O-Ton
Kultur entdecken
O-Ton
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)
Besuch am
27. Januar 2018
(Premiere)
Es gibt mindestens zwei Szenen, die die Inszenierung des Regisseurs und Bühnenbildners Ben Baur für Besucher unvergesslich machen dürften. In der ersten haben sich die Schwestern des Karmeliter-Klosters von Compiègne zu einer langen Reihe postiert. An Requisiten gibt es lediglich Hocker und Kerzen. Die Nonnen umfassen einander in bedächtigen Bewegungen an den Händen. Unruhe nur im vereinzelten Tasten. So entsteht nach und nach das symbolische Bild der engen Verknüpfung jeder mit jeder, aller mit allen. Individuelles scheint aufgehoben, überwunden. In der zweiten, dem Schlussbild mit der Hinrichtung der Betschwestern, bilden die Nonnen wieder diese Reihe über die ganze Bühnenbreite. In den Händen hält jede eine Kerze. In unregelmäßigen Abständen bricht aus dem Orchestergraben der scharfkantige Ton heraus, der die Exekution durch das Fallbeil imitiert. Immer dann wird eine Kerze ausgeblasen, ist ein Leben ausgelöscht, verlässt eine Protagonistin nach der anderen die Bühne.
Es ist kein Zufall, dass Baurs Erarbeitung der Dialogues des Carmélites für das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (MiR) die bildstärksten Tableaus im Rekurs auf die Gemeinschaft der Frauen entwickelt, die die Überwindung von Schwäche und Angst in der Erringung der Gnade eint. Grenzenlose Hingabe im Namen einer metaphysischen Idee und unbedingter sozialer Zusammenhalt, damals religiös inspiriert, möglicherweise heute politisch-idealistisch oder fundamentalistisch-verblendet getrieben, sind die Basis einer Identität jenseits aller Lebensformen in Selbstverwirklichung. Baur rückt die Kategorie der be- und verschworenen Gemeinschaft in das Zentrum seiner klugen Regiearbeit. So ist diese ganz dicht an den Quellen der Poulenc-Oper von 1957 nach dem Bühnenstück von Georges Bernanos, das wiederum auf der 1931 erschienen Novelle von Getrud von Le Fort Die Letzte am Schafott beruht.
„Wir sterben nicht für uns selbst, sondern füreinander oder statt anderen“, heißt es bei Bernanos wie in der Oper. Die junge Aristokratin Blanche de la Force, die einzige fiktive Figur in der ansonsten historisch verbürgten Geschichte, geht einen langen Weg voller Lebensangst und Zweifel, ehe sie ihre Berufung findet. Geprägt von Depressionen seit ihrer Kindheit, sucht sie im Kloster Schutz vor den Gräueln der Welt und dem Terror der französischen Revolution. Mehr und mehr entfernt sich die von ihren ursprünglichen Ideen, wendet sich auch gegen die Kirche und ihre Besitztümer. Die Nonnen werden aus dem Karmel vertrieben, da sie ihrem Orden und ihrem Glauben nicht entsagen wollen. Der Weg zurück bleibt Blanche versperrt. Das Elternhaus ist zerstört, der Vater ermordet. Ihre Bestimmung findet sie nach all den öffentlichen und persönlichen Wirren, als sie sich ohne zwingende Not den Ordensschwestern auf dem Weg zur Hinrichtung anschließt. Miserere, Salve Regina und das Te Deum singend, werden die 16 Karmeliterinnen von Compiègne auf der Guillotine hingerichtet. Eine Haltung mit einem Ernst und einer Würde, die größtes Schaudern wie höchsten Respekt auslöst.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Im MiR ist das Datum der Exekution, der 17. Juli 1794, schon vor dem ersten Bild in der Bibliothek des Marquis de la Force auf den Bühnenvorhang projiziert. Baur macht damit deutlich, dass die im Revolutionsjahr 1789 einsetzende Handlung von Beginn an szenisch und in der emotionalen Zuspitzung auf die spektakuläre Schlussszene ausgerichtet ist. Diesem dramaturgisch schlüssigen Ziel werden die Kostüme von Uta Meenen und die Ausstattung untergeordnet. Die Schauplätze haben ihren Ort in einem anfänglich feudalen Einheitsraum mit übergroßen Türen. Das Interieur ist sparsam. Es dominieren Grau- und Schwarztöne, wodurch die Wahrnehmung des Publikums auf das Geschehen und die handelnden Personen konzentriert wird. Andreas Gutzmers gekonnter Lichteinsatz und Kevin Grabers Video verstärken noch die Fokussierung auf die Szenerie. Wie im Zeitraffer schnellt das Geschehen auf die Katastrophe hin, das Sterben unter dem Beil. Die zwölf Bilder des Dreiakters folgen in rascher Abfolge. Eine von den Akteuren partiell eigenhändig bewegte Drehbühne erlaubt kurzfristige Wechsel.
Poulenc gehört um 1950 in Frankreich zu den Komponisten der Groupe de Six. Diese haben sich auf die Suche nach alternativen Tonsprachen zur Spätromantik wie zur Atonalität Schönbergs begeben. Seine ganz persönliche Antwort erreicht in dem Drama um die Nonnen und in dem Einakter La Voix humaine 1959, zwei Jahre nach der Mailänder Uraufführung der Dialogues erschienen, ihre Vollendung. Es ist eine effektvolle, auf Unterhaltsamkeit setzende, manchmal gar harmonieverliebte Poesie in Noten. So sehr sie einerseits leicht, elegant, geradezu verspielt daherkommt, so sehr ordnet sie sich andererseits konsequent dem Text, hier der literarischen Vorlage unter. Rasmus Baumann lotet mit der Neuen Philharmonie Westfalen die lyrischen wie die schrillen Klanggemälde des Dramas trefflich aus. Sein Dirigat kann sich überdies auf eine ganze Reihe von vorzüglichen Solisten verlassen, zu finden in den Bereichen Oboe und Klarinette, nicht zuletzt Harfe und Schlagwerk. Die Auftritte des von Alexander Eberle einstudierten Herren-Opern– und Damen-Extrachors des MiR fallen zwar nur spärlich aus. In diesen überzeugen die Akteure allerdings.

L’union fait la force. Diese von Gewerkschaften in Frankreich entwickelte Philosophie, die sich auch auf die Vorstellung von der Überlegenheit der Gemeinschaft über den Einzelnen übertragen ließe, scheint auch die Gesamtleistung der Sängerdarsteller zu überwölben. Wären wir beim Mannschaftssport, käme jetzt sicherlich der Begriff von der Teamleistung ins Spiel. In dieses Bild passt auch ein spezieller Hinweis im Programmheft. Danach gehörte auch ein Besuch des Karmeliter-Klosters in Essen zur Probenarbeit. Auch das Ausdruck einer professionellen Haltung des MiR-Ensembles. Eines künstlerischen Geistes, der die Leistung aller Beteiligten prägt, plausibel macht, von der Statisterie bis zu den Hauptpartien.
Die auf Gemeinschaftsrituale zugeschnittene literarische und kompositorische Vorlage erlaubt gleichwohl den individuellen Lorbeer. Besonders überzeugend agiert als Madame de Croissy, die alte Priorin, Noriko Ogawa-Yatake. Mit aufopfernder Hingabe vermittelt sie Todesangst und Verdruss am Leben. Unter den älteren Ordensfrauen besticht ferner Almuth Herbst als Mére Marie. Petra Schmidt steht ihr als Madame Lidoine, die neue Priorin, nicht nach. Bele Kumberger zeigt nach ihrer ansprechenden Leistung als Regina in der MiR-Produktion Mathis der Maler in der Hauptfigur der Blanche erneut vokales Format und spielerische Intensität. Unter allen Frauenrollen des extrem weiblich beseelten Stücks ist die junge Adlige ja auch der am heftigsten schwankende Charakter. Dongmin Lee als Schwester Constance, in Lebensart und Glaubenszuversicht der Gegenpol zu Blanche, avanciert zu einer der positiven Offenbarungen des Ensembles. In weiteren Rollen erfüllen die Mére von Jeanne Silvia Oelschläger, die Mathilde der Lina Hoffmann und der Beichtvater des Edward Lee ihren Part adäquat. Ibrahim Yesilay als Blanches Bruder Chevalier schafft es mit seinem angenehm melodiös geführten Tenor, für sich und sein Schicksal einzunehmen. Piotr Prochera in der kleineren Rolle des Marquis de la Force arrondiert die Besetzung ansprechend.
Das Publikum im fast vollständig besetzten Haus erlebt den Abend mit spürbar höchster Anspannung. Noch größer fällt am Ende die Intensität des Beifalls aus, der allen Künstlern gilt, mit Nuancen verstärkt dem Quartett der älteren und jüngeren Nonnen. Und – erkennbar auch dem Regieteam, was ausdrücklich hervorzuheben ist. Als Resümee einer außergewöhnlichen Aufführung rangiert über allem die Grundidee des Musiktheaters, der Triumph des Ensembles. Bestätigt sich einmal mehr die Erkenntnis, dass solche Ensembleleistungen gerade in den Regionen mit ihren mittleren Theatern und Stammbesetzungen möglich sind. Und nicht selten, glücklicherweise.
Ralf Siepmann