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In der Vorhölle ist es auch ganz lustig

HEROES
(Andrea Bleikamp)

Besuch am
10. Januar 2018
(Urauf­führung)

 

Wehrt­heater, Orangerie Köln

Seit 1998 gibt es das Wehrt­heater in Köln, das Andrea Bleikamp leitet und mögli­cher­weise Struk­turen vorweg­nimmt, die die Zukunft des privat geführten Theaters bestimmen werden. Es gibt keine feste Spiel­stätte, es gibt kein Ensemble. Produk­tionen werden erst in Angriff genommen, wenn ausrei­chend Gelder, zum Beispiel durch staat­liche Förderung oder auch zunehmend durch Crowd­funding, einge­sammelt wurden. Fehlende Ensembles werden ersetzt durch Netzwerke, aus denen heraus die Produk­tionen punkt­genau besetzt werden. Das klingt erst mal vor allem für die so genannte Freie Szene hochin­ter­essant. Als Regelfall wird ein solches Modell versagen, weil Schau­spieler sich kaum mehr profi­lieren können, die Identi­fi­kation des Publikums mit „seinem Theater“ kurzerhand entfällt. Die Tendenz zum Unter­hal­tungs­theater wird verstärkt. Das postdra­ma­tische Theater unter­stützt die Entwicklung. Das Theater gerät als Kultur­in­sti­tution in die Vorhölle.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Wie man sich eine solche Vorhölle vorzu­stellen hat, zeigt Bleikamp schon einmal in der Kölner Orangerie mit ihrem neuen Stück Heroes, also Helden. Ein großer, schmuck­loser Raum mit einer vergleichs­weisen Zuschau­er­tribüne und einer großen Spiel­fläche, auf der zwei quer zuein­ander stehende Stege aufgebaut sind. Der hintere ist auf der einen Seite begrenzt von einem Keyboard, auf der anderen Seite von Palletten, auf denen eine Unmenge von Flaschen aufgebaut sind, deren Etiketten alkoho­lische Inhalte verraten. Hinter dem Steg schließt ein weißer Vorhang den Raum nach hinten ab und gibt Fläche für Videos, die Jens Standke ausge­wählt hat. Am rechten Rand sind vier Trocken­hauben mit Stühlen davor aufgebaut, links steht eine Tiefkühl­truhe. Ein herme­tisch abgeschlos­sener Raum, in dem Amy Winehouse seit fünf Jahren gefangen ist. Als Lemmy Kilmister und anschließend Prince respektive David Bowie dazustoßen, wird Amy nervös, weil die Alkohol-Vorräte nicht unendlich verfügbar erscheinen. Es beginnt eine Revue, die an Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ erinnert. Versteht man das postdra­ma­tische Theater als Gegen­stück zum Sprech­theater, ist hier eine gelungene Aufführung zu sehen – wenn etwas zu sehen ist, denn mit Theater­nebel wird wahrlich nicht gespart. Sinnvolle Sätze sind kaum zu vernehmen, allen­falls Zitate tauchen als Erinne­rungs­fetzen auf, untermalt von den Videos. Beständig sind vier Schau­spieler in Aktion, imitieren typische Bühnen­auf­tritte, die – aus der Zeit gefallen – eher komisch wirken. Sie wirken wie Anachro­nismen ihrer selbst, blutleer und entkräftet beschwören sie vergangene Zeiten herauf, die nicht mehr faszi­nieren können. Bis ins Detail beleuchtet Peter Behle das mit Weißlicht­ab­stu­fungen bis hin zu witzigen, kleinen Einfällen. Nur die Poesie bleibt ebenso wie das Drama auf der Strecke.

Foto © Meyer Originals

Statt­dessen konzen­trieren sich die Darsteller darauf, in Aktion zu bleiben und morbide Heiterkeit zu verströmen. Bibiana Jimenez hat nicht nur die Choreo­grafien entworfen, sondern gibt auch eine konge­niale Amy Winehouse. Besser kann man die alkohol­ge­tränkte Lange­weile nicht darstellen. Ein drogen­ver­seuchtes Hirn unter skurril aufge­setzter Beehive-Frisur zeigt letzte Zuckungen. Das Kostüm hat Ausstatter Claus Stump vermutlich direkt aus dem Kleider­schrank der Sängerin und Songschrei­berin entwendet, die mit nur zwei Alben zu Weltruhm gelang, der sie so zielsicher ins dröhnende Nichts schickte. Torsten-Peter Schnick gefällt sich als Prince, der auch in der Vorhölle nicht aus seiner Welt herauskann und andere Welten nicht an sich heran­lässt. Ähnlich einem David Bowie, der ja schon zu Lebzeiten nicht von dieser Welt schien. Fabian Ringel zeigt ihn als gehetzten, in sich selbst verliebten Menschen, der vergeblich immer wieder versucht, seiner Situation zu entkommen. Auch Tomasso Tessitori gelingt es als Lemmy Kilmister kaum, das Publikum für eine Zeit zu begeistern, die ihm viel Geld und Achtung einbrachte und ein für alle Mal vergangen ist. Bloßgelegt, seziert münden die einstigen Helden ganzer Genera­tionen in einer Pseudo-Feier.

Anklänge an das Kasperle-Theater – „Seid ihr alle da? Jetzt buht mal alle“ – sind überflüssig wie ein Kropf. Und dass Frauen aus dem Publikum dann zum Schluss auf die Tanzfläche müssen, während Schnaps­gläser auf die Tribüne gereicht werden, will vielleicht die Frater­ni­sierung voran­treiben, wirkt aber eher aufge­setzt und peinlich, hat jeden­falls nichts mit dem Stück zu tun, für das Julia Klomfass die Musik mehr oder minder gut bearbeitet hat. Hier wäre mehr möglich gewesen als Marius Müller-Western­hagen in Köln zu zitieren.

Erleichtert, der Vorhölle und vor allem dem dichten Nebel entronnen zu sein, applau­diert das Publikum nachhaltig, das sich köstlich amüsiert hat. De mortuis nil nisi bene – an diesem Abend bleibt diese Form des Respekts auf der Strecke. Was aber durchaus zu einem Theater passt, das eine stili­sierte Maschi­nen­pistole im Logo trägt.

Michael S. Zerban

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