Entwicklung der Stimme im Weg steht. Hier sind technische Korrek­turen unbedingt nötig.

Die Leistung von Alexey Sayapin als Alfredo ist schwer einzu­schätzen. Der Tenor leidet so stark unter den Folgen einer Erkältung, dass sein schönes Material nur erahnt werden kann und sich eine seriöse Einschätzung seiner Möglich­keiten verbietet. Hrólfur Saemundsson gehört zu den zuver­läs­sigsten Bariton-Kräften des Aachener Theaters. Aller­dings wirkt der Bariton als Vater Germont stimmlich weniger überzeugend als in nicht-italie­ni­schen Opern. Für Verdi fehlt seiner Stimme der balsa­mische Wohlklang und auch ein wenig das Einfüh­lungs­ver­mögen in das spezi­fische melodische und klang­liche Kolorit der Rolle.

Die kleineren Parten sind gut bis befrie­digend besetzt. Der von der Regis­seurin stets in Bewegung gehaltene Chor hat in der Premiere noch Probleme im Zusam­men­spiel mit dem Orchester, was sich im Laufe der Auffüh­rungs­serie wohl erübrigen wird.

Insgesamt eine ordent­liche Traviata ohne spekta­kuläre Höhepunkte, aber auch ohne katastro­phale Fehler. Das Publikum reagiert entspre­chend dankbar.

Pedro Obiera

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