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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
26. Januar 2018
(Premiere)
Er ist nahezu omnipräsent: Von Anfang an wird Bassa Selim und sein Lebensschicksal bei Wolfgang Amadeus Mozarts Die Entführung aus dem Serail bei der Salzburger Mozartwoche in den Mittelpunkt der Inszenierung von Andrea Moses gestellt. Mit weißem Seidenschal, weißer Hose und Leinen-Sakko, wie ein Double von Regisseur Hans Neuenfels gekleidet, ist er ein heutiger Filmregisseur, der seine westliche Heimat verließ und in die Türkei auswanderte, zum Islam konvertierte, weil ihm seine geliebte Frau von einem Nebenbuhler ausgespannt wurde. Dieses Trauma versucht er nun, mit einem neuen Film über diese Entführung aufzuarbeiten. Dass ihm jetzt als nunmehr reicher Mann der Sohn des Feindes und dessen Braut, die er begehrt, in die Hände gefallen ist, ist ihm sehr willkommen. Trotzdem muss er erkennen, dass er gescheitert ist. Denn das finale Nachgeben des Bassa, er wird von Peter Lohmeyer etwas zu exaltiert und manieriert gespielt, erfolgt nicht aus humanitären Gründen, sondern aus Zorn mangels anderer Möglichkeit. So kommt aber die zutiefst humanistische und verzeihende Botschaft des Singspiels nicht über die Rampe.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Doch Moses scheitert nicht nur an ihrer Konzeption, sondern auch aus anderen Gründen. Penetrant oft filmen entbehrliche Kamerateams, es entstehen immer wieder endlose lange Kunstpausen, den von der Regisseurin und dem Dramaturgen Thomas Wieck stark veränderten, sehr „deutsch“ klingenden, aktualisierten Dialogen fehlt jeglicher Witz und Charme und mit billigen, ebenfalls witzlosen Slapsticks wird das Singspiel auf die enorme Länge von dreieinhalb Stunden ausgewalzt. Zudem lässt sich vieles kaum erklärbar nachvollziehen und lässt viele ratlos zurück. Und was das Schlimmste ist, es erzeugt dabei unendlich viel Fadesse! Da kann auch der ästhetische, meist wie ein fliegender Teppich über den Köpfen schwebende Raum, das Serail, mit Goldlametta-Vorhang, wie eine Bibliothek ausgestattet – die Bühne stammt von Jan Pappelbaum – nichts ändern.

Und das ist schade, denn das jung besetzte Sängerensemble, natürlich ohne Turbane und Pluderhosen, sondern in heutigen Gewändern, die Svenja Gassen geschaffen hat, kann durchaus punkten: Eine Ausnahme davon ist jedoch Robin Johannsen in der extrem schwierigen Rolle der Konstanze, deren Sopran doch zu leichtgewichtig erscheint und die oft exaltiert und gurrend die Töne nicht immer aussingt. Die „Marterarie“ gerät ihr bis auf einige scharfe Spitzentöne und angestrengte Koloraturen vortrefflich. Über einen hellen Tenor verfügt Sebastian Kohlhepp als schmachtender Belmonte. Koloratursicher und quirlig hört man Nikola Hillebrand als Blonde, eine Rolle, von der auch außergewöhnliche Stimmkünste verlangt werden. Julian Prégardien ist einmal kein leichtgewichtiger Buffo, sondern ein exzellent besetzter Pedrillo. David Steffens ist ein sehr junger Osmin, eine der zwiespältigsten Figuren des Stücks, mit profunder Tiefe und Volumen. Vortrefflich singt der Salzburger Bachchor, der von Alois Glaßner einstudiert wurde.
Mit großer Frische und reichen, dynamischen Akzenten hört man die Akademie für Alte Musik Berlin unter René Jacobs. Die erlesenen, melodischen Erfindungen werden jedoch einerseits teils mit zu wenig emotionaler Innigkeit und andererseits mit zu viel, auch die Dialoge untermalende, musikalische Effekte und einigen anderen Musikstücken von Mozart völlig überladen.
Jubel für Dirigent und Sänger. Eindeutige Missfallenskundgebungen durch einen Buh-Orkan für die Regisseurin.
Helmut Christian Mayer