O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Der Geist des Ensembles

DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)

Besuch am
27. Januar 2018
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Es gibt mindestens zwei Szenen, die die Insze­nierung des Regis­seurs und Bühnen­bildners Ben Baur für Besucher unver­gesslich machen dürften. In der ersten haben sich die Schwestern des Karme­liter-Klosters von Compiègne zu einer langen Reihe postiert. An Requi­siten gibt es lediglich Hocker und Kerzen. Die Nonnen umfassen einander in bedäch­tigen Bewegungen an den Händen. Unruhe nur im verein­zelten Tasten. So entsteht nach und nach das symbo­lische Bild der engen Verknüpfung jeder mit jeder, aller mit allen. Indivi­du­elles scheint aufge­hoben, überwunden. In der zweiten, dem Schlussbild mit der Hinrichtung der Betschwestern, bilden die Nonnen wieder diese Reihe über die ganze Bühnen­breite. In den Händen hält jede eine Kerze. In unregel­mä­ßigen Abständen bricht aus dem Orches­ter­graben der scharf­kantige Ton heraus, der die Exekution durch das Fallbeil imitiert. Immer dann wird eine Kerze ausge­blasen, ist ein Leben ausge­löscht, verlässt eine Protago­nistin nach der anderen die Bühne.

Es ist kein Zufall, dass Baurs Erarbeitung der Dialogues des Carmé­lites für das Musik­theater im Revier Gelsen­kirchen (MiR) die bildstärksten Tableaus im Rekurs auf die Gemein­schaft der Frauen entwi­ckelt, die die Überwindung von Schwäche und Angst in der Erringung der Gnade eint. Grenzenlose Hingabe im Namen einer metaphy­si­schen Idee und unbedingter sozialer Zusam­menhalt, damals religiös inspi­riert, mögli­cher­weise heute politisch-idealis­tisch oder funda­men­ta­lis­tisch-verblendet getrieben, sind die Basis einer Identität jenseits aller Lebens­formen in Selbst­ver­wirk­li­chung. Baur rückt die Kategorie der be- und verschwo­renen Gemein­schaft in das Zentrum seiner klugen Regie­arbeit. So ist diese ganz dicht an den Quellen der Poulenc-Oper von 1957 nach dem Bühnen­stück von Georges Bernanos, das wiederum auf der 1931 erschienen Novelle von Getrud von Le Fort Die Letzte am Schafott beruht.

„Wir sterben nicht für uns selbst, sondern fürein­ander oder statt anderen“, heißt es bei Bernanos wie in der Oper. Die junge Aristo­kratin Blanche de la Force, die einzige fiktive Figur in der ansonsten histo­risch verbürgten Geschichte, geht einen langen Weg voller Lebens­angst und Zweifel, ehe sie ihre Berufung findet. Geprägt von Depres­sionen seit ihrer Kindheit, sucht sie im Kloster Schutz vor den Gräueln der Welt und dem Terror der franzö­si­schen Revolution. Mehr und mehr entfernt sich die von ihren ursprüng­lichen Ideen, wendet sich auch gegen die Kirche und ihre Besitz­tümer. Die Nonnen werden aus dem Karmel vertrieben, da sie ihrem Orden und ihrem Glauben nicht entsagen wollen. Der Weg zurück bleibt Blanche versperrt. Das Elternhaus ist zerstört, der Vater ermordet. Ihre Bestimmung findet sie nach all den öffent­lichen und persön­lichen Wirren, als sie sich ohne zwingende Not den Ordens­schwestern  auf dem Weg zur Hinrichtung anschließt. Miserere, Salve Regina und das Te Deum singend, werden die 16 Karme­li­te­rinnen von Compiègne auf der Guillotine hinge­richtet. Eine Haltung mit einem Ernst und einer Würde, die größtes Schaudern wie höchsten Respekt auslöst.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Im MiR ist das Datum der Exekution, der 17. Juli 1794, schon vor dem ersten Bild in der Bibliothek des Marquis de la Force auf den Bühnen­vorhang proji­ziert. Baur macht damit deutlich, dass die im Revolu­ti­onsjahr 1789 einset­zende Handlung von Beginn an szenisch und in der emotio­nalen Zuspitzung auf die spekta­kuläre Schluss­szene ausge­richtet ist. Diesem drama­tur­gisch schlüs­sigen Ziel werden die Kostüme von Uta Meenen und die Ausstattung unter­ge­ordnet. Die Schau­plätze haben ihren Ort in einem anfänglich feudalen Einheitsraum mit übergroßen Türen. Das Interieur ist sparsam. Es dominieren Grau- und Schwarztöne, wodurch die Wahrnehmung des Publikums auf das Geschehen und die handelnden Personen konzen­triert wird. Andreas Gutzmers gekonnter Licht­einsatz und Kevin Grabers Video verstärken noch die Fokus­sierung auf die Szenerie. Wie im Zeitraffer schnellt das Geschehen auf die Katastrophe hin, das Sterben unter dem Beil. Die zwölf Bilder des Dreiakters folgen in rascher Abfolge. Eine von den Akteuren partiell eigen­händig bewegte Drehbühne erlaubt kurzfristige Wechsel.

Poulenc gehört um 1950 in Frank­reich zu den Kompo­nisten der Groupe de Six. Diese haben sich auf die Suche nach alter­na­tiven Tonsprachen zur Spätro­mantik wie zur Atona­lität Schön­bergs begeben. Seine ganz persön­liche Antwort erreicht in dem Drama um die Nonnen und in dem Einakter La Voix humaine 1959, zwei Jahre nach der Mailänder Urauf­führung der Dialogues erschienen, ihre Vollendung. Es ist eine effekt­volle, auf Unter­halt­samkeit setzende, manchmal gar harmo­nie­ver­liebte Poesie in Noten. So sehr sie einer­seits leicht, elegant, geradezu  verspielt daher­kommt, so sehr ordnet sie sich anderer­seits konse­quent dem Text, hier der litera­ri­schen Vorlage unter. Rasmus Baumann lotet mit der Neuen Philhar­monie Westfalen die lyrischen wie die schrillen Klang­ge­mälde des Dramas trefflich aus. Sein Dirigat kann sich überdies auf eine ganze Reihe von vorzüg­lichen Solisten verlassen, zu finden in den Bereichen Oboe und Klari­nette, nicht zuletzt Harfe und Schlagwerk. Die Auftritte des von Alexander Eberle einstu­dierten Herren-Opern–  und Damen-Extra­chors des MiR fallen zwar nur spärlich aus. In diesen überzeugen die Akteure allerdings.

Foto © Karl und Monika Forster

L’union fait la force. Diese von Gewerk­schaften in Frank­reich entwi­ckelte Philo­sophie, die sich auch auf die Vorstellung von der Überle­genheit der Gemein­schaft über den Einzelnen übertragen ließe, scheint auch die Gesamt­leistung der Sänger­dar­steller zu überwölben. Wären wir beim Mannschafts­sport, käme jetzt sicherlich der Begriff von der Teamleistung ins Spiel. In dieses Bild passt auch ein spezi­eller Hinweis im Programmheft. Danach gehörte auch ein Besuch des Karme­liter-Klosters in Essen zur Proben­arbeit. Auch das Ausdruck einer profes­sio­nellen Haltung des MiR-Ensembles. Eines künst­le­ri­schen Geistes, der die Leistung aller Betei­ligten prägt, plausibel macht, von der Statis­terie bis zu den Hauptpartien.

Die auf Gemein­schafts­ri­tuale zugeschnittene litera­rische und kompo­si­to­rische Vorlage erlaubt gleichwohl den indivi­du­ellen Lorbeer. Besonders überzeugend agiert als Madame de Croissy, die alte Priorin, Noriko Ogawa-Yatake. Mit aufop­fernder Hingabe vermittelt sie Todes­angst und Verdruss am Leben. Unter den älteren Ordens­frauen besticht ferner Almuth Herbst als Mére Marie. Petra Schmidt steht ihr als Madame Lidoine, die neue Priorin, nicht nach. Bele Kumberger zeigt nach ihrer anspre­chenden Leistung als Regina in der MiR-Produktion Mathis der Maler in der Haupt­figur der Blanche erneut vokales Format und spiele­rische Inten­sität. Unter allen Frauen­rollen des extrem weiblich beseelten Stücks ist die junge Adlige ja auch der am heftigsten schwan­kende Charakter. Dongmin Lee als Schwester Constance, in Lebensart und Glaubens­zu­ver­sicht der Gegenpol zu Blanche, avanciert zu einer der positiven Offen­ba­rungen des Ensembles. In weiteren Rollen erfüllen die Mére von Jeanne Silvia Oelschläger, die Mathilde der Lina Hoffmann und der Beicht­vater des Edward Lee ihren Part adäquat. Ibrahim Yesilay als Blanches Bruder Chevalier schafft es mit seinem angenehm melodiös geführten Tenor, für sich und sein Schicksal einzu­nehmen. Piotr Prochera in der kleineren Rolle des Marquis de la Force arron­diert die Besetzung ansprechend.

Das Publikum im fast vollständig besetzten Haus erlebt den Abend mit spürbar höchster Anspannung. Noch größer fällt am Ende die Inten­sität des Beifalls aus, der allen Künstlern gilt, mit Nuancen verstärkt dem Quartett der älteren und jüngeren Nonnen. Und – erkennbar auch dem Regieteam, was ausdrücklich  hervor­zu­heben ist. Als Resümee einer außer­ge­wöhn­lichen Aufführung rangiert über allem die Grundidee des Musik­theaters, der Triumph des Ensembles. Bestätigt sich einmal mehr die Erkenntnis, dass solche Ensem­ble­leis­tungen gerade in den Regionen mit ihren mittleren Theatern und Stamm­be­set­zungen möglich sind. Und nicht selten, glücklicherweise.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: