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Überflüssiger Glanz

DAS KUNSTSEIDENE MÄDCHEN
(Irmgard Keun)

Besuch am
19. Januar 2018
(Premiere am 15. April 2016)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss, Studio

Die Zeit der ausge­henden Weimarer Republik war für junge Frauen der schlichte Alptraum. Auf dem Land und in den Klein­städten gab es für sie so gut wie keine Arbeit. In den Großstädten konnten sie sich mit viel Glück als Hausmädchen, Sekre­tä­rinnen oder Servier­hilfen verdingen. Immer auf der Suche nach dem „Versorger“, dem Mann, der mit seinem Einkommen für ein gemein­sames Leben sorgen konnte. Oder auf der Suche nach der großen Karriere, was noch häufiger ins Leere führte. Irmgard Keun sprach von den Mädchen „auf den Berliner Pracht­straßen in seidig glänzenden Fähnchen, die gern Kleider aus Seide hätten“. 1932 erschien ihr wunder­barer Roman Das kunst­seidene Mädchen, der das Leben der 18-jährigen Doris aus der Rhein­provinz auf ihrem Weg in Berlin in den Jahren 1930 und 1931 beschreibt.

Neben der Gesell­schafts­kritik, die nach der Buchver­öf­fent­li­chung weitgehend unbeachtet blieb und nach dem Verbot des Buchs durch die natio­nal­so­zia­lis­tische Regierung ohnehin obsolet war, beein­druckt der Roman durch seine authen­tische, bildhafte Sprache, die bis heute unerreicht bleibt. Mit der Grammatik ist die Ich-Erzäh­lerin ohnehin auf dem Kriegsfuß – Kommata lässt sie lieber weg, als sie falsch zu setzen, weil sich das leichter korri­gieren lässt – aber viel wichtiger ist, dass sie im Falschen Bilder findet, die treff­si­cherer kaum sein könnten. Es ist ein großes Glück für die Bühnen­fassung, dass Gottfried Greif­fen­hagen Doris‘ Ausdrucks­weise übernommen hat. Damit ist die Basis für einen Erfolg der gut einstün­digen Solo-Vorstellung geschaffen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das Rheinische Landes­theater Neuss hat die Solo-Vorstellung Anna Lisa Grebe angeboten. Grebe stammt gebürtig aus Gießen, hat in Leipzig Musical und Gesangs­päd­agogik und anschließend in Wien Schau­spiel studiert. Mit dem Abschluss am Max-Reinhardt-Seminar kam sie 2015 an das Landes­theater, wo sie seither das Neusser Publikum begeistert. Als die Intendanz ein Jahr später mit dem Angebot auf sie zukam, im Rahmen der Reihe Freispiel die Doris zu übernehmen, stimmte Grebe sofort und erfreut zu.

Die Erfahrung zeigt, dass man Auffüh­rungen im Studio des Landes­theaters immer besondere Aufmerk­samkeit widmen sollte. Auch Regisseur Sebastian Zarzutzki reiht sich da gerne in die besonders liebe­vollen Insze­nie­rungen ein. Er möchte Doris lebensecht und immer mit dieser Lebenslüge zeigen, in der man mit jedem noch so heftigen Tiefschlag immer weiter nach vorn schauen kann. Diskus­si­ons­würdig, wenn er die Betonung auf das material girl von Madonna drehen lässt. Denn im Berlin der 30-er Jahre geht es eher um das blanke Überleben als um sinnent­leerte Windows-Shopping- oder It-Girls. Sarah Durry hat dazu eine Bühne gebaut, die drei Stationen in dem Kellerraum verteilt. Vorne links steht die Musik-Station mit elektri­schem Piano, Stuhl und Mikrofon. Quer durch die Mitte verläuft ein Laufsteg, rechts davon im Hinter­grund ein Kleider­ständer. Ansonsten ist der Raum komplett auf schwarz reduziert. Das Licht schwankt zwischen Spots und greller Beleuchtung, lässt Doris aber auch gern mal in die Dunkelheit laufen. Das ist gekonnt und baut Spannung auf. Alide Büld kleidet Grebe in ein pinkfar­benes Trikot, über dem sie einen Spitzen­anzug trägt. Dazu gibt es schwarze Stöckel­schuhe. Die Kleider auf der Stange bleiben weitgehend Staffage, abgesehen von dem Fee, einem Pelzmantel, den Doris unredlich aus der Theater­gar­derobe erworben hat, und einer weißen Boa.

Foto © Björn Hickmann

Solcher­maßen ausge­stattet, darf Grebe sich austoben. Und da sieht doch alles danach aus, als sei das Stück für sie geschrieben. Immer wieder wechselt sie Stationen und Spiel­tempo, nutzt erlesen den Witz des Buches und vergisst auch die Untertöne der Verzweiflung nicht. Schon bald ist die Grebe vergessen, weil eine lebens­echte und in ihrer Naivität und stur optimis­ti­schen Lebens­haltung entste­hende Doris die Handlung übernimmt. „Ich werde ein Glanz“ intoniert sie immer wieder. Nein, sie glänzt nicht, sondern überlebt. Immer wieder. Sie tanzt durch ein Leben, das keines ist. Zutiefst beein­dru­ckend. Da versiegt zwischen­zeitlich sogar die Sucht der Zuschauer nach Komödie. Das Lachen gefriert.

Das Neusser Theater geizt mit Infor­ma­tionen. Und so erfahren wir nicht, wem die wunder­vollen Arran­ge­ments der Gesangs­ein­lagen zu verdanken sind. Da wird der fröhliche Hit der Comedian Harmo­nists zur sinnlichen Ballade, Madonnas Hit zum eindrucks­vollen Lied. Das Wechselbad der Gefühle, die Doris durchlebt, spiegelt sich unver­fälscht wider.

Die Wieder­auf­nahme wird vom Publikum begeistert gefeiert. Etliche erheben sich von ihren Sitzen, andere verlegen sich aufs Trampeln. Der Geist Keuns durchweht die Keller-Etage des Theaters, und dabei wird eines klar: Solche Zeiten wollen wir nie wieder. „Vielleicht ist ein solcher Glanz auch nicht notwendig“, verab­schiedet sich Doris. Und Anna Lisa Grebe hat ein Meister­stück abgeliefert.

Michael S. Zerban

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