O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Viel Neues unter der Frühlingssonne

IN BLOOM – UN SACRE DU PRINTEMPS
(Pierre Bolo, Annabelle Loiseau)

Besuch am
24. Januar 2018
(Deutsche Erstaufführung)

 

Forum Lever­kusen

Wer heute ein Ballett zur Musik von Igor Strawinskys Le sacre du printemps choreo­gra­fieren will, muss sich schon etwas wirklich Neues einfallen lassen. Angefangen mit Vaslav Nijinski, haben sich so gut wie alle bedeu­tenden nachfol­genden Choreo­grafen mit dem Stück befasst. Was gäbe es dem also noch Sinnvolles hinzu­zu­fügen? Pierre Bolo und Annabelle Loiseau haben eine Antwort gefunden. „Le sacre du printemps klopfte quasi an meine Tür … Der besondere Rhythmus, die Beats und die Bässe dieses Meister­werks; die Schritte und typische Bewegungs­sprache von Nijinskis Choreo­grafie waren wie ein Hinweis für Annabelle und mich“, erzählt Bolo. Der HipHop-Tänzer, Choreo­graph, Schau­spieler und Regisseur gründete 2005 zusammen mit Tänzerin Loiseau in Nantes die Compagnie Chute Libre, was so viel wie freier Fall bedeutet. Anfang November war die Urauf­führung ihres neuesten Werkes In Bloom – Sacre du Printemps in Rouen zu erleben. „Für uns war die Verbindung der Original-Choreo­grafie zum HipHop offen­sichtlich, die Art, Musik zu erleben und zu tanzen“, erinnert Bolo sich an die Entstehung des neuen Stücks, das bereits jetzt im Forum Lever­kusen aufge­führt wird.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mit einem Kunst­griff verwandelt die Compagnie das Stück über einen grausamen Ritus in ein Fest über Trauer­arbeit, ohne den archai­schen Charakter aufzu­geben. Die Bühne ist komplett geräumt, die Vorhänge zu den Seiten­bühnen sind entfernt. Der Blick geht hoch zu den Seilzügen, an denen ein paar Schein­werfer und ein Lüster aufge­hängt sind. Auf der Bühne selbst sind seitlich zahlreiche Schein­werfer fest aufge­stellt, davor etliche freibe­weg­liche. Ein paar Sitzge­le­gen­heiten und ein Tisch komplet­tieren die Ausstattung. Eine Tänzerin betritt die Bühne und legt sich als Tote hin. Sie ist das Opfer der Frühlings­weihe. Im Folgenden wird die Compagnie tanzend um die Tote trauern, bis im erlösenden Finale die Vergan­genheit begraben wird. Annabelle Loiseau hat gemeinsam mit Nathalie Nomary die Kostüme ausge­wählt. Im ersten Teil treten die Tänzer in „urbaner Alltags­kleidung“, mit Mänteln bekleidet auf, die sie im zweiten Teil ablegen. Das korre­spon­diert mit der Choreo­grafie und dem Tanzstil. Ein fantas­ti­sches Licht-Design hat Véronique Hemberger geschaffen, einer der absoluten Höhepunkte des Abends. Mit ständig wechselnden Aufstel­lungen der Schein­werfer entstehen auf der ansonsten schwarzen Bühne immer neue Licht­räume in verschie­denen Inten­si­täten. Im ersten Teil ist die Bühne so hell, dass man die Akteure kennen­lernen kann, erst später erlaubt die Licht-Designerin sich auch Verschat­tungen, die dann für große Spannung sorgen. Das ist wirklich von Anfang bis kurz vor Ende exzellent durch­dacht. Dass ganz zum Schluss grelle LED-Lichter das Publikum blenden, kann man durchaus als „Hoffnungs­schimmer“ werten, aber dazu hätten die Schein­werfer auch gen Himmel gerichtet sein können. Selten aber ist im Tanz eine solche Inten­sität allein mit dem Licht bewirkt worden, wie sie hier zu erleben ist.

Foto © Stéphane Tasse

Die zehn Tänzer verhehlen ihre HipHop-Wurzeln nicht, reduzieren sie aber auf einzelne Elemente in einem zeitge­nös­si­schen Tanz, der sehr kraftvoll daher­kommt und die Arme auffallend stark in die rhyth­mische Arbeit einbe­zieht. Da werden die Hände zum Himmel gereckt, um die Hilfe der Götter in der Trauer herbei­zu­flehen oder in typischer Manier zum Körper verhalten, wie sie eben in Götter­dar­stel­lungen so oft zu finden ist. Der Charakter des ursprüng­lichen Balletts in der orien­ta­li­schen Ausrichtung bleibt also erhalten, ohne auf Moder­nität durch HipHop-Elemente zu verzichten. Vor allem der erste Teil ist stark von der Gruppe geprägt. Hier kann die Compagnie ihre Präzision unter Beweis stellen, wenn sie aus freien Läufen in die Synchro­nität des Corps scheinbar aus dem Nichts zusam­men­findet. Erst ist zweiten Teil ist Platz für Pas de deux oder ein über Minuten fesselndes Solo von Clementine Nirennold, die gleichsam von den Toten aufer­steht und in die Erinne­rungswelt der Hinter­blie­benen wechselt. In der Blüte – in bloom – ihres Lebens hat sie die Welt verlassen, um nun in der Ewigkeit der Musik zu folgen. Das wird nicht erzählt, sondern sehr gekonnt vertanzt. Kompliment also auch für eine großartige Choreo­grafie, die über 50 Minuten mitreißt.

Wieder einmal kommt die Musik aus dem Lautsprecher, was in diesem Fall gerecht­fertigt ist, weil die Compagnie eine Einspielung des Cleveland Orchesters unter der Leitung von Pierre Boulez aus dem Jahr 1947 verwendet – und das zu Recht. Denn diese Version betont die Rhythmik stärker als die Orien­talik, was dem Gesamt­ein­druck sehr zugute kommt. In der Kompo­sition des Zwischen­spiels von Yvan Talbot und Philippe Pham Van Tham ist dann auch eine Aufnahme von Leonard Bernstein einge­flochten, in der dieser die Vorzüge der einzelnen Instru­mente preist. Eine hübsche Idee.

Die Veran­stalter haben Mut bewiesen. Nach 50 Minuten ist das Ende des Abends erreicht. Und es gibt keine Stücke, die den Abend künstlich verlängern. Bravo! Auch dem Publikum im sehr gut besuchten Saal gefällt das, denn so kann es die Akteure hemmungslos im Stehen für eine Inter­pre­tation feiern, die frisch und modern daher­kommt, ohne den Charakter des Werkes zu verraten. Wieder ein außer­or­dentlich gelun­gener Abend im Forum, der dem kommenden Höhepunkt voran­ge­stellt wurde. Denn Mitte März ist dann wieder Eric Gauthier zu Gast – im zehnten Jahr in Lever­kusen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Gauthier selbst hat gerade bekannt­ge­geben, dass er sich mit Anfang 40 als aktiver Tänzer von der Bühne zurück­ziehen wird. Auf seine erfri­schenden Ansprachen werden die Lever­ku­sener aber wohl auch in Zukunft nicht verzichten müssen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: