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Die Geschichte ist Freunden klassischer Musik längst bekannt: Joseph Haydn verbrachte die glücklichste Zeit seines Lebens auf dem ungarischen Schloss Eszterháza, obwohl oder gerade, weil er ein exorbitantes Arbeitspensum zu bewältigen hatte. Man darf sich das mal gerade so vorstellen: Als Erster Kapellmeister, livriert, im Range eines Hausoffiziers der Magnatenfamilie Eszterházy, macht der 30-jährige Haydn einen Job, für den man heutzutage drei bis vier Menschen bräuchte. Er war unter anderem zuständig für ständig neue Kompositionen von Kirchen- und Kammermusik, die Leitung des Orchesters mit mindestens 100 Aufführungen in der Saison und das Arrangement von Opernproduktionen. Von den administrativen Aufgaben gar nicht zu reden. Wahnsinn.
Die Produktion einer solchen Oper 1783 kann man sich vermutlich in etwa so wie die Produktion einer Unterhaltungsshow für das heutige Fernsehen vorstellen, nur, dass die Kameras fehlten. Viel Theaterzauber für eine abendfüllende Veranstaltung, für die eine Wiederholung ohnehin nicht vorgesehen ist. Das bedeutet zweierlei: Die Unterhaltung muss mit vergleichsweise wenig Aufwand funktionieren, und man kann nicht auf alle Feinheiten achten.
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Um das zu realisieren, hat das Theater Hagen den Regisseur Dominik Wilgenbus eingeladen, der dafür bekannt ist, humorvolle Inszenierungen jenseits des Slapsticks abzuliefern. Ritter Roland oder im Original Orlando Paladino ist die haarsträubende Geschichte von einem, der Angelica, die Königin der Insel Katai, unglaublich liebt. Die aber liebt Medoro. Irgendwie hängt sich da noch der Barbarenherrscher Rodomonte mit rein. Alcina, die Zauberin, bestens bekannt aus diversen anderen Opern, zieht mehr oder minder glücklich die Strippen in der Geschichte, und ein Haufen Personal kommentiert das Ganze. Gut, dass die Geschichte nach allerlei Verwirrungen bis hinein in die Götter- und Unterwelt mit einem zufriedenstellenden Ende ausgeht.
Wilgenbus lässt seiner Fantasie freien Lauf und findet in Bühnenbildner Peter Engel einen kongenialen Partner. Die beiden vollbringen die Meisterleistung sich vorzustellen, wie Haydn das in Eszterháza inszeniert hat, also mit allereinfachsten Mitteln, und wie das heute aussehen könnte. Das Einheitsbild einer umlaufenden Wand, die auf der Hälfte der Bühnenhöhe endet bildet die Arena für den Einsatz möglichst vieler Bühnenelemente. Und während sich in der zweiten Hälfte der Aufführung die Handlung erschöpft, öffnet sich die Wand nach hinten und bietet einen Ausblick auf eine ganz ungewöhnliche Perspektive. Das muss man selbst gesehen haben. Christiane Luz hat dazu Kostüme gefunden, die im Sinne des Konzepts arbeiten, aber der Erotik zuwiderlaufen. Auch wenn das nicht ganz nachzuvollziehen ist, schadet es der Inszenierung nicht. Hans-Joachim Köster setzt die Handlung in ein ganz wunderbares Licht. Große Blenden setzen das Geschehen vielfarbig in immer neue dramaturgische Spannung, in der auch immer Platz für einen Verfolger ist. Da werden wirklich Höhepunkte ins rechte Licht gesetzt. Großartig.

Die Anforderungen einer Unterhaltungsshow an die Stimmen von Sängern sind – von wenigen Affekten abgesehen – denkbar einfach. Und so werden sie von Ensemble und Gästen leichterdings gemeistert, ohne dass das die Sangeskunst über Gebühr ins Seichte abgleitet. Angelica wird von Cristina Piccardi mit einigen schönen Koloraturen bestens interpretiert, auch wenn zum Ende der annähernd drei Stunden leichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar sind. Kristina Larissa Funkhauser darf als Alcina verstärkt ins Schauspielfach, was sie mit einem permanenten Perückenwechsel auch wunderbar im Griff hat. Gesanglich bietet die Rolle für Funkhauser keine besonderen Herausforderungen. Da hat Dorothea Brandt als Schäferin Eurilla schon mehr zu leisten, überzeugt aber sowohl schauspielerisch als auch stimmlich in jeder Hinsicht. Auch bei den Herren sind keinerlei Ausfälle zu bemerken. Eric Laporte ist zu Gast in Hagen und gibt einen wunderbaren Ritter Roland, der sich in einigen wenigen Situationen heldenhaft präsentieren kann. Mit Pasquale, dem Knappen von Roland, hat Giulio Alvise Caselli eine Traumrolle ergattert, die er dann auch noch in einem großartig angelegten Geschlechts-Orchester-Akt vertiefen darf. Kenneth Mattice stellt einen durchweg, vor allem stimmlich überzeugenden Rodomonte dar. Als Medoro wünscht man sich bei Musa Nkuna durchaus noch ein wenig Feinschliff an der deutschen Sprache. Dass er schauspielerisch noch Entwicklungsmöglichkeiten hat, liegt wohl eher am Regisseur. In der „Felsenszene“ allerdings kann er sich entfalten und sein ganzes Können zeigen. Auch die übrigen Rollen sind adäquat besetzt.
Besonderes Lob verdienen die Kinder Keyan Esen und Adea Velijai als kleiner Ritter und kleine Prinzessin sowie die Statisten Anna Knipps, Maike Potthoff, David Pamin und Jonas Witzel, die zum Gelingen eines eindrucksvollen Abends beitragen.
Joseph Trafton hat das kleine Orchester des Philharmonischen Orchesters Hagen voll und ganz im Griff, bietet brillanten Klang und einen wirklich flotten Haydn.
Nach vielen Arienapplausen zeigt sich das Publikum im Endergebnis voll und ganz begeistert. Bravo-Rufe und stehende Ovationen für Sänger, Statisten und Leitungsteam nach dem dritten Vorhang zeigen, dass das Theater Hagen hier eine glanzvolle Leistung vollbracht hat, die man sich auch gerne noch ein zweites Mal anschaut; so viel Spaß macht dieser Theaterzauber. Und dass Alcina Ritter Roland die Erinnerung an seine ganz große Liebe Angelica raubt, ist ja auch eine Option, mit der mancher mit Liebeskummer Behaftete ganz gut leben könnte. Manchmal ist Vergessen nicht das Schlechteste.
Michael S. Zerban