O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LOVE LIFE
(Kurt Weill)
Besuch am
14. Januar 2018
(Premiere am 9. Dezember 2017)
Fantasievolles und ungewöhnliches Musiktheater füllt auch an sonnigen Sonntagnachmittagen die Publikumssäle. Diese Erfahrung darf gerade Peter Carp, seit vier Monaten Intendant am Theater Freiburg, machen. Nach der Premiere von Love Life – also Liebesleben – Anfang Dezember vergangenen Jahres bleibt auch an diesem Sonntag kaum ein Platz im Großen Haus des Theaters unbesetzt. Und tatsächlich hat das Intendanten-Team unverhältnismäßig viel Aufwand in die deutsche Erstaufführung der Revue von Kurt Weill und Alan Jay Lerner investiert. Chefdramaturg Rüdiger Bering, der mit Carp von Oberhausen nach Freiburg gekommen ist, hat für die Übersetzung der Texte ins Deutsche gesorgt, die immerhin so gut war, dass die Kurt-Weill-Foundation in die Aufführung einwilligte. Dass so etwas nicht mit ein paar Briefen oder Telefonaten zu erledigen ist, weiß jeder, der sich schon einmal mit Stiftungen oder Erbengemeinschaften von Komponisten auseinandersetzen musste.
Die Mühen haben sich gelohnt. Denn das Werk von Weill und Lerner, das auf eine Idee von Cheryl Crawford zurückgehen soll, ist in vielerlei Hinsicht ein Schatz. Im Entstehungsjahr 1948 träumte Weill noch immer von der von ihm zu schaffenden amerikanischen Volksoper. In gewisser Hinsicht der Gegenentwurf zum europäischen Opernmuseum. Ein Jahr zuvor war er dieser Idee mit Street Scene schon sehr nahe gekommen. Mit Love Life hätte der Durchbruch gelingen können. Aber es sollte nicht sein. Nach 252 Vorstellungen am Broadway verschwand das Stück in der Versenkung. In dieser ganzen Zeit gab es nicht eine einzige Tonaufzeichnung. Umso unverständlicher, weil Weill einer der größten Anhänger des Radios war. Folgerichtig gab es, nachdem Love Life am Broadway abgespielt war, nur vier szenische Aufführungen weltweit. Es existierte nicht einmal eine ordentliche Partitur. Erst im vergangenen Jahr legte die Kurt-Weill-Stiftung eine New Critical Edition vor, die auch die Grundlage für die Arbeit in Freiburg darstellt. Befürworter behaupten, das Werk sei seiner Zeit einfach zu weit vorausgewesen, um Erfolg haben zu können.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Lerner erzählt die Geschichte der Durchschnittsfamilie Cooper aus Connecticut über 150 Jahre, in denen die Familie nicht altert. So erlebt der Zuschauer nicht nur den gesellschaftlichen Wandel, sondern auch, was die scheinbar ständig zunehmende Notwendigkeit der Gier mit den Menschen macht. Eigentlich ist die Familie ziemlich glücklich. Samuel Cooper ist Schreiner. Doch alsbald reicht das Geld nicht mehr, er muss in die Fabrik. Die unmenschlichen Zustände dort lassen ihn Gleisarbeiter werden, und im Laufe der Jahre arbeitet er sich zum Bankangestellten empor. Auch Ehefrau Susan verwandelt sich – von der Hausfrau und Mutter zur Hausfrau, Mutter und Managerin. Auch die beiden Kinder John und Elizabeth steigern ihr Anspruchsdenken. Und endlich reicht es auch für den Fernseher und das eigene Auto. Aber der Preis ist hoch. Das Liebesleben von Sam und Susan versiegt. Sie trennen sich. Um endlich festzustellen, dass die vielgepriesene Freiheit des Einzelkämpfers vielleicht doch nicht das erstrebenswerte Ziel ist. Und so beschließen die beiden, noch einmal aufeinander zuzugehen. Das schrieb Lerner vor 70 Jahren …
Weill fand die ideale Form, den Wechsel musikalisch darzustellen, im Vaudeville, der vielleicht freiesten Kunstform überhaupt. Denn Vaudeville war eine Nummern-Revue, die keinen thematischen Zusammenhang erforderte. Hervorgegangen aus einem berüchtigten New Yorker Vergnügungsviertel, wurde das wilde Treiben von Theaterunternehmer Tony Pastor kultiviert und familientauglich gestaltet. So weit lässt es der Komponist nicht kommen, sondern tobt sich musikalisch aus. Das muss für jeden Regisseur eine Herausforderung sein.
Joan Anton Rechi verhebt sich an der Drehbühne. Viel mehr ist ihm zum Lauf der Zeit nicht eingefallen. Dass er das mit einem Kinosaal verwebt, in dem auf der Leinwand ständig filmische Zitate geliefert werden, hilft Nicht-Cineasten kaum, Spannung zu erleben. Als die berühmte Abschiedsszene aus Casablanca gezeigt wird, kommt Leben ins Publikum. Dabei bleibt es. Bühnenbildner Alfons Flores unterlaufen zudem noch handwerkliche Fehler, wenn das Bild immer wieder von der Leinwand läuft, die hinter der Drehbühne angebracht ist. Das sieht reichlich schlampig aus, so dass man sich als Zuschauer auch alsbald nicht mehr sonderlich um die Projektionen kümmert. Mercè Paloma gestaltet die Kostüme so anschaulich, dass eine weitere Erklärung der Zeitläufte ohnehin nicht erforderlich ist.

Die eigentliche Leistung Rechis liegt in der Personenführung. Denn das Stück hat seine Tücken. Weill beschränkt sich nämlich nicht auf seine Solisten, sondern hat auch für den Chor jede Menge Solo-Auftritte parat. Und das bewältigt Rechi mühelos, so dass die amerikanische Leichtigkeit des Musicals eintritt, die auch deutsche Zuschauer so sehr lieben.
Wie gewohnt, ist bei Weill die Personalliste lang. So auch bei Love Life. Aber in Freiburg bis zu den Nebenrollen bestens besetzt. Das wirkt hier alles aus einem Guss. Und das, obwohl sich David Arnsperger als Samuel Cooper vorsorglich als indisponiert melden lässt. Aber bis auf einige Kratzer und Unkonzentriertheiten läuft auch für ihn alles bestens. Ulrike Hallas spielt und singt eine bezaubernde Susan, der man ihre Entwicklung glaubt. Anne Langer als Elizabeth und Timon Roosen als Johnny meistern ihre Aufgaben vorbildlich. Besonders hervorzuheben ist auch Tim Al-Windawe als Zauberer. Es ist wirklich unglaublich, welche Qualität da im Südschwarzwald zusammenkommt.
Das gilt im Übrigen auch für das Philharmonische Orchester Freiburg, das am Vorabend noch einen wunderbaren Jacques Offenbach zu Gehör brachte und sich heute unter der musikalischen Leitung von Johannes Knapp in der amerikanischen Unterhaltungsmusik badet. Knapp buttert niemanden auf der Bühne unter, und so sind die Übertitel absoluter Luxus, den man sich gerade deshalb so gern gefallen lässt, weil man ihn bei so vielen anderen deutschen Produktionen schmerzlich vermissen muss.
Mit der deutschen Erstaufführung von Love Life hat sich das Theater Freiburg Meriten verdient. Und der Spielplan der laufenden Saison verspricht noch viele Überraschungen. Klar ist, dass der Intendant gerade mit Pfunden wuchert, die das Budget nicht hergeben kann. Genauso klar ist, dass ein zukunftsträchtiges Theater Anlaufinvestitionen braucht. Und die sind in Freiburg Cent für Cent bestens verwendet. Da mag sich manches Opernhaus in Deutschland noch einmal verschämt in den eigenen Spielplan vergraben, um über Verbesserungen nachzudenken.
Mit den bisher gezeigten Produktionen, darunter im „Sprechtheater“ auch Stücke, die aus Oberhausen mitgebracht wurden, bricht das Theater aus dem Kanon aus. Zum neuen Geist, der jetzt in der Universitätsstadt weht, können sich die Bürger der Stadt gratulieren. Und vielleicht wird sich ja auch das Liebesleben – nicht nur in Freiburg – reanimieren lassen.
Michael S. Zerban