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Der Chor der Engel umsteht des Schöpfers Thron. Die puttenhaft beflügelte himmlische Heerschar heißt – kenntlich an Frisur, Gesichtsumriss, Leibesfülle und Frack – Rossini. Gottvater schuf sie nach seinem Bild. Denn der liebe Gott ist niemand anderer als – Rossini. Zur eigenen Belustigung ersinnt der Allmächtige unter Assistenz seiner Cherubim eine Göttliche Komödie namens La Cenerentola, haucht ihr Leben ein. Spinnt sie – beeindruckt von der eigenen Schaffenskraft – fort. Nicht anders als der Meister aus Pesaro, sind der liebe Gott und sein Engelchor reichlich verfressen. Sie lassen sich wie im Feinschmecker-Restaurant auftischen. Nicht die üblichen Kalbsköpfe, sondern die der Solisten. Macht nichts, bald schon hat der Herr des Himmels und der Erde Reproduktionen seiner Figuren erschaffen. Die Handlung nimmt ihren Lauf. So ist sie eben, die göttliche Vorsehung.
Es ist, als habe Stefan Herheim mit der im Januar dieses Jahres zunächst in seiner Geburtsstadt Oslo herausgekommenen Produktion zuallererst sich selbst einen Riesenspaß bereitet. Freilich gönnen er und seine Mitstreiter dem Publikum jetzt auch in der ausverkauften Opéra de Lyon die Teilhabe daran.
Auf die Figuren lässt Herheim Rossinis Musik wie eine Elektrisiermaschine wirken. Derart aufgeladen, benehmen sie sich wie Zitteraale. Die setzen ihre inwendigen Batterien gleichermaßen zu Brautwerbung, Feindesabwehr und zum Beuteschlagen ein. Tiefgang darf nicht erwartet werden. Rein physische Genüsse dominieren. Doch delikat wie ein Feinschmeckermenü. Zwar kann von Charakteren die Rede nicht sein. Es kommt auf sie nicht an. Typen und Situationen entscheiden. Wen das anficht, bekenne, ob der Genuss von Tournedos Rossini auch nur einen flüchtigen Gedanken an die seelische Befindlichkeit der Viecher, die dazu verarbeitet wurden, in ihm auslöst.
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In Angelina sieht Herheim eine ganz und gar heutige Reinigungskraft, die gerade den Bühnenboden kehrt, als ein Märchenbuch vom Himmel fällt. Der vom lieben Gott ausgesandte Schlüsselreiz wirkt. Die Titelfigur fantasiert sich in die Geschichte hinein. Bewahrt dabei aber eine erstaunliche Unberührtheit. Die Gehässigkeiten der Stiefschwestern erträgt sie, weil die göttliche Vorsehung es will. Der Prinz ist Angelina ohnehin bestimmt. Dass das zu früh geschieht, verhindert der Dirigent durch sein kategorisches „Nein!“. Wenn final der Besen aus dem Schnürboden fällt, um die Titelfigur auf ihre angestammte Rolle als Reinigungskraft zu reduzieren, sitzt der Pfeil nicht tief. Alles auf Erden ist Spiel. Göttliche Komödie halt. An diesem Abend in Gestalt einer Opera buffa.
Das Bühnenbild von Daniel Unger und Stefan Herheim verhält sich wie ein Akteur. Unablässig scheint es mit nimmermüder Begeisterung sich selbst zu fahren. Die Empire-Einfassung des Kamins, aus dem das von Angelina imaginierte Personal anfangs kriecht, vervielfältigt sich zu den perspektivisch gestaffelten Portalrahmen einer Kulissenbühne, deren größter die gesamte Bühnenöffnung einnimmt. Flugs wandelt sich die Szene in eine beiderseits von Häusern mit offenen Holzgalerien gesäumte Gasse. Zahllose Kamine qualmen unablässig über den Dächern.
Die Videos von Momme Hinrichs und Torge Möller ermöglichen, dass der Rauch sich zum Riesenherzen für das Liebespaar in eins schlingt. Verzückt durcheilen ganze Kohorten von Putten den Videohimmel.

Esther Bialas kleidet das Ensemble in Empire-Kostüme. Dandini wird zum modischen Popanz eines Prinzen der Napoleonzeit. Lediglich Don Magnifico bevorzugt das aufgetakelte Rokoko seiner besten Jahre. Angelina steckt im abgetragenen Fetzen einer ihrer Stiefschwestern. Zwar kann sie sich diesen blitzschnell vom Leib reißen. Doch kommt darunter nicht viel anderes zum Vorschein. Ein Putzfrauenkittel.
Die Herren des Choeurs de l’Opéra de Lyon agieren als ironische Spielmacher von des lieben Gottes Gnaden. Chordirektorin Barbara Kler heißt sie rasant, präzise und auch vokal ironisch ihre immer elegante musikalische Potenz beweisen.
Stefano Montanari nutzt das Orchestre de l’Opéra de Lyon als Elektrisiermaschine. Offenbar reibt sich der Dirigent dabei förmlich auf. Wenn der Vorhang sich zum zweiten Akt öffnet, hockt er noch pausierend und qualmend wie ein Schlot auf der Bühne. Zurück am Arbeitsplatz, ist Montanari nie um einen verbalen Kommentar aus dem Graben verlegen. Kraftvoll federt unter seiner Leitung das Orchester der Lyoner Oper mit dem sichersten Stilgefühl. Die Crescendi sind bestechend ausmusiziert.
Michèle Losier in der Titelpartie führt das satte Timbre ihres warm-leuchtkräftigen Mezzos souverän durch die heikelsten Koloraturen und irrsten Tempi. Auch darstellerisch agiert sie wie vom lieben Gott aus Musik geboren und gestaltet. Jedes musikalische Detail ihrer Rolle übersetzt Losier in Mimik und Gesten. Cyrille Dubois als Don Ramiro verwandelt seine Spitzentöne in Raketen, die aus nobler Gesangslinie steigen. Renato Girolamis Don Magnifico gibt den Bassbuffo aus dem Bilderbuch. Seine ungeratenen Töchter sind bei Clara Melonis Clorinda und Katherine Aitkens Tisbe in der Gurgel geläufig und im Spiel auf leichten Füßen aufgehoben. Nikolay Borchev legt in seine Stimme jenes den wahren Prinzen nur nachäffende Gehabe, das die Kopie vom Original unterscheidet. Der Alidoro von Simone Alberghini verbreitet weltweise Bassautorität.
Stürmischer Beifall, zahllose bravi und Klatschmärsche für alle Beteiligten.
Michael Kaminski