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Puccinis Tosca geht bekanntlich mit ihren Protagonisten hart ins Gericht, alle Hauptcharaktere sterben. An der Metropolitan Opera stellt sich das ab Februar vergangenen Jahres auf eine andere Weise dar: Peter Gelb hat gerade erst den neuen Spielplan samt einer neuen Tosca bekannt gegeben, da gibt Jonas Kaufmann bekannt, dass er nicht den Cavaradossi singt, weil er seine beruflichen Verpflichtungen überdacht habe. Im darauffolgenden Sommer springt die Tosca selbst ab: Kristine Opolais nennt „persönliche Gründe“, gemunkelt wird, dass schlechte Kritiken für ihre Rusalka an der Met sie verunsichert oder verärgert haben. Der Dirigent Andris Nelsons springt hinterher, er ist der Ehemann von Opolais. James Levine soll zunächst übernehmen, wird dann aber von Bord geworfen, als der Missbrauchsskandal in den USA hohe Wellen schlägt. Und als letztes quittiert Bryn Terfel als Polizeichef Scarpia seinen Dienst. Auch Bösewichter können vokal erschöpfen.
Dass die Produktion selbst eine reine Alternative darstellt, darf auch nicht vergessen werden. Peter Gelb übernimmt 2006 das Amt des Intendanten an der Met und schafft 2009 ein Heiligtum des Spielplans ab. Die Tosca in der opulenten Ausstattung von Franco Zeffirelli wurde bis dahin seit 1985 gespielt. Sein Nachfolger Luc Bondy versucht es ohne römischen Pomp auf der Bühne. Seine Inszenierung findet zwar den Weg nach München zur Staatsoper, aber keine Freunde in New York. Dass ein Repertoire-Klassiker wie Tosca nach acht Jahren schon wieder ersetzt wird, ist eine klare Aussage.
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Nun darf David McVikar an die Reihe, aber es ist vor allem der Ausstatter John Macfarlane, der dieser Produktion seinen Stempel aufdrückt. Opulent beschreibt seine Bühnenbilder und Kostüme noch zu wenig, detailfreudig schon eher. Es erinnert an die Zeit der Grand Opéra, als Regisseure wie Zeffirelli und Schenk die Oper in gewaltigen Bildern auf die Bühne holten. Von einer Kopie der Altmeister möchte man aber angesichts dieser Arbeit nicht sprechen. Wenn hier etwas kopiert wird, dann die Originalschauplätze des Dramas und das ist ein wahrer Augenschmaus. Aber es ist nicht nur eine Zurschaustellung der Details, sondern auch ein Mittel zum Zweck wie diese schöne Fassade sich mit der kalten Atmosphäre des Dramas mischt. Beispielhaft ist der zweite Akt. Das Kaminfeuer und das durch die Fenster fallende Nachtlicht – dafür ist David Finn verantwortlich – tauchen den Raum im Palazzo Farnese in unheimliche Schatten, wo Schergen wie Spoletta eine Zeitlang fast unsichtbar am Kaminsims das Geschehen belauern.
Es ist eine Produktion, die für die weltweiten Kinoübertragungen prädestiniert ist. Alles in allem gelingt es Gary Halvarson, die Aufführung sehr ordentlich einzufangen. Der Ton könnte stellenweise etwas besser abgemischt sein. Auch wünscht man sich noch mehr ein Auge für die vielen Details auf der Bühne. Immerhin bekommt man als Kinobesucher einen Großteil der beiden fast 30-minütigen Umbaupausen mit, weil Isabel Leonard ihre meist sehr unterhaltsamen Interviews immer mit Blick auf die Arbeiter führt. Wenn mal nicht gesprochen wird, dann läuft die Kamera weiter und man kann bestaunen, wie aufwändig die Kulisse zusammengesetzt wird. Ein großer Vorteil gegenüber den Menschen im Opernhaus.
Auch manche Nahaufnahme der Künstler ist ein Gewinn, wenn auch nicht jede. Aber so bekommt man manches mimische Detail mit, dass dem Besucher vor Ort verborgen bleibt. Denn McVicars Inszenierung mag traditionell sein, aber keinesfalls altbacken oder behäbig. Zusammen mit der Bewegungsregisseurin Leah Hausman hat er dem Echtzeitthriller Tosca eine überraschend jugendlich frische, und in den Auftritten gut abgestimmte Personenregie gegeben, die mit der genau richtigen Portion Leidenschaft erfüllt ist, aber immer dem Stil des Verismo treu bleibt. Allerdings steht zu befürchten, dass diese Genauigkeit im Laufe der nächsten Jahre etwas verwässert, denn zweifellos ist diese Produktion auf die drei neuen Hauptdarsteller Sonya Yoncheva, Vittorio Grigolo und Željko Lučić zugeschnitten, die nicht nur dank der wunderbaren Kostüme eine bemerkenswerte Figur auf der Bühne machen.

Yoncheva und Grigolo sind als Tosca und Cavaradossi ein ungewohnt junges Liebespaar. Sie mit einer selbstverständlichen Eifersucht, einer Spur Eitelkeit, ein bisschen Drama-Queen. Er ein junger, impulsiver Mann mit einem Hang zu einer politischen Leidenschaft, die alle das Leben kosten wird. Seine Verzweiflung am Ende der Oper ist verständlich, die Angst vor der Exekution spielt Grigolo atemberaubend greifbar. Seinen Tenor setzt er nicht für den strahlenden Effekt ein, sondern für die Rolle. Da klingt es manchmal auch einen Hauch angestrengt, aber immer im Rahmen einer technisch mehr als achtbaren Bewältigung. Beeindruckend ist seine aus sich herauskommende Interpretation. Das ist nicht gemacht, sondern gelebt. Wie Grigolo ist auch Sonya Yoncheva eine Rollendebütantin, die einmal mehr ihre Karriere durch beherztes Einspringen vorantreibt. Ihr Mut, die Tosca erstmals an der Met zu singen, wird belohnt. Über alle Register hinweg klingt ihre Stimme ausgeglichen und frei von Schärfen. Die Höhe muss nie nach oben gedrückt werden, sondern entsteht in der Linie. Dass ausgerechnet das tadellos gesungene Vissi d’arte vielleicht noch ein wenig zu kontrolliert klingt, kann man verschmerzen. Denn darüber hinaus weiß auch sie in ihrer Unbefangenheit Akzente zu setzen, die man sonst eher selten hört und sieht. Der letzte gelingt ihr vor dem Sprung in den Tod. Eine Pause vor ihren letzten Worten nutzt sie. Man sieht, wie sie ihre Entscheidung fällt, von den Zinnen zu springen. Ihre letzte Phrase ist kein heldenhafter Aufschrei, sondern eine stolze Warnung an Scarpia, den sie ermordet hat. Gott wird das letzte Wort, das letzte Urteil, sprechen.
Diese jungen naiven Menschen kann der deutlich reifere Scarpia nur belächeln. Er weiß, dass er die beiden früher oder später in seine Hände bekommt, und Lučić spielt diese Überlegenheit bis in das fieseste Lächeln hinein mit beängstigender Präsenz aus. Er ist kein stimmlicher Brutalo. Seine szenische Ruhe spiegelt sich in der vokalen Leistung wider, wo gerade die feinen leisen Zwischentöne, diese unscheinbaren Fragen, wie ein bedrohliches Wetterleuchten im Raum stehen. Er mag nicht der lauteste Scarpia sein, den man gehört hat, aber auf jeden Fall einer der gefährlichsten. Und auch ihm ist die Überraschung anzusehen, als Tosca ihn niedersticht. Damit hatte er nicht gerechnet.
Das musikalische Niveau wird auch durch den Chor der Metropolitan Opera gehalten, den Donald Palumbo vorbereitet hat. In der kleinen Rolle des Sacristans ist Patrick Carfizzi zu erleben, ein Bühnentier, das in Deutschland immerhin Rollen wie Dulcamara oder den Mozart-Figaro singen darf, und auch in diesem Rahmen mehr als nur präsent ist. Die anderen Sänger werden auf dem Besetzungszettel verschwiegen – eine Schande.
Von Emmanuel Villaume am Pult wird die frische Aussage der Produktion unterstrichen. Er animiert das Orchester der Met zu einem sehr transparenten Spiel für die zahlreichen Verismo-Effekte, die Puccini komponiert hat. Bestens aufgelegt lassen die Musiker diese komplexe Partitur in ihren vielen Nuancen aufleuchten. Da dürfen die Violinen und Bratschen auch mal mit ganz breitem Strich aufzeigen, wie nah die Liebesbeziehung von Tosca und Cavaradossi am Kitsch vorbeischrammt. Villaume beweist bei allen Effekten, auch in Sachen Portamenti, das richtige Händchen, um jegliche Übertreibung zu vermeiden.
Die Publikumsreaktionen sind eindrucksvoll. In New York drücken sie sich durch den Beifall aus, in Münsters Cineplex durch das Interesse. Denn hier müssen sogar zwei Kinosäle für die Übertragung geöffnet werden, weil die Nachfrage so groß ist.
Christoph Broermann