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Ist die Welt auch noch so schön, einmal muss sie untergeh’n: Je übermütiger die gute Laune, die die Operetten um die Jahrhundertwende verbreiten sollten, umso tiefer die realen Risse und Krisen, die sie übertünchen wollten. Das gilt für das berühmtere Wiener Genre um Franz Lehár und Emmerich Kálmán ebenso wie für die stark vernachlässigte Berliner Operette. Von der hat sich lediglich Paul Linckes Erfolgsstück Frau Luna ins heutige Repertoire retten können. In Dortmund hält die mondäne Mondgöttin derzeit in einer ebenso opulenten wie flotten Produktion Hof. Sehr zum Vergnügen des Publikums, das die Premiere mit ungetrübtem Beifall bedenkt.
1899 als Einakter uraufgeführt, hat Lincke das Werk 1922 um einen prächtigen Mondenscheinball erweitert und dafür etliche weitere Zugnummern seiner anderen Operetten verwendet, wie zuvor bereits für die Urfassung Hits wie die Berliner Luft oder Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe. In Dortmund hat man dem Fest gleich noch drei zusätzliche Stücke, darunter das Glühwürmchen-Lied, einverleibt. Der Unterhaltungswert des flotten Potpourris ist groß. Allerdings gerät der zweite Teil dadurch zu einer reinen Revue, die nahezu jeden Bezug zur ohnehin dürftigen Handlung verliert.
Drei arme Berliner Vorstadt-Typen wollen ihrer nervigen Vermieterin und dem restlichen beschwerlichen Alltag entfliehen und fliegen mit einem selbstgebauten Luftschiff auf den Mond. Die Hoffnung, dass es in dem scheinbar kultivierteren Ambiente des Erdtrabanten besser zugehen könnte als auf der Erde, erweist sich freilich als Illusion. Man begegnet auf dem Mond den gleichen Menschen mit ihren Intrigen, Eifersüchteleien, Profilneurosen und Betrügereien aller Art wie zu Hause.
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Diese Erkenntnis geht in dem Festtagstrubel der Dortmunder Inszenierung freilich verloren. Es wird nicht einmal klar, ob der Trip auf den Mond als Traum des Mechanikers Steppke aufzufassen ist. Entsprechend offen verflüchtigt sich das Ende. Da ist das Theater Krefeld Mönchengladbach in seiner bescheidener ausgestatteten Inszenierung vor zwei Jahren dramaturgisch hintergründiger vorgegangen.
Nicht zu Unrecht wird das Stück als „Revue“- oder „Ausstattungs-Operette“ bezeichnet. Regisseur Erik Petersen und vor allem die Bühnen- und Kostümbildnerin Tatjana Ivschina nehmen diese Gattungsbezeichnungen wörtlich und versuchen erst gar nicht, nach Spurenelementen tieferen Sinns zu suchen oder gar eine Beziehung zur pulsierenden bis explosiven Situation der Entstehungszeit herzustellen. Petersen erweist sich als Genre-kundiger Handwerker, der weiß, wie man Figuren lebendig führt, glanzvolle Tableaus mit Heerscharen von Statisten und Choristen erstellt und rundum gute Laune auf die Bühne bringt.
Ivschina, die in den letzten Jahren in der Region mit fantasievoll ausgestatteten Märchenopern hervorgetreten ist, schöpft auch hier aus dem Vollen. Eine pittoreske Häuserfront mit einem skurrilen Luftschiff im ersten Akt erinnert an verklärende Postkarten-Ansichten des Berliner Alltagsleben. Und der Ball-Akt präsentiert sich so üppig wie eine nostalgische Revue in einem der damaligen Berliner Tanz-Paläste. Ausladende Freitreppen, raumgreifende Balustraden, perspektivisch flexible Hintergrundprospekte und knisternde Feuerwerkeffekte bilden den optischen Humus für das mit Tanzeinlagen und Songs üppig garnierte Mondfest, wobei der glamouröse Auftritt der Titelfigur, wie in der Uraufführung 1899, von zwei Luftballetteusen reizvoll veredelt wird. Nicht weniger beeindruckt die von Tatjana Ivschinas grenzenloser Fantasie beflügelte Kostümparade der Mondwesen, Planeten, Ballettratten und Meteoriten. Und die pfiffige Video-Einblendung von Steppkes Mondfahrt rundet den glänzenden Eindruck ebenso ab wie die virtuos agierende Lichtregie. Optischer Luxus, der die dramaturgischen Mängel der Produktion weitgehend vergessen lässt.

Philipp Armbruster lässt es mit den Dortmunder Philharmonikern nicht an musikalischem Pepp fehlen und spürt den spezifischen, im Unterschied zur Wiener Konkurrenz weit weniger sentimentalen Tonfall des Stücks stilsicher auf. Eine kleine Combo im Souterrain der Ballszene erinnert ein wenig an die Tanzschuppen der ach so „goldenen“ 1920-er Jahre.
Gespielt wird von der Titelheldin bis zur letzten Statistenpartie mit ansteckender Lust an der glamourösen Klamotte. Das schließt den Chor ebenso ein wie fünf anmutig tanzende, von Kati Farkas choreografierte Mondgrazien. Gesanglich hält sich das Niveau allerdings in Grenzen. Emily Newton in der Titelrolle spielt ihre bewährte Bühnenpräsenz wirkungsvoll aus, verknüpft Selbstbewusstsein mit feiner Selbstironie und überzeugt als gewandte Tänzerin noch mehr denn als Sängerin. Und sie scheut sich nicht einmal, zusammen mit den Luftballetteusen Petra Idelberger und Petra Tobias, vor akrobatischen Übungen in luftigen Höhen. Auch Hannes Brock als Prinz Sternschnuppe, der sympathisch überhebliche Schürzenjäger, zieht alle Register meist gediegener Komödianten-Kunst. Mit glänzender Agilität verkörpert Bonko Karadjov den Ur-Berliner Mechaniker Steppke und Johanna Schoppe liefert als impulsive Frau Pusebach die ideale Rollenstudie einer derb auftrumpfenden Nervensäge mit Herz. Dirk Weiler alias Theophil überrascht mit einem vorzüglichen Stepptanz, Ileana Mateescu als Stella und Julia Amos als Mondgroom erfreuen mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und ihren frischen Stimmen.
Großer Beifall für alle Beteiligten und einen Abend mit ungetrübtem Unterhaltungswert. Langeweile und tiefere Bedeutung sind hier chancenlos.
Pedro Obiera