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Die Stadt Chemnitz feiert in diesem Jahr ihr 875. Stadtjubiläum. Für das Theater Chemnitz und Generalintendant Christoph Dittrich Anlass genug, einen neuen Ring des Nibelungen auf die Bühne zu bringen. Nachdem die letzte Ring-Inszenierung von Michael Heinicke vor elf Jahren das letzte Mal über die Bühne ging, hat sich das Theater Chemnitz viel für den neuen Zyklus vorgenommen. Alle vier Produktionen werden im Kalenderjahr 2018 ihre Premiere erleben. Im Zentrum der Chemnitzer Auseinandersetzung steht der für alle vier Musikdramen des Zyklus entscheidende Impuls: die Frau. Frauen nehmen in Wagners Ring zentrale Rollen ein. Die Weltenordnung liegt in den Händen von Erda. Die Frauen, seien es die Rheintöchter, Freia, Fricka oder Brünnhilde, lassen die Männer ihre Beherrschung verlieren, wodurch sich die vernichtenden Tragödien Bahn brechen. Die Frauen sind die tonangebenden Figuren – mit höchst unterschiedlichen Zielen. Für das Theater Chemnitz ist es daher nur folgerichtig, dass nicht eine, sondern gleich vier Regisseurinnen sich der Tetralogie inszenatorisch annehmen. Liegt der Blick der Regisseurinnen also auf dem spezifisch Weiblichen im Ring, oder ist es die weibliche Perspektive, die dem Zuschauer eine neue Sichtweise auf das Drama vermitteln kann? Den Beginn mit dem Rheingold macht die junge Regisseurin Verena Stoiber gemeinsam mit Sophia Schneider, die sowohl das Bühnenbild gestaltete als auch die Kostüme entwarf.
Im Vorabend zu Richard Wagners Ring-Tetralogie werden im Rheingold die zentralen Themen des Gesamtwerkes angesprochen. Liebe und Macht schließen sich aus, das ist die Erkenntnis, die am Anfang dieses Zyklus’ steht. Und musikalisch ist es das tiefe Es der Streicher, das zurückführt zur Geburt der Welt, zum idealtypischen Urzustand.
Doch mit Alberichs Raub des Rheingolds und seinem fatalen Fluch, Wotans größenwahnsinniger Idee einer Götterburg als Symbol längst verlorener Autorität, der Überlistung Alberichs durch Loge und schließlich Fafners Brudermord an Fasolt entwickelt sich ein Handlungsstrang, der unweigerlich zum Ende führt und auch durch Erda nicht mehr beeinflussbar ist.
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Als der Vorhang sich zur ersten Szene hebt, erblickt der Zuschauer eine Bühne im Dunst und Nebel, von der Bühnendecke hängen große Wasserpflanzen herab. Man befindet sich auf dem Grunde des Rheins. An beiden Ecken stehen jeweils zwei Theaterstühle, auf der rechten Seite hat sich bereits ein Herr im dunklen Anzug niedergelassen und beobachtet das Geschehen. Der Zuschauer wird bald wissen, dass es sich um Loge handelt, der zentrale Strippenzieher und Lenker in diesem Werk. Die drei Rheintöchter schwingen sich passend zu Woglindes Weia! Waga! Woge, du Welle an drei Seilen herab, lediglich mit einem transparenten Bodysuit bekleidet. Das nackte Erscheinungsbild, die langen blonden und wallenden Haare mit einem golden Reif auf der Stirn, die Wassernixen als erotische Dreifachausgabe der Loreley. Im krassen Gegensatz dazu erscheint Alberich. Nackt, stark behaart wie ein Urmensch, abstoßend, mit einer prallen Erektion, macht er sich geifernd und lüstern an die Rheintöchter ran, die ihn natürlich abblitzen lassen. Und hier setzt Verena Stoiber ein erstes Ausrufezeichen. Das ist kein neckisches Spiel mehr, das ist pure Anmache und sexuelle Provokation, was die drei Hübschen da veranstalten. Ihr gekonntes Aufheizen und dann zurückziehen – eine fatale Erniedrigung des Alben, der sich auf radikale Art rächt. Er entsagt der Liebe, packt sich die drei Nixen, schneidet ihnen die Haare samt dem Goldreif ab und hält sie als Trophäen wie einen Skalp hoch. Nun sind die Rheintöchter auf das schwerste erniedrigt, ihrer Schönheit beraubt, blutüberströmt. Ein starkes Bild, das erahnen lässt, dass die Tragödie des Vorabends des Ring des Nibelungen schon im vollen Gange ist. Und während sich Alberich vergeblich um die Nixen bemüht, poltert ein Paar durch die erste Zuschauerreihe, erklimmt die Seitenbühne und nimmt auf den beiden Theaterstühlen auf der linken Seite Platz, um sich das Drama, was da vor ihnen abläuft, sich in Ruhe zu Gemüte zu führen. Es sind keine zu spät kommenden Premierengäste, die im ausverkauften Theater Chemnitz keinen Platz mehr bekommen haben. Wotan und seine Frau Gemahlin Fricka haben es sich auf der Bühne bequem gemacht.
Der Wechsel zum zweiten Bild erfolgt schnell. Die Wasserpflanzen an der Decke verschwinden nach oben, stattdessen wird eine große Mauer heruntergelassen, die die Bühne teilt. Wotans Burg Walhall als Mauer? Eine interessante Assoziation, denn wie eine Mauer sind auch Wotans Verträge, die er mit den Riesen geschlossen hat. Trennend, isolierend, unverrückbar. Die Zuschauer lernen nun die Götterfamilie näher kennen, und auch hier wird schnell klar, das ist ganz am aktuellen Leben mit all seiner Vielschichtigkeit angelehnt, aber auch durchaus mit Augenzwinkern und einer Überdosis Pointiertheit.
Fricka, in einem hochgeschlossenen, dunkelblauen Kostüm, ist die dominante, beherrschende Ehefrau, von der sich Wotan, in einem schlecht sitzenden, hellblauen Anzug, schon längst innerlich verabschiedet hat. Die Reinigungskraft, die den Boden noch vom Blut der Rheintöchter säubern soll, hat es ihm da eher angetan. Wotan, so ein bisschen ein Hugh-Grant-Verschnitt, macht noch schnell ein Selfie mit seinem Smartphone mit dem Objekt seiner Begierde, bevor Fricka es ihm entwendet und in den Putzeimer schmeißt. That’s life! Die Götter scheinen aus einer drittklassigen Reality-TV Show entsprungen zu sein. Donner und Froh mit kurzer Hose im Golfer-Outlook, und Freia erscheint als spätpubertierende Göre in einem Petticoat-ähnlichen Kleid. Willkommen bei den Göttern, die sich in Selbstherrlichkeit üben und auch gerne das eine oder andere Glas Sekt verkonsumieren. Diese schrille Stimmung wird jäh durch das Auftreten der Riesen gestört. Fasolt ist der Intellektuelle, mit Aktentasche unterm Arm wirkt er wie ein windiger Winkeladvokat, der dem Herrn Wotan seinen Vertrag mit ihm erklärt, indem er ihn genau auf das Kleingedruckte hinweist. Und Fafner ist der Mann fürs Grobe. Aktenordner mit Verträgen werden da auf einer Schubkarre hineingefahren, Wotan hat angesichts dieser Konfrontation keine Chance. Loge ist allen Anwesenden intellektuell überlegen, und er beginnt sein Intrigenspiel nach der Devise „Jeder gegen jeden“. Immerhin handelt er mit den Riesen einen Zahlungsaufschub aus, das Rheingold soll Freia, die die Riesen für sich erhandelt haben, auslösen. So geht es hinab in die Unterwelt Alberichs. Hier wandelt sich die Szene in einen großen Käfig voller Zellen. Der obere Teil ist ein playhouse mit leicht bekleideten Damen, die auf ihre Freier warten. Ein Schild offeriert eine Sexflatrate für 9,99 von 7 – 9 p.m. Alberich ist der Zuhälter, der mit der Ware Frau handelt und sich gleichzeitig nimmt, was er will. Dass er einem Mädchen die Kehle durchschneidet, ist Höhepunkt seiner perversen Machtgier und Besessenheit. Die Nibelungen eine Etage tiefer sind Kinder, die moderne Sportschuhe fertigen, eingepfercht unter menschenunwürdigen Bedingungen. Kinderarbeit in Südostasien lässt grüßen.
Einen zweiten genialen Ansatz zeigt Verena Stoiber mit dem Tarnhelm, der Wotan als goldener Spiegel von Alberich vorgehalten wird. Sinnbildlich für den Narziss und die Selbstgerechtigkeit beider Antipoden. Nachdem Alberich überwältigt wird und sie zu Walhall zurückkehren, sieht man die Mauer wieder, diesmal mit Sprüchen und Graffitis bemalt. „Was Du bist, bist Du nur durch Verträge“, lassen Fasolt und Fafner mit einem Herzen und zwei F grüßen. In großen Lettern steht Wallhall angeschrieben. Auch hier doppelsinnig, das vermeintlich falsch geschriebene Wort enthält den englischen Begriff für Mauer. Wotan streicht das zweite L durch und hat so sein Walhall wieder. Das Rheingold, das als Lösung für Freia dienen soll, sind alle möglichen Luxusgüter in Kartons. Vom hochwertigen HD-Fernseher über Stereoanlagen bis hin zu Sportartikeln. Während Wotan Alberich den Ring entwendet, indem er ihm einfach den Finger abschneidet, hat der nette Herr Loge bereits ein weiteres Paar auf den nach wie vor präsenten Theaterplätzen vorne links an der Bühne platziert.
Ein Greis mit Augenpflaster, es ist Wotans Alter ego, der hier sinnbildlich schon die Götterdämmerung nahen sieht. Und es ist Fricka, die mit einem furiosen Auftritt Wotan überzeugt, den Ring den Riesen zu übergeben. Dann ist die Geschichte schnell zu Ende erzählt. Fafner erschlägt seinen Bruder mit dem Golfschläger, Donner und Froh ziehen sich Damenkleider an, und der Einzug der Götter in Walhall bleibt aus; die Götter verschwinden, und nur die nackten und blutverschmierten Rheintöchter finden in den Überresten der vielen Konsumgüter etwas zum Verhüllen.

Als sich nach zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten Spielzeit der Vorhang senkt, gibt es primär großen Jubel und Applaus, der für die Protagonisten sowie Dirigent und Orchester einhellig ist. Erwartungsgemäß müssen Verena Stoiber und Sophia Schneider bei ihrem ersten Vorhang einen Buh-Sturm über sich ergehen lassen, der von einigen Bravo-Rufen begleitet wird. Das war wohl zu krass, zu direkt, was das Regieteam dem Chemnitzer Publikum vorgesetzt hat. Man muss diese Form der Interpretation nicht mögen, man muss kein Freund derartig bizarrer Darstellung sein. Aber eins muss man Stoiber zu Gute halten. Sie hat das Werk sehr genau verstanden und auch werkgetreu inszeniert, mit der Projektion auf die heutige Zeit und die heutige Gesellschaft. Da ist viel Gesellschafts- und Sozialkritik dabei, und letztlich hält Stoiber auch uns Alberichs goldenen Spiegel vor die Nase. Dass die Regisseurin als Assistentin von Calixto Bieito gearbeitet hat und natürlich von seinen Ideen beeinflusst ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Auch wenn die Bilder krass und zum Teil bizarr erscheinen: Die Personenregie, das Geflecht der Beziehungen untereinander sind stringent und glasklar herausgearbeitet worden. Ob es nun eine typisch weibliche Sichtweise auf den Vorabend der Tetralogie war? Zumindest eines ist klargeworden. Von der Deutlichkeit der Sprache hat die weibliche Inszenierung viele der männlichen übertroffen, vielleicht mit Ausnahme von Frank Castorfs Bayreuther Ring.
Musikalisch gibt es an diesem Abend keine kontroversen Meinungen. Krisztían Cser gibt ein sängerisch fulminantes Rollendebüt und begeistert mit seiner smarten Spielweise. Benjamin Bruns bestimmt sowohl von seiner perfekten Stimmführung her als auch von seinem intelligenten Spiel die Rolle des Loge. Mit schon fast heldenhaftem Tenor und übersprühender Spielfreude ist er sängerisch und spielerisch der Dominator dieser Aufführung und hat mit seiner musikalischen Interpretation der Figur einen neuen Maßstab gesetzt. Der Wagner-erprobteste Darsteller an diesem Abend ist zweifelsohne Jukka Rasilainen als Alberich. Sein markanter Bass-Bariton ist geprägt von Durchschlagskraft und sehr textverständlicher Deklamation. Sein Fluch zu Beginn des vierten Bildes, tief durchdringend, ist einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Sein Spiel, zunächst lüstern hinter den Rheintöchtern gierend, dann abgrundtief böse als Nibelungenfürst, zeigt alle schauspielerischen Facetten, die diese Rolle fordert. Auch Edward Randall als Mime überzeugt als Charaktertenor mit dynamischem Spiel.
Monika Bohinec gewinnt als dominante Gemahlin Fricka mit abgehobener Attitüde und dramatischem Mezzo-Sopran. Matthias Winter gibt den Donner mit kräftigem Bariton, Petter Wulfsberg Moen als Froh lässt mit jungem Eleven-Tenor aufhorchen, doch fehlt seiner Stimme noch etwas die Durchschlagskraft. Maraike Schröter gibt die Freia mit klarem, jugendlich-dramatischem Sopran und gewollt überkandideltem Spiel.
Magnus Piontek singt den Fasolt mit schon fast balsamischem Bass und verleiht dem verliebten, aber verklemmten Riesen dadurch eine schon fast menschliche Note, während James Moellenhoff gewohnt stimmgewaltig, wie man ihn aus Leipzig kennt, seinen Bass als Brudermörder Fafner erklingen lässt. Bernadett Fodor fasziniert mit ausdrucksvollem, warmem Mezzosopran in der Partie der Erda. Guibee Young als Woglinde, Sylvia Rena Ziegler als Wellgunde und Sophia Maeno als Flosshilde harmonieren gesanglich und spielerisch als verführerisches Rheintöchter-Trio.
Die Robert-Schumann-Philharmonie begeistert an diesem Abend durch eine beeindruckende Klangmalerei und durch ein farbenreiches und nuanciertes Spiel, auch wenn es zu Beginn die eine oder andere Unsauberkeit bei den Bläsern im Orchestergraben zu vernehmen gibt. Dunkel und düster erklingt der Es-Dur-Akkord zu Beginn aus dem Orchestergraben, doch die Farben wechseln schnell. Der Übergang zum zweiten Bild ist schon fast symphonisch zart, die Nibelungen-Szenen dagegen im überschäumenden Forte schon brutal, der Einzug der Götter in Walhall wiederum majestätisch und erhaben. Guillermo Garcia Calvo, seit dieser Spielzeit der neue Generalmusikdirektor in Chemnitz, führt die Orchestermusiker mit klarem Gestus durch die Partie. Er arbeitet Farbnuancen heraus, wechselt klug die Tempi und arbeitet besonders die Leitmotive und symphonischen Elemente klar heraus.
Die Zuschauer verlassen sicher mit gemischten Gefühlen das Chemnitzer Theater. Wie wird es weitergehen im Chemnitzer Ring? Ein neues Inszenierungsteam unter der Leitung von Monique Wagemakers wird in sieben Wochen die Walküre präsentieren. Man müsste schon die Nornen in der Götterdämmerung befragen: „Weißt Du, wie das wird?“ Für Spannung und Diskussionsstoff im Chemnitzer Jubiläumsjahr ist jedenfalls gesorgt.
Andreas H. Hölscher