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Foto © Erik Berg

Göttliche Komödie

LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
15. Dezember 2017
(Premiere)

 

Opéra de Lyon

Der Chor der Engel umsteht des Schöpfers Thron. Die puttenhaft beflü­gelte himmlische Heerschar heißt – kenntlich an Frisur, Gesichts­umriss, Leibes­fülle und Frack – Rossini. Gottvater schuf sie nach seinem Bild. Denn der liebe Gott ist niemand anderer als – Rossini. Zur eigenen Belus­tigung ersinnt der Allmächtige unter Assistenz seiner Cherubim eine Göttliche Komödie namens La Cenerentola, haucht ihr Leben ein. Spinnt sie – beein­druckt von der eigenen Schaf­fens­kraft – fort. Nicht anders als der Meister aus Pesaro, sind der liebe Gott und sein Engelchor reichlich verfressen. Sie lassen sich wie im Feinschmecker-Restaurant aufti­schen. Nicht die üblichen Kalbs­köpfe, sondern die der Solisten. Macht nichts, bald schon hat der Herr des Himmels und der Erde Repro­duk­tionen seiner Figuren erschaffen. Die Handlung nimmt ihren Lauf. So ist sie eben, die göttliche Vorsehung.

Es ist, als habe Stefan Herheim mit der im Januar dieses Jahres zunächst in seiner Geburts­stadt Oslo heraus­ge­kom­menen Produktion zuallererst sich selbst einen Riesenspaß bereitet.  Freilich gönnen er und seine Mitstreiter dem Publikum jetzt auch in der ausver­kauften Opéra de Lyon die Teilhabe daran.

Auf die Figuren lässt Herheim Rossinis Musik wie eine Elektri­sier­ma­schine wirken. Derart aufge­laden, benehmen sie sich wie Zitteraale. Die setzen ihre inwen­digen Batterien gleicher­maßen zu Braut­werbung, Feindes­abwehr und zum Beute­schlagen ein. Tiefgang darf nicht erwartet werden. Rein physische Genüsse dominieren. Doch delikat wie ein Feinschme­ckermenü. Zwar kann von Charak­teren die Rede nicht sein. Es kommt auf sie nicht an. Typen und Situa­tionen entscheiden. Wen das anficht, bekenne, ob der Genuss von Tournedos Rossini auch nur einen flüch­tigen Gedanken an die seelische Befind­lichkeit der Viecher, die dazu verar­beitet wurden, in ihm auslöst.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

In Angelina sieht Herheim eine ganz und gar heutige Reini­gungs­kraft, die gerade den Bühnen­boden kehrt, als ein Märchenbuch vom Himmel fällt. Der vom lieben Gott ausge­sandte Schlüs­selreiz wirkt. Die Titel­figur fanta­siert sich in die Geschichte hinein. Bewahrt dabei aber eine erstaun­liche Unberührtheit. Die Gehäs­sig­keiten der Stief­schwestern erträgt sie, weil die göttliche Vorsehung es will. Der Prinz ist Angelina ohnehin bestimmt. Dass das zu früh geschieht, verhindert der Dirigent durch sein katego­ri­sches „Nein!“.  Wenn final der Besen aus dem Schnür­boden fällt, um die Titel­figur auf ihre angestammte Rolle als Reini­gungs­kraft zu reduzieren, sitzt der Pfeil nicht tief. Alles auf Erden ist Spiel. Göttliche Komödie halt. An diesem Abend in Gestalt einer Opera buffa.

Das Bühnenbild von Daniel Unger und Stefan Herheim verhält sich wie ein Akteur. Unablässig scheint es mit nimmer­müder Begeis­terung sich selbst zu fahren. Die Empire-Einfassung des Kamins, aus dem das von Angelina imagi­nierte Personal anfangs kriecht, verviel­fältigt sich zu den perspek­ti­visch gestaf­felten Portal­rahmen einer Kulis­sen­bühne, deren größter die gesamte Bühnen­öffnung einnimmt. Flugs wandelt sich die Szene in eine beider­seits von Häusern mit offenen Holzga­lerien gesäumte Gasse. Zahllose Kamine qualmen unablässig über den Dächern.

Die Videos von Momme Hinrichs und Torge Möller ermög­lichen, dass der Rauch sich zum Riesen­herzen für das Liebespaar in eins schlingt. Verzückt durch­eilen ganze Kohorten von Putten den Videohimmel.

Foto © Erik Berg

Esther Bialas kleidet das Ensemble in Empire-Kostüme. Dandini wird zum modischen Popanz eines Prinzen der Napole­onzeit.  Lediglich Don Magnifico bevorzugt das aufge­ta­kelte Rokoko seiner besten Jahre. Angelina steckt im abgetra­genen Fetzen einer ihrer Stief­schwestern. Zwar kann sie sich diesen blitz­schnell vom Leib reißen. Doch kommt darunter nicht viel anderes zum Vorschein. Ein Putzfrauenkittel.

Die Herren des Choeurs de l’Opéra de Lyon agieren als ironische Spiel­macher von des lieben Gottes Gnaden. Chordi­rek­torin Barbara Kler heißt sie rasant, präzise und auch vokal ironisch ihre immer elegante musika­lische Potenz beweisen.

Stefano Montanari nutzt das Orchestre de l’Opéra de Lyon als Elektri­sier­ma­schine. Offenbar reibt sich der Dirigent dabei förmlich auf. Wenn der Vorhang sich zum zweiten Akt öffnet, hockt er noch pausierend und qualmend wie ein Schlot auf der Bühne. Zurück am Arbeits­platz, ist Montanari nie um einen verbalen Kommentar aus dem Graben verlegen.   Kraftvoll federt unter seiner Leitung das Orchester der Lyoner Oper mit dem sichersten Stilgefühl. Die Crescendi sind bestechend ausmusiziert.

Michèle Losier in der Titel­partie führt das satte Timbre ihres warm-leucht­kräf­tigen Mezzos souverän durch die heikelsten Kolora­turen und irrsten Tempi. Auch darstel­le­risch agiert sie wie vom lieben Gott aus Musik geboren und gestaltet. Jedes musika­lische Detail ihrer Rolle übersetzt Losier in Mimik und Gesten.  Cyrille Dubois als Don Ramiro verwandelt seine Spitzentöne in Raketen, die aus nobler Gesangs­linie steigen. Renato Girolamis Don Magnifico gibt den Bassbuffo aus dem Bilderbuch. Seine ungera­tenen Töchter sind bei Clara Melonis Clorinda und Katherine Aitkens Tisbe in der Gurgel geläufig und im Spiel auf leichten Füßen aufge­hoben. Nikolay Borchev legt in seine Stimme jenes den wahren Prinzen nur nachäf­fende Gehabe, das die Kopie vom Original unter­scheidet. Der Alidoro von Simone Alberghini verbreitet weltweise Bassautorität.

Stürmi­scher Beifall, zahllose bravi und Klatsch­märsche für alle Beteiligten.

Michael Kaminski

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