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Vom Feinsten

ALPENSINFONIE
(WDR-Sinfo­nie­or­chester)

Besuch am
3. Februar 2018

 

Philhar­monie Essen

Frank Peter Zimmermann und Marek Janowski trennt zwar eine ganze Generation: Musika­lisch verbindet den in Duisburg geborenen Geiger und den Dirigenten freilich weit mehr, als es der Alters­un­ter­schied von 26 Jahren erwarten lässt. Beide gehören seit Jahrzehnten zur Weltspitze ihres Fachs und beide legen gleich wenig Wert auf Medien­rummel aller Art. Auch wenn sie dadurch in der breiten Öffent­lichkeit nie die Bekanntheit einer Anne-Sophie Mutter oder eines Simon Rattle gewinnen konnten, werden sie in Kenner­kreisen umso höher geschätzt. Dass der Name Zimmer­manns im Zusam­menhang mit den Querelen um die Westdeutsche Landesbank doch in die Schlag­zeilen geriet, war ihm denkbar unangenehm. Nach zwölf­einhalb gemein­samen Jahren musste Zimmermann seine ihm ans Herz gewachsene und als Leihgabe der Bank überlassene Stradivari „Lady Inchiquin“ an deren neuen Besitzer, den Finanz­dienst­leister Portigon AG, zurück­geben. Dieser hatte Zimmer­manns Kaufan­gebot über 4,9 Millionen Euro zurück­ge­wiesen. Letztlich ist das Land einge­sprungen, so dass Zimmermann wieder auf seinem Lieblings­in­stument spielen kann.

POINTS OF HONOR

Dirigent
Orchester
Solisten
Programm
Publikum
Chat-Faktor

Auch in der Essener Philhar­monie, wo er mit dem WDR-Sinfo­nie­or­chester Köln und Marek Janowski einem Kompo­nisten huldigte, der ihm besonders am Herzen liegt. Trotz oder weil Paul Hindemith nach den Schmä­hungen von Adorno & Co. längst nicht den Platz in unserem Konzer­t­alltag einnimmt, den er verdiente. Dass Hinde­miths Violin­konzert zu den inter­es­san­testen Werken des Genres aus dem 20. Jahrhundert gehört, hat Zimmermann schon früh bewiesen. Jetzt tritt er mit der Kammer­musik Nr. 4 für Violine und Kammer­or­chester op. 36 Nr. 3 auf. Ein frisches, origi­nelles, äußerst dankbares Werk aus den quirligen 1920-er Jahren, das dem Solisten nicht weniger abver­langt als das gut zehn Jahre später entstandene Violin­konzert, das er auch in Konzerten, so oft es die Veran­stalter erlaubten, aufführte.

Die Kammer­musik Nr. 4 ist trotz des auf 20 Musiker beschränkten Ensembles, das jedoch von der Picco­lo­flöte bis zur Tuba eine extrem breite Klang­pa­lette entfaltet, durchaus als Violin­konzert zu verstehen. Aller­dings als ein recht kurzes. Zimmermann bekannte selbst, dass er sich nicht so recht ausge­lastet fühle, wenn er sich an einem Abend mit diesem Werk begnügen müsste. Der WDR kann sich diesen Luxus erlauben. In weiteren Konzerten wird er Hinde­miths Opus mit einer anderen Rarität kombi­nieren, nämlich Robert Schumanns Fantasie für Violine und Orchester op. 131.

Marek Janowski – Foto © Felix Broede

So knapp gebaut auch Hinde­miths „Kammer­musik“ sein mag. Von schroffen Attacken bis zu geisterhaft verschlei­erten Arabesken der feinsten Art und lyrischen Passagen von inten­siver emotio­naler Ausdrucks­kraft entfaltet sich auf engem Raum eine Art stilis­ti­scher Achterbahn, die höchste Anfor­de­rungen an die technische Sicherheit und gestal­te­rische Flexi­bi­lität des Solisten stellt. Keine Frage, dass sich Zimmermann davon nicht in Bedrängnis bringen lässt, zumal ihn Janowski trotz des strecken­weise dicht instru­men­tierten Begleit­parts wie auf Händen trägt. Insgesamt ein Kabinett­stück ebenso erfüllter wie perfekter Vortragskunst.

Mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 85, La Reine, zum Auftakt des Programms zeigt sich Janowski, der vor allem als versierter Dirigent großer spätro­man­ti­scher Musik, speziell, wie auch derzeit bei den Bayreuther Festspielen, als Interpret der Musik Richard Wagners geschätzt wird, als Meister klassi­scher Trans­parenz und filigraner Delika­tesse. Janowski verzichtet, anders als die „Jungen Wilden“ im Umfeld von Teodor Currentzis, auf extreme Kontraste, überdrehte Tempi und scharfe Klang­bilder. Mit schlichter Selbst­ver­ständ­lichkeit lässt er ein bis ins kleinste Detail durch­hör­bares Klangbild entstehen, das von einer natürlich fließenden Phrasierung getragen wird. Das alles lässt sich weder als konser­vativ noch als sensa­tionell einstufen, sondern überzeugt durch zeitlose Schönheit.

Nach der Pause wird es eng auf dem Podium der nahezu voll besetzten Philhar­monie. Richard Strauss‘ Alpen­sin­fonie erfährt eine ebenfalls klanglich meisterhaft ausge­hörte und stilis­tisch ausge­wogene Inter­pre­tation, in der Janowski die schil­lernden Klang­farben und das weite dynamische Spektrum eindrucksvoll ausspielt, dabei aber auch den kontem­pla­tiven Hinter­grund des Werks, das Strauss durchaus nicht als illus­trative „Postkarten-Musik“ verstanden wissen wollte, spürbar werden lässt. Große Gesten braucht Janowski nicht zu bemühen. Die Musiker folgen seinem vorbild­lichen Handwerk und Instinkt ohne gymnas­ti­sches Vorturnen.

Das sichtlich beein­druckte Publikum reagiert auf alle Vorträge mit vehementer Begeis­terung. Während sich Zimmermann mit einer Bach-Courante bedankt, verzichtet Janowski nach dem orches­tralen Gipfel­sturm der Alpen wohlweislich auf ein unange­brachtes Dessert.

Pedro Obiera

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