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Broadway in Leipzig

DOKTOR SCHIWAGO
(Lucy Simon)

Besuch am
27. Januar 2018
(Premiere)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig

Doktor Schiwago – nur allein die Nennung des Namens führt bei den meisten Menschen zu drei Assozia­tionen. Da ist einmal der gleich­namige Roman von Boris Pasternak aus dem Jahr 1957, der als eine der bewegendsten Liebes­ge­schichten der Literatur gilt. Pasternak selbst konnte den Erfolg seines Werks nicht mehr miter­leben: In der Sowjet­union war sein Roman 30 Jahre lang verboten. 1958 musste er nach Androhung seiner Ausbür­gerung den Litera­tur­no­bel­preis ablehnen und starb zurück­ge­zogen zwei Jahre später. Weltbe­rühmt wurde der Roman jedoch mit David Leans monumen­taler Hollywood-Verfilmung von 1965, die mit Leinwand­le­genden wie Omar Sharif, Julie Christie und Geraldine Chaplin sowie mit ihren atmosphä­ri­schen Bildern ein Millio­nen­pu­blikum zu Tränen rührte – fünf Oscars waren der Lohn. Und die dritte Assoziation gilt der Filmmusik von Maurice Jarre und insbe­sondere Lara‘s Theme, auch als Schiwago-Melodie bekannt, die viele Menschen sofort im Ohr haben, wenn der Name Doktor Schiwago fällt.

Und nun die deutsch­spra­chige Erstauf­führung des grandiosen Stoffes als Musical; es fällt im ersten Moment schwer sich vorzu­stellen, wie diese gewal­tigen Szenen und Bilder des Romans oder des Films kompri­miert auf einer Opern­bühne wirken sollen, zumal noch mit einer völlig neuen Musik. Die Musika­lische Komödie der Oper Leipzig ist dieses Wagnis einge­gangen und hat dabei ein Werk auf die Bühne gebracht, dass seine Eigen­stän­digkeit und seine emotionale Berüh­rungs­kraft auf eine grandiose Weise zeigt und so etwas wie Broadway-Feeling nach Leipzig bringt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die zweifache Grammy-Gewin­nerin Lucy Simon kompo­nierte die Musik für ein großfor­ma­tiges Musical rund um den dichtenden Arzt Jurij Schiwago in einem anrüh­renden Klangstil, geprägt von emotio­nalen Balladen und einer tradi­tio­nellen russi­schen Klang­farbe. Das Musical wurde 2006 in San Diego urauf­ge­führt und nach weiteren Erfolgen in Australien, Südkorea, Schweden sowie am New Yorker Broadway kommt es nun unter der Regie von Cusch Jung, Chefre­gisseur der Musika­li­schen Komödie der Oper Leipzig, erstmalig nach Deutschland. Cusch Jung insze­niert die ergrei­fende Dreiecks­ge­schichte vor dem Hinter­grund einer jede Indivi­dua­lität hinweg­fe­genden Revolution, in der Liebe und Poesie als Zeichen der Mensch­lichkeit umso stärker leuchten. In den Wirren der letzten Tage des Zaren­reichs und der aufflam­menden Russi­schen Revolution gerät Schiwago nicht nur politisch zwischen die Fronten. Auch als Mann ist er hin- und herge­rissen zwischen seiner Ehefrau Tonia, mit der er bereits seit Kinder­tagen befreundet ist, und der geheim­nis­vollen Lara, die seinen Weg immer wieder kreuzt und mit der er schließlich eine leiden­schaft­liche Affäre beginnt. Aber Jurij ist nicht Laras einziger Verehrer: Auch Viktor Komarovskij, ebenso reicher wie gewis­sen­loser Verführer aus Laras Jugend und gefähr­licher Oppor­tunist, sowie ihr revolu­tio­närer Ehemann Pascha Antipov, Führer der Roten Milizen, kämpfen um Lara auf ihre eigene Weise.

Die Musika­lische Komödie der Oper Leipzig ist am Premie­ren­abend bis auf den letzten Platz gefüllt. Und die MuKo, wie die Leipziger liebevoll ihr Operet­tenhaus nennen, scheint ihr Publikum gut zu kennen. Fleißige Mitar­beiter haben für alle Fälle auf jeden Sitzplatz ein Taschentuch gelegt mit der Aufschrift: „Zum Heulen Schön!“ Und diese Präven­tiv­maß­nahme war eine gute Inves­tition, denn die meisten Taschen­tücher wurden in der Tat gebraucht, zu senti­mental ist die tragische Liebes­ge­schichte zwischen Jurij Schiwago und Larissa Guichard, zu emotional die musika­lische und sänge­rische Darbietung des Ensembles. Am Ende bleibt kaum ein Auge trocken. Dass die Gratwan­derung der Emotionen nicht in senti­men­talen Kitsch abdriftet, ist der großar­tigen Erzähl­weise von Regisseur Jung zu verdanken, der auch die andere Seite dieser Liebes­ge­schichte mit teilweise radikalen Bildern darstellt. Der Krieg, die Revolution, Exeku­tionen, Tod auf dem Schlachtfeld oder auf dem Opera­ti­ons­tisch, das ist keine Schonkost für ein Publikum, das an der MuKo eher die heitere Operette gewohnt ist.

Lisa Habermann als Lara und Björn Christian Kuhn als Pavel Antipov – Foto © Kirsten Nijhof

Zwei Aufzüge mit insgesamt dreißig Bildern oder Szenen und einer Geschichte, die sich insgesamt über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren erstreckt, stellt das gesamte Team auch vor eine enorme logis­tische Heraus­for­derung. Jung schafft es mit zum Teil einfachen, aber handwerklich genialen Kniffen, schnelle Szenen­wechsel auf die Bühne zu bringen, ohne das Bühnenbild großartig zu verändern. Wenige Requi­siten werden gewechselt, und durch eine perfekt abgestimmte Licht­regie werden Bildschnitte wie in einem Film erlebbar. Tatsächlich hat diese Insze­nierung einen Hauch von einer Kino-Live-Atmosphäre.

Da wird vor Beginn der Aufführung ein Schwarzweiß-Bild des alten Moskaus im Schneefall mit dem Titel in kyril­li­scher Schrift einge­blendet, und am Schluss läuft wie im Kino der Abspann mit allen namentlich aufge­führten Protagonisten.

Dazwi­schen liegt eine Gesamt­spielzeit von weit über drei Stunden, die das Publikum immer wieder zu lautstarkem Szenen­ap­plaus animiert. Die Geschichte beginnt 1903 im zaris­ti­schen Moskau, der junge Jurij muss am Sarg seines Vaters Abschied nehmen und wird von einer anderen Familie aufge­nommen, in der seine Kinder­freundin Antonia lebt, die später seine Frau wird. Parallel erlebt man das erste Mal die junge Lara, die aus ärmlichen Verhält­nissen stammt und vom Liebhaber ihrer Mutter begehrt wird. Wie in einer Filmüber­blendung treten die drei Kinder­dar­steller in den Hinter­grund und die Protago­nisten der Geschichte als Erwachsene nach vorne, und der Zeitsprung zum Vorabend des Ersten Weltkrieges ist gelungen.

Jurij Schiwago hat sein Medizin­studium absol­viert und soll nun als Militärarzt an die Front. Vorher hat er Tonia gehei­ratet, doch es ist mehr eine Vernunftehe, in der die Leiden­schaft nur eine unter­ge­ordnete Rolle spielt. Die Geschichte springt durch die Jahre, in der Schiwago als Frontarzt grausame Sachen erlebt, um dann aus dem Krieg heraus in die Wirren und Fänge der russi­schen Revolution zu geraten, die ihn als Akade­miker und Bourgeois ganz nach unten zieht in seiner Existenz. Doch er überlebt, auch weil er immer wieder die Kraft zu dichten findet. Und immer wieder kreuzt Lara seinen Weg. Sie, die mit einem Revolu­tionär verhei­ratet ist, findet in Jurij die große Liebe und Leiden­schaft, und sie ist Muse für Jurijs poeti­sches Schaffen. So gibt es Momente voller Dramatik, aber auch voller Romantik und tiefer Gefühle, die durch Lucy Simons eingängige Balladen den Zuschauer nicht kalt lassen können. Doch es gibt kein Happy End dieser Geschichte. Jurij muss, um Laras Leben zu retten, sie ziehen lassen, er selbst stirbt, ohne dass er seine Tochter je kennen­lernen durfte. Am Schluss steht Lara alleine mit der gemein­samen Tochter Katharina an Jurijs Grab.

Die musika­lische Komödie hilft. – Foto © O‑Ton

Cusch Jung hat mit den Protago­nisten eine Regie entwi­ckelt, die eine höchst sensible Perso­nen­führung in der Dreiecks­ge­schichte Tonia – Jurij – Lara erlaubt und neben den schnellen und zum Teil drama­ti­schen Szenen­wechseln immer wieder Momente der Ruhe und des Innehaltens gewährt, indem er die Poesie des Dichters Schiwago in den Vorder­grund stellt. Und dieser Mix ist es, der die Großar­tigkeit dieser Insze­nierung ausmacht und die Auffüh­rungs­dauer von drei Stunden und zwanzig Minuten im Flug vergehen lässt.

Karin Fritz, die mit Jung in Leipzig bereits bei den Produk­tionen Jekyll & Hyde, Der Graf von Monte Christo und Dracula zusam­men­ge­ar­beitet hat, gestaltet Bühnenbild und Kostüme. Das Bühnenbild ist initial eine große Halle, die als reprä­sen­ta­tiver Salon der russi­schen Gesell­schaft genauso fungiert wie durch kleine Wechsel von Vorhängen und Requi­siten als Feldla­zarett, Bahnhof, verfallene Villa oder Lager. Die Kostüme sind der Zeit der Handlung angepasst, von opulenter Garderobe für die feine Gesell­schaft über Uniformen von Soldaten oder russi­scher Kommu­nisten bis hin zu folklo­ris­ti­schen Kleidern. Eine insgesamt sehr aufwändige Ausstattung, da Chor, Ballett und Komparsen viele unter­schied­liche Auftritte zu bewäl­tigen haben.

Die vier Haupt­rollen des Musicals werden durch Gäste gestaltet, alle anderen Rollen durch das spiel­freudige Ensemble der Musika­li­schen Komödie. Als einer der besten deutschen Musical­dar­steller gilt Jan Ammann, und diesem Ruf wird er in der Rolle des Doktor Jurij Schiwago mehr als gerecht. Mit seiner weichen Stimme, seinem barito­nalen Timbre verleiht er der Figur des Jurij ganz markante Eigen­schaften. Er ist als Arzt ganz für seine Patienten da, als Dichter kann er die Grausam­keiten des Krieges verar­beiten, und seine Gefühle für Lara sind geprägt von tiefer Liebe und Leiden­schaft. Das bringt Ammann sowohl sänge­risch als auch schau­spie­le­risch sehr authen­tisch rüber. Ihm ebenbürtig Lisa Habermann. Sie verkörpert in der Figur der Lara die Sehnsüchte nach Liebe und Leiden­schaft. Ihr sanft­weicher Sopran schmei­chelt, besonders die Balladen singt sie mit Schönheit und Eleganz, um aber auch drama­tisch auszu­brechen und ihren eignen Seelen­kon­flikt auszu­leben. Ein musika­li­scher Höhepunkt ist sicher das Liebes­duett Sieh zum Mond, das sie innig mit Ammann gestaltet. Hanna Mall als Tonia verkörpert stimmlich und schau­spie­le­risch mit großem Einsatz den gemein­samen Lebensweg mit Jurij, die langan­dau­ernden Trennungen und am Ende das Loslassen und den Verzicht. Björn Christian Kuhn zeigt in der Figur des Pavel Antipov, genannt Pascha, großen körper­lichen Einsatz und zeigt dabei eine enorme Wandlung des Charakters vom schwär­me­ri­schem Revolu­tionär über den kämpfenden Front­sol­daten bis hin zum fanati­schen Führer der Roten Miliz, der ein brutales Herrschafts­regime aufge­zogen hat und am Ende doch scheitert, auch an seiner unglück­lichen Liebe zu Lara.

Patrick Rohbeck zeigt ebenfalls eine starke Wandlungs­vielfalt im Charakter des Viktor Komarowskij, der als glatter Oppor­tunist immer wieder auf die Füße fällt, aber durch seine Verfüh­rungs­kraft einst auch Lara erniedrigt hat. Die übrigen Solisten reihen sich mit ausdrucks­starker Spiel­weise in ein großar­tiges Ensemble ein. Ein beson­deres Lob haben sich Adele Bauer, Lara Friedrich und Paul Weber verdient, die als Mitglieder des Kinder­chores der Oper Leipzig die Figuren der Lara, Tonia und des Jurij zu Beginn des Musicals verkörpern.

Das Ballett der Musika­li­schen Komödie darf nicht nur folklo­ris­tische Tänze darbieten, sondern hier hat jede Figur ihren eigenen Charakter, der ausdrucks­stark getanzt wird. Die Choreo­grafie hat Mirko Mahr einstu­diert. Und auch der Chor der Musika­li­schen Komödie, hervor­ragend einge­stellt von Mathias Drechsler, zeigt wieder einmal seine enorme Wandlungs­fä­higkeit in der Darstellung der unter­schied­lichsten Rollen, und das in ganz schneller Szenen­ab­folge, auch eine enorme physische Leistung, die großen Respekt gebietet.

Christoph-Johannes Eichhorn, Solore­pe­titor mit Dirigier­ver­pflichtung an der Musika­li­schen Komödie der Oper Leipzig, darf durchaus als Experte für Musicals bezeichnet werden, spätestens seit seiner fulmi­nanten Dracula-Einstu­dierung. Er führt das Orchester sicher durch die verschie­denen Stile von Ballade bis hin zur großen Symphonik, wechselt schwungvoll die Tempi und gibt wieder Zeit für Atempausen. Mit sicherem Gespür für den Moment begleitet er die Sänger durch den Abend, und auch für die Orches­ter­mit­glieder der Musika­li­schen Komödie ist diese Aufführung so etwas wie der Ritter­schlag in puncto Musical. Neben den vielen musika­li­schen Höhepunkten bleibt ein beson­derer Moment unver­gesslich, als Sabine Töpfer in der Rolle einer Kranken­schwester im Feldla­zarett zunächst a capella, dann mit einem Akkordeon begleitet, Lobow moja anstimmt, die unver­gess­liche Schiwago-Melodie von Maurice Jarre aus dem gleich­na­migen Film. Wenn dann die anderen Kranken­schwestern, gemeinsam mit Lisa Habermann als Lara in die Melodie einstimmen, das Orchester das Thema übernimmt, ja spätestens dann wird doch von den bereit gelegten Taschen­tü­chern reger Gebrauch gemacht.

Ein großes Kompliment haben sich die Bühnen­ar­beiter, Beleuchter, Garde­ro­bieren und die vielen helfenden Händen hinter der Bühne verdient, die einen großen Anteil daran haben, dass die techni­schen Heraus­for­de­rungen von dreißig Bildern für den Zuschauer fast unsichtbar gemeistert werden können. Auch die Tontechnik hat durch eine saubere und perfekte Abmischung einen großen Anteil am Erfolg.

Das Publikum der Musika­li­schen Komödie ist nach fast dreieinhalb Stunden nicht mehr zu halten, es gibt frene­ti­schen Jubel wie bei einem Popkonzert und standing ovations über fünfzehn Minuten für das gesamte Ensemble von Beginn an. Mit dieser Premiere hat nicht nur ein eindrucks­volles und begeis­terndes Musical seine erfolg­reiche Erstauf­führung in Deutschland erlebt, sondern für einen Abend war die Dreilin­den­straße der Broadway in Leipzig.

Andreas H. Hölscher

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