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2007 gründete der Tänzer und Choreograf Eric Gauthier die Company Gauthier Dance, die den Schwerpunkt auf zeitgenössischen Tanz legt. Ihren Stammsitz hat sie im Theaterhaus Stuttgart, nicht weit vom Stuttgarter Ballett, wo Gauthier lange Zeit engagiert war. Trotz der innerstädtischen Konkurrenz errang die Truppe schnell überregionale Bedeutung und tourt mittlerweile durch die ganze Welt. In Berlin ist sie zum ersten Mal – und sehr, sehr glücklich darüber, wie Gauthier bei seiner launigen Vorrede im Haus der Festspiele betont.
Gezeigt wird das abendfüllende Ballett Nijinsky von Marco Goecke. Die Uraufführung fand im Juni 2016 statt und wurde prompt vom Publikum als beliebteste Produktion des Jahres ausgezeichnet. Es ist nicht das erste Mal, dass die russische Tänzerlegende Titelheld eines Balletts ist. Schon 2000 setzte sich John Neumeier mit Vaslav Nijinski auseinander und widmete ihm ein üppiges Handlungsballett. Goecke geht in seinem Stück einen anderen Weg. Die Ausstattung ist minimalistisch. Die Bühne, die Michaela Springer entworfen hat, ist schwarz ausgeschlagen, es gibt ein paar Lichteffekte und einige Requisiten, mehr nicht. In einem mythologischen Prolog erfindet die Muse Terpsichore den Tanz. Erst die folgenden, ineinander übergehenden Bilder zeigen einige von Nijinskys Lebensstationen: den Abschied von der Mutter, den Eintritt in die Petersburger Ballettakademie, die Begegnung mit Sergei Pawlowitsch Diaghilew, die Kreation drei zentraler Rollen, die Ehe mit Romula und das Abdriften in den Wahnsinn.
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Goeckes Choreografie, für die er vorwiegend Musik von Chopin und Debussy gewählt hat, ist von erregter Spannung aufgeladen. Selten sind den Tänzern weiche, fließende Abläufe gegönnt. Sie stehen wie unter Hochdruck, die Arme und Hände flattern und zucken. Auch akustische Mittel setzt Goecke ein: Einmal spricht ein Tänzer hastig und nur andeutungsweise verständlich Nijinskys Biografie in ein Mikrofon, und immer wieder atmen die Akteure hörbar ein, sie hecheln und stöhnen. Tanz ist eben auch Anstrengung, will Goecke vielleicht sagen. Es ist ein düsterer Abend, der auch die Schattenseiten des Künstlertums andeutet, die Goecke gerade selbst erfahren musste. Sein Vertrag als Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett wurde nach einem Intendantenwechsel nicht verlängert und die Premiere des geplanten Balletts über Franz Kafka aus Krankheitsgründen abgesagt.

Was den Abend zum besonderen Ereignis macht, ist die Hingabe, mit der die Tanzcompany Goeckes Stil verinnerlicht hat. Allen voran Rosario Guerra, der den Nijinski mit fieberhafter Intensität verkörpert und die Entwicklung vom hochbegabten Jüngling bis zum schizophren Erkrankten in beklemmender Weise nachvollzieht.
Drei Mal wird Nijinsky in Berlin vor absolut ausverkauftem Haus gespielt. Die Karten sind wie selten begehrt. Nach der Vorführung gibt es standing ovations und ein abschließendes Publikumsgespräch. Es wird zu einem unterhaltsamen wie anregenden Nachspann, denn man lernt Gauthier als charismatischen, sozial engagierten Tausendsassa kennen, der noch viel im Ballett bewegen will. Das nächste Gastspiel in Berlin ist auf jeden Fall schon projektiert.
Karin Coper