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Zur Einstimmung bekommt der Zuschauer einen bemalten Vorhang mit einem zersetzten Tierkopf, mit einem hohlen Auge, blutige Sehnen und Knorpel zu sehen. Ein Horrorbild für alle Vegetarier und sensible Seelen. Kaum geht der Vorhang auf, kommt das nächste unappetitliche Bild – Carmen sitzt in ihrem roten Rüschenkleid auf den Stufen der Stierkampfarena, und ein Stier hängt über ihr ab. Man ahnt, auch Carmen wird wie dieser Stier enden.
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Regisseur Ole Anders Tandberg lässt die Aktion in einem Einheitsbühnenbild auf einer Drehbühne stattfinden. Zeitweilig ist die runde Treppenkonstruktion von Erlend Birkeland die Zigarrenfabrik, die Gebirgslandschaft der Kontrabandisten oder eben die Stierkampfarena. Knarzend scheint sich die Drehbühne immer dann zu drehen, wenn es musikalisch am meisten stört. Tandberg lässt die Aktion in einer fiktiven Zeit, an einem fiktiven Ort stattfinden. Zusammen mit Kostümbildnerin Maria Geber hat er sich da manches einfallen lassen: so ist manchmal Mexiko mit „Tag-der-Toten“-Kinderprozessionen angedeutet, dann aber stolzieren männliche Statisten in langen schwarzen Frauenkleidern und aufwändigen spanischen Mantillas mit schwarzen Taschen grundlos über die Bühne. Carmen, Mercedes und Frasquita tragen folkloristisch identische Kostüme. Die Würde von einem Toreador wie Escamillo wird durch sein – zwar authentisches – grell gelbes Satin-Kostüm ins Lächerliche gezogen und macht aus ihm eine Clownsfigur. Die zeitlos gekleideten Geiseln im dritten Akt werden mit Augenbinden dargestellt. Sie werden im Intermezzo zum dritten Akt von den Kontrabandisten lautlos abgeknallt und für den Organhandel ausgeweidet. Das hat zur Folge, dass das wunderbare Karten-Terzett von Carmen, Mercedes und Frasquita zur Parodie wird – hier werden Nieren, Herzen und was es sonst so alles gibt, herumgeworfen und spekuliert, was die Zukunft so alles bringen wird. Sehr appetitlich oder lustig – im ethischen, musikalischen und dramatischen Sinne – ist das alles nicht. Immerhin ist eine weitere logische Folgerung, dass Don José der niedergestochenen Carmen das Herz herausreißt und es als Trophäe hochhält. So ist es halt mit Parodien. Es wird alles ins Groteske gezogen. Muss die Inszenierung deshalb die Menschenwürde verachten?

Hoffnungsvoller stimmt die musikalische Seite. Clémentine Margaine – zuletzt als Fidès in Le Prophète gefeiert – gibt eine kühle, fast arrogante Frau, die mit allen Männern ihren Spaß haben will, wohl wissend, dass ihr kein glückliches Ende bevorsteht. Von Liebe oder tiefen Gefühle ist da keine Spur. Davon zeigt Charles Castronovo schon viel mehr. Mit seinem schönen lyrischen Tenor gibt er der armseligen Figur des Don José Glaubwürdigkeit. Heidi Stober singt die dankbare Partie der Micaela mit viel Selbstbewusstsein. In diesen Tagen der „#metoo“-Debatte ist ihre erste Szene dann gleichfalls als Parodie einzustufen – die Soldatengarde deutet eine Vergewaltigung mit erigierten Gewehren an, die Micaela aber mit resoluten Bewegungen abwehrt. In ihrem Auftritt im dritten Akt ist sie die einzige, die sich über die herumliegenden, sezierten Leichen ekelt. Markus Brück als Escamillo bewältigt seine Partie mit Bravour. Auch seiner Rolle verlangt die Regie einiges ab: während seiner Arie im zweiten Akt schneidet er die Hoden eines auf der Bühne liegenden toten Stieres ab und präsentiert diese mit großem Gestus Carmen. Sie wiederum geht mit ihnen spielerisch um und entledigt sich derer ganz einfach, indem sie sie in den Orchestergraben fallen lässt. Wenn das kein Zeichen ist, dass auch ihre Zuneigung für Escamillo nicht von Dauer sein wird …
Ivan Repušić führt das Orchester mit flottem Tempo voran, klar und präzise. Ab und zu wird es etwas zu laut, aber das erträgt die Inszenierung durchaus. Aber er kann auch anders – Micaelas Arien werden mit Schmelz und Gefühl unterlegt. Jeremy Bines und Christian Lindhorst sorgen dafür, dass Chor und Kinderchor der Deutschen Oper wie immer exzellent musikalisch vorbereitet sind.
Die Folgen der Havarie über Weihnachten, bei der die Bühne der Oper unter Wasser gesetzt wurde, sind vom Zuschauer nicht wahrzunehmen. Von den Anstrengungen der Technik und des Hauses, den Intentionen des Regisseurs dieser Produktion so treu wie möglich zu bleiben, merkt man nichts. Nur zwei längere – angesagte – Umbaupausen lassen ahnen, dass hinter der Bühne noch nicht alles in Ordnung ist.
Die Buh-Rufe für das Regie-Team und bravi für die Sänger, Dirigent und Chor halten sich in etwa die Waage.
Zenaida des Aubris