O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Peter Sawicki

Verlangsamte Metamorphose

IN NOT
(Simon Hartmann, Daniel Ernesto Müller)

Besuch am
20. Dezember 2017
(Urauf­führung am 19. Dezember 2017)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Im Dreieck von Capitol und Tanzhaus NRW herrscht gespens­tische Ruhe. Im Musical-Haus gibt es keine Aufführung, die Parkplätze sind verwaist, die Kurse im Tanzhaus sind für dieses Jahr abgeschlossen und das eben neu eröffnete Café hat geschlossen. Der künst­le­rische Alltag hat sich hier verab­schiedet. Nur auf der Studio­bühne – im Herzen des Tanzhauses – gibt es noch einen letzten Pulsschlag.

Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller lernten sich 2006 während ihres Studiums an der Folkwang-Univer­sität der Künste in Essen kennen und gründeten 2011 ihre Kompanie HARTMANNMUELLER in Düsseldorf. Am Vorabend fand die Urauf­führung ihrer neuesten Produktion in noT statt, jetzt steht die Reprise auf dem Programm. Die menschen­leere Bühne von Felix Ersig, der später selber Bestandteil davon werden wird, ist in gleißendes Weißlicht getaucht. Auf einer weißen Kehle steht mittig ein Tisch. Darauf links ein hoher Tonklumpen, in Plastik­folie einge­schlagen. Am rechten Bühnenrand ein einfacher, weißer Stuhl.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Ein Darsteller betritt, mit einem Koffer in der Hand, die Bühne und schreitet zum Tisch. Er öffnet das Koffer und entnimmt ihm verschiedene Gegen­stände, um den Tonklumpen zu bearbeiten, den er zuvor vom Plastik befreit. Am Ende der gemes­senen Aktion ist aus dem Tonklumpen mit viel Fantasie so etwas wie ein Kopf mit zwei Hörnern entstanden. Am einen Horn ist eine Maske angehängt. Der schwarz­ge­kleidete Mann besprüht den Lehm ein letztes Mal mit Wasser und tritt ab. Ein neues Kapitel beginnt, wie auch im Übrigen fein säuberlich durch Hell-Dunkel-Effekte des Weißlichts von Philipp Zander abgetrennt. Ein zweiter Mann betritt die Bühne und beginnt mit der Zumutung für den Zuschauer. Denn dieses Kapitel dauert annähernd 20 Minuten, ohne dass Wesent­liches passiert. Der Darsteller stiert den Stuhl an, setzt sich und schläft ein. Abschließend erwacht er zur einge­spielten Disco-Musik von Orson Hentschel, der auch für die sparsamen akusti­schen Effekte sorgt, und legt ein Trommel-Solo von Händen auf Oberschenkeln hin. Im Zwischen­spiel bekommt er die Maske von dem ersten Darsteller überge­streift, ehe er mit einer Art Singsang, der das Wort Hallo in vielfachen Varia­tionen intoniert, beginnt. Endlich hat das Publikum etwas zu lachen.

Foto © Dennis Yenmez

Aller­spä­testens im Moment des Einschlafens wäre es an der Zeit für den Zuschauer, den Saal zu verlassen. Wenn ein Drittel der Auffüh­rungszeit von einer Stunde mit Zuwarten verbracht wird, ist irgend­etwas nicht in Ordnung. Aus Sicht der Künstler mag es der drama­tur­gi­schen Vorbe­reitung des großen Effekts dienen, aus Sicht des Publikums ist es Lange­weile, Provo­kation oder Diebstahl der eigenen Lebenszeit. Keiner erhebt sich, keiner wehrt sich. Alles wartet auf den nächsten Lacher.

Die Demontage beginnt. Der zweite Darsteller „enthauptet“ den Tonklumpen, plättet das Material mit dem Hammer, um es sich anschließend wie eine Maske um den Kopf zu legen. Simon Hartmann, der ihn hier verkörpert, kann jetzt nichts mehr sehen. Die Metamor­phose hat angefangen. Der erste Darsteller, Daniel Ernesto Müller, betritt die Szene, um in die nächste Phase einzu­treten. Seit 1913 fordert Claire Waldoff die Menschheit in ihrem bis heute witzigen Chanson auf, nicht mit Lehm zu schmeißen. Müller inter­es­siert das nicht die Bohne. Er bewirft den Maskierten mit dem Bastel­ma­terial. Dass er Hartmann schließlich Hörner aufsetzt, geschieht wohl ausschließlich im Rahmen der Verwandlung und weniger als Metapher. Das alles wirkt so skurril wie brutal.

Wenn der Maskierte zum Tonklumpen zurück­kehrt und damit eine Koexistenz eingeht, mag sich der Titel erklären, weil in noT sich verwandelt zu in Ton, der Sinn erschließt sich nicht. Wenn das Stück eine Lehre vermitteln kann, dann sicher die, dass die Produk­tionen der so genannten Freien Szene längst eine Komple­xität erreicht haben, bei der man mit einem Abend­zettel nicht mehr hinkommt. Will diese Freie Szene ihre Publika mitnehmen, braucht es mehr Kommu­ni­kation als ein paar verquaste Sätze auf einem Abend­zettel. Das Publikum wird es ihr danken – es muss ja nicht das teure Programmheft aus dem Opernhaus sein; intel­li­gente Lösungen, die andere Theater längst gefunden haben, eröffnen ganz andere Horizonte.

Das Publikum dieses Abends, das eher eine Melange aus Freunden und Familie darstellt, applau­diert freundlich. Das ist zu wenig.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: