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Sanierungsarbeiten, die früher oder später keinem Opernhaus erspart bleiben, bringen jeden Intendanten in Verlegenheit, wenn nicht in Verzweiflung. Denn geeignete Ausweichquartiere, auch wenn sie nur zwei Spielzeiten und nicht, wie in Köln, zehn Jahre in Anspruch nehmen, finden sich nirgendwo leicht. Davon kann auch Tobias Richter, seit 2009 Intendant des Grand Théâtre Genève, ein Lied singen. Fünf Mal in seiner langen Tätigkeit als Opernintendant sah er sich schon mit dieser heiklen Aufgabe konfrontiert. Unter anderem an der Deutschen Oper am Rhein und in Genf jetzt schon zum zweiten Mal.
Allerdings ist ihm mit der Opéra des Nations, in dem die Genfer Oper voraussichtlich noch ein Jahr ausharren muss, ein Coup gelungen, der die Schrecken des Exils wohltuend lindert. Während die Stadt die Sanierungskosten des Stammhauses in Höhe von etwa 67 Millionen Schweizer Franken übernimmt, hat Richter allein mit Sponsorengeldern elf Millionen Franken aufbringen können, mit denen er ein hölzernes Theater der Pariser Comédie française aufkaufen konnte. Eine Spielstätte, die sich längst bewährt hat und die den Namen Provisorium nicht verdient. Am Rigot-Platz in unmittelbarer Nähe der UNO wirkt die Opéra des Nations äußerlich zwar unscheinbar und auch die Innenausstattung mit ihren immerhin über 1100 Plätzen ist eher zweckgebunden als dekorativ ausgerichtet. Aber man sitzt äußerst bequem, hat beste Sichtverhältnisse und, besonders wichtig, die Akustik erweist sich mit ihrer Transparenz und samtenen Wärme als geradezu ideal. Besonders für kleiner besetzte Werke des Barocks und der Klassik. Weniger für Wagner, weshalb man in Genf auf die traditionellen Aufführungen des Nibelungen-Rings vorübergehend verzichten muss.
Nach der Rückkehr ins Stammhaus wird das Theater übrigens nach China verkauft, zusammen mit Lizenzen von Genfer Produktionen, die dann in Peking und Hongkong gezeigt werden sollen, so dass sich die Kosten des Umzugs-Intermezzos quasi amortisieren. Und ein wenig Missionsarbeit in Sachen Opernkultur im Reich der Mitte wird auch noch geleistet.
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Mit Charles Gounods groß besetztem Faust stellt man jetzt den Theaterbau auf eine harte Probe. Ein Risiko, das sich in Grenzen hält, wenn ein so fachkundiger und sensibler Meister der französischen Oper am Pult steht wie Michel Plasson. Mit seinen mittlerweile 85 Jahren drängte er sich nicht an die kräftezehrende Aufgabe der dreieinhalbstündigen Oper, erklärte sich aber nach einigen Überredungskünsten bereit, die Leitung für den ernsthaft erkrankten Jesús López Cobos zu übernehmen. Und Plasson siegt auf ganzer Linie. In jedem Takt spürt man die enge Verbundenheit des Dirigenten mit dem spezifischen Kolorit und Tonfall des Werks. Das Orchestre de la Suisse Romande klingt seidenweich und leuchtkräftig in den schönsten und feinsten Farben. Ein orchestraler Nährboden, auf dem Plasson die rundum jungen Sänger wie auf Wolken durch den langen Abend trägt. Da findet die bestrickend ausstrahlungsstarke und intensiv gestaltende Ruzan Mantashyan als Marguerite zu lyrischen Höhenflügen von berückender Schönheit. Und den heiklen Wechsel der Partie ins dramatische Fach im letzten Akt kann sie dank der umsichtigen Leitung von Plasson mühelos und ohne jede stimmliche Verschleißerscheinung bewältigen.
Es sind die musikalischen Akzente, die der Produktion ein besonderes Flair verleihen. Weniger die unspektakuläre Inszenierung von Georges Lavaudant, der die Handlung recht brav erzählt, allerdings den Figuren zu so viel individuellem Profil verhilft, dass sich die jungen Sänger recht frei und rollengerecht entfalten können. Weniger geglückt ist die Führung des Chores, der sich durchweg puppenhaft mechanisch gebärden muss. In der Tanzszene roboterhaft steril und bei der Rückkehr der Soldaten in trister Monotonie. Der elegant gezeichnete Méphistophélès wird sekundiert von putzigen kleinen, letztlich aber überflüssigen Teufelchen. Interessant, dass Marguerite bei Lavaudant auch in der Kerkerszene ihr Selbstbewusstsein nie ganz aufgibt und sich nicht in einem Niemandsland des Wahnsinns verliert. Eine eigene Handschrift des Regisseurs lässt auch die letzte, verklärende Szene erkennen, wenn er den Auferstehungschoral zur Erlösung Marguerites in einem Höllenambiente erklingen lässt. Der Regisseur misstraut der christlichen Hoffnung stärker als der tief katholische Gounod, wodurch er sich eher Goethes Haltung zur Kirche annähert.

Jean-Pierre Vergiers Bühnenbild beherrscht eine schmucklose, aber flexibel wandelbare Wand mit dem Charme eines Garagentors. Allerdings lässt sie sich verschieben und öffnen, so dass die Szenenwechsel reibungslos ausgeführt werden können. Für die spezifische Atmosphäre der einzelnen Szenen wirkt sich die raffinierte Lichttechnik erheblich effektiver aus als das Bühnenbild.
Doch den Erfolg der Neuproduktion garantieren Plasson und die bis die kleinste Rolle vorbildlich besetzte Sänger-Crew. Angefangen bei Samantha Hankey, die den Siebel mit ihrem frischen Mezzosopran klangschön und makellos gestaltet. Das gilt auch für Marina Viotti als Marthe. Jean-François Lapointe verleiht dem Valentin baritonales Volumen, verbunden mit einer kultivierten Stimmführung. Adam Palka arbeitet den hintergründigen Charakter des Méphistophélès stimmlich nuanciert aus, wobei er im Rondo vom goldenen Kalb seine Zurückhaltung aufgibt und die Größe seiner Stimme druckvoll, aber nicht brüllend zeigt.
John Osborn debütiert als Faust. Ein Sänger mit betörenden lyrischen Qualitäten, die er klug für die vielen Fassetten der großen und stilistisch schillernden Partie einsetzt. Es liegt nicht an ihm, dass ihm dennoch die bereits erwähnte Ruzan Mantashyan als Marguerite ein wenig die Show stiehlt. Gounod lag diese Figur ganz besonders am Herzen und die dankbaren Aufgaben löst die Sängerin, wie bereits erwähnt, in Höchstform. Bei ihr wird verständlich, weshalb das Werk in Deutschland lange Zeit unter dem Titel Margarete Erfolge feierte. Nicht zu vergessen der stimmmächtige Chor, der den entsprechenden Szenen einen angemessen effektvollen Glanz verleihen kann.
Das Premieren-Publikum reagiert begeistert auf die musikalischen Akteure der Aufführung, feiert insbesondere Plasson und Mantashyan für eine Gounod-Produktion mit allen Ingredienzien kultivierter französischer Gesangskultur.
Pedro Obiera