O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Zeitläufte und Liebesverlust

LOVE LIFE
(Kurt Weill)

Besuch am
14. Januar 2018
(Premiere am 9. Dezember 2017)

 

Theater Freiburg, Großes Haus

Fanta­sie­volles und ungewöhn­liches Musik­theater füllt auch an sonnigen Sonntag­nach­mit­tagen die Publi­kumssäle. Diese Erfahrung darf gerade Peter Carp, seit vier Monaten Intendant am Theater Freiburg, machen. Nach der Premiere von Love Life – also Liebes­leben – Anfang Dezember vergan­genen Jahres bleibt auch an diesem Sonntag kaum ein Platz im Großen Haus des Theaters unbesetzt. Und tatsächlich hat das Inten­danten-Team unver­hält­nis­mäßig viel Aufwand in die deutsche Erstauf­führung der Revue von Kurt Weill und Alan Jay Lerner inves­tiert. Chefdra­maturg Rüdiger Bering, der mit Carp von Oberhausen nach Freiburg gekommen ist, hat für die Übersetzung der Texte ins Deutsche gesorgt, die immerhin so gut war, dass die Kurt-Weill-Foundation in die Aufführung einwil­ligte. Dass so etwas nicht mit ein paar Briefen oder Telefo­naten zu erledigen ist, weiß jeder, der sich schon einmal mit Stiftungen oder Erben­ge­mein­schaften von Kompo­nisten ausein­an­der­setzen musste.

Die Mühen haben sich gelohnt. Denn das Werk von Weill und Lerner, das auf eine Idee von Cheryl Crawford zurück­gehen soll, ist in vielerlei Hinsicht ein Schatz. Im Entste­hungsjahr 1948 träumte Weill noch immer von der von ihm zu schaf­fenden ameri­ka­ni­schen Volksoper. In gewisser Hinsicht der Gegen­entwurf zum europäi­schen Opern­museum. Ein Jahr zuvor war er dieser Idee mit Street Scene schon sehr nahe gekommen. Mit Love Life hätte der Durch­bruch gelingen können. Aber es sollte nicht sein. Nach 252 Vorstel­lungen am Broadway verschwand das Stück in der Versenkung. In dieser ganzen Zeit gab es nicht eine einzige Tonauf­zeichnung. Umso unver­ständ­licher, weil Weill einer der größten Anhänger des Radios war. Folge­richtig gab es, nachdem Love Life am Broadway abgespielt war, nur vier szenische Auffüh­rungen weltweit. Es existierte nicht einmal eine ordent­liche Partitur. Erst im vergan­genen Jahr legte die Kurt-Weill-Stiftung eine New Critical Edition vor, die auch die Grundlage für die Arbeit in Freiburg darstellt. Befür­worter behaupten, das Werk sei seiner Zeit einfach zu weit voraus­ge­wesen, um Erfolg haben zu können.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Lerner erzählt die Geschichte der Durch­schnitts­fa­milie Cooper aus Connec­ticut über 150 Jahre, in denen die Familie nicht altert. So erlebt der Zuschauer nicht nur den gesell­schaft­lichen Wandel, sondern auch, was die scheinbar ständig zuneh­mende Notwen­digkeit der Gier mit den Menschen macht. Eigentlich ist die Familie ziemlich glücklich. Samuel Cooper ist Schreiner. Doch alsbald reicht das Geld nicht mehr, er muss in die Fabrik. Die unmensch­lichen Zustände dort lassen ihn Gleis­ar­beiter werden, und im Laufe der Jahre arbeitet er sich zum Bankan­ge­stellten empor. Auch Ehefrau Susan verwandelt sich – von der Hausfrau und Mutter zur Hausfrau, Mutter und Managerin. Auch die beiden Kinder John und Elizabeth steigern ihr Anspruchs­denken. Und endlich reicht es auch für den Fernseher und das eigene Auto. Aber der Preis ist hoch. Das Liebes­leben von Sam und Susan versiegt. Sie trennen sich. Um endlich festzu­stellen, dass die vielge­priesene Freiheit des Einzel­kämpfers vielleicht doch nicht das erstre­bens­werte Ziel ist. Und so beschließen die beiden, noch einmal aufein­ander zuzugehen. Das schrieb Lerner vor 70 Jahren …

Weill fand die ideale Form, den Wechsel musika­lisch darzu­stellen, im Vaude­ville, der vielleicht freiesten Kunstform überhaupt. Denn Vaude­ville war eine Nummern-Revue, die keinen thema­ti­schen Zusam­menhang erfor­derte. Hervor­ge­gangen aus einem berüch­tigten New Yorker Vergnü­gungs­viertel, wurde das wilde Treiben von Theater­un­ter­nehmer Tony Pastor kulti­viert und famili­en­tauglich gestaltet. So weit lässt es der Komponist nicht kommen, sondern tobt sich musika­lisch aus. Das muss für jeden Regisseur eine Heraus­for­derung sein.

Joan Anton Rechi verhebt sich an der Drehbühne. Viel mehr ist ihm zum Lauf der Zeit nicht einge­fallen. Dass er das mit einem Kinosaal verwebt, in dem auf der Leinwand ständig filmische Zitate geliefert werden, hilft Nicht-Cineasten kaum, Spannung zu erleben. Als die berühmte Abschieds­szene aus Casablanca gezeigt wird, kommt Leben ins Publikum. Dabei bleibt es. Bühnen­bildner Alfons Flores unter­laufen zudem noch handwerk­liche Fehler, wenn das Bild immer wieder von der Leinwand läuft, die hinter der Drehbühne angebracht ist. Das sieht reichlich schlampig aus, so dass man sich als Zuschauer auch alsbald nicht mehr sonderlich um die Projek­tionen kümmert. Mercè Paloma gestaltet die Kostüme so anschaulich, dass eine weitere Erklärung der Zeitläufte ohnehin nicht erfor­derlich ist.

Foto © Birgit Hupfeld

Die eigent­liche Leistung Rechis liegt in der Perso­nen­führung. Denn das Stück hat seine Tücken. Weill beschränkt sich nämlich nicht auf seine Solisten, sondern hat auch für den Chor jede Menge Solo-Auftritte parat. Und das bewältigt Rechi mühelos, so dass die ameri­ka­nische Leich­tigkeit des Musicals eintritt, die auch deutsche Zuschauer so sehr lieben.

Wie gewohnt, ist bei Weill die Perso­nal­liste lang. So auch bei Love Life. Aber in Freiburg bis zu den Neben­rollen bestens besetzt. Das wirkt hier alles aus einem Guss. Und das, obwohl sich David Arnsperger als Samuel Cooper vorsorglich als indis­po­niert melden lässt. Aber bis auf einige Kratzer und Unkon­zen­triert­heiten läuft auch für ihn alles bestens. Ulrike Hallas spielt und singt eine bezau­bernde Susan, der man ihre Entwicklung glaubt. Anne Langer als Elizabeth und Timon Roosen als Johnny meistern ihre Aufgaben vorbildlich. Besonders hervor­zu­heben ist auch Tim Al-Windawe als Zauberer. Es ist wirklich unglaublich, welche Qualität da im Südschwarzwald zusammenkommt.

Das gilt im Übrigen auch für das Philhar­mo­nische Orchester Freiburg, das am Vorabend noch einen wunder­baren Jacques Offenbach zu Gehör brachte und sich heute unter der musika­li­schen Leitung von Johannes Knapp in der ameri­ka­ni­schen Unter­hal­tungs­musik badet. Knapp buttert niemanden auf der Bühne unter, und so sind die Übertitel absoluter Luxus, den man sich gerade deshalb so gern gefallen lässt, weil man ihn bei so vielen anderen deutschen Produk­tionen schmerzlich vermissen muss.

Mit der deutschen Erstauf­führung von Love Life hat sich das Theater Freiburg Meriten verdient. Und der Spielplan der laufenden Saison verspricht noch viele Überra­schungen. Klar ist, dass der Intendant gerade mit Pfunden wuchert, die das Budget nicht hergeben kann. Genauso klar ist, dass ein zukunfts­träch­tiges Theater Anlauf­in­ves­ti­tionen braucht. Und die sind in Freiburg Cent für Cent bestens verwendet. Da mag sich manches Opernhaus in Deutschland noch einmal verschämt in den eigenen Spielplan vergraben, um über Verbes­se­rungen nachzudenken.

Mit den bisher gezeigten Produk­tionen, darunter im „Sprech­theater“ auch Stücke, die aus Oberhausen mitge­bracht wurden, bricht das Theater aus dem Kanon aus. Zum neuen Geist, der jetzt in der Univer­si­täts­stadt weht, können sich die Bürger der Stadt gratu­lieren. Und vielleicht wird sich ja auch das Liebes­leben – nicht nur in Freiburg – reani­mieren lassen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: