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Mit Mozarts Don Giovanni hat das Aachener Theater kein Glück. „Unvergessen“ Elmar Ottenthals Deformierung des Werks zum unsensiblen Zuhälter- und Schurkenstück vor 22 Jahren. Und Eva-Maria Höckmayr hinterließ aufgrund ihrer Erkrankung ihre Inszenierung 2011 nur fragmentarisch. Setzte Ottenthal bereits einen kaum zu unterbietenden Tiefpunkt, schlägt Joan Anton Rechi mit seiner aktuellen Werkdeutung alle Rekorde des schlechten Geschmacks. Führte der Regisseur mit dem Faible für Ulk und Comedy in Aachen bereits Rossinis bekannteste Buffas, den Barbier von Sevilla und La Cenerentola, an die Grenzen eines noch vertretbaren „Humors“, katapultierte er im letzten Jahr Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos mit diesem Ansatz ins Niemandsland der Bedeutungslosigkeit.
Und nicht einmal vor Mozarts Don Giovanni, einem der hintergründigsten und psychologisch feinsinnigsten Werke der gesamten abendländischen Kultur, macht Rechi auf seiner Jagd nach abgeschmackten Gags halt. Wenn sich Donna Anna Luftballons ins Dekolleté steckt, die während des himmlisch schönen und tiefgründigen Maskenterzetts, in dem Mozart die Zeit geradezu anzuhalten scheint, effektvoll platzen, sind mir die Kamellen des Aachener Rosenmontagszugs lieber. Die sind frischer als Rechis „olle Kamellen“. Ganz abgesehen, dass man seine Ohren offenbar fest mit Wachs vor den Klängen der Musik verschließen muss, um auf eine solche Idee an einer solchen Stelle kommen zu können. Und das macht Rechis Arbeit zum Ärgernis: Er nimmt weder das geniale Libretto da Pontes noch Mozarts Musik zur Kenntnis und biegt das Werk rücksichtlos zu einer Vorstadt-Posse um. Und alles nur, um ein paar Lacher an der falschen Stelle zu erhaschen.
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Dass das als Dramma giocoso titulierte Werk nicht als „komische Oper“ zu verstehen ist, sondern eher als vielschichtige Tragikomödie, dass gerade die feinen Gratwanderungen zwischen Ironie, Tragik und Dämonie den Reiz des Werks ausmachen, ficht Rechi nicht an. Mit dem toten Komtur, der am Ende im Nachthemd den Titelhelden erschreckt, wird Schabernack getrieben, Don Giovanni gebärdet sich als uninteressanter und zeitweise auch uninteressierter banaler, wie ein jämmerlicher Hasenfuß agierender Schürzenjäger und die Damen werden als dümmlich zickende Hühner denunziert. Dass die charismatische Anziehungskraft Giovannis auf ebenbürtig starke Frauen, und zwar aller sozialen Schichten, die Grundlage der dramaturgischen Spannung bildet, lässt Rechi kalt. Entsprechend banal und an vielen Stellen völlig unlogisch und vor allem antimusikalisch gerät die Inszenierung.
Angesiedelt ist das Werk in einer dreigeteilten, drehbaren Museums-Suite mit antiken und klassischen Skulpturen und Gemälden nackter, hier drastisch kastrierter Männerkörper. Ein Bezug der von Gabriel Insignares gestalteten Bühnenbauten zum Stück oder zur Inszenierung bleibt verschlossen. Abgesehen davon, dass Don Giovanni den bereits von Leporello außer Gefecht gesetzten Komtur feige mit einem antiken Gipskopf erschlägt. Letztlich schränken die Räumlichkeiten freilich nur die Bewegungsfreiheit der Figuren ein. Geht man allerdings davon aus, dass es im Grunde egal ist, ob man Mozart mit gepuderten Perücken oder, wie Peter Sellars, in einer Frittenbude spielen lässt, wenn nur die Psychologie stimmt, trägt der Bühnenbildner allenfalls marginal zur szenischen Katastrophe bei. Wie auch die Kostümbildnerin Merce Paloma, die die Damen recht gediegen und die Herren sehr fraulich ausstattet.
Leider kann Justus Thorau, der kommissarische Genemalmusikdirektor Aachens, den szenischen Platitüden musikalisch wenig entgegensetzen. Grob, als habe er sich die skurrilen Mozart-Verballhornungen der „jungen wilden“ Dirigenten um Teodor Currentzis & Co. zum Vorbild genommen, ist auch im Orchestergraben wenig von der komplexen Hintergründigkeit der Musik zu hören. Angesichts des ruppigen Vorwärtsdrangs werden zudem etliche Ungenauigkeiten im Zusammenspiel in Kauf genommen.

Hrólfur Saemundsson hätte stimmlich und gestalterisch das Zeug zu einer attraktiven Darstellung der Titelfigur, passt sich gesanglich freilich seiner aufoktroyierten eindimensionalen Chauvi-Rolle an, was ihm nicht einmal verübelt werden kann. Das Ergebnis ist eine vokal blasse Leistung, die hinter den Möglichkeiten des Sängers zurückbleibt.
Gut, dass wenigstens sein Diener Leporello von allzu grotesken Verzerrungen verschont bleibt, so dass sich der stets verlässliche Bassist Woong-jo Choi mit seiner mächtigen und gleichzeitig agilen Stimme recht frei entfalten kann. Unter den Damen überzeugt Suzanne Jerosme als Zerlina mit ihrem frischen, substanzreichen Sopran am Eindeutigsten. Eine Rolle, die auch der hell timbrierten Netta Or besser anstehen würde als die der Donna Elvira, die so die überdrehte Hysterie, die sie ausspielen muss, noch steigert. Schade, denn die insgesamt erfreuliche Entwicklung der Sängerin verdient eine sorgfältige Beachtung. Als Elvira wäre dagegen Katharina Hagopian besser besetzt, deren Stimme für die Donna Anna zu leicht wirkt. Auch ihren ebenso positiven Kapazitäten tut man mit dieser Besetzung keinen Gefallen.
Ang Du verkörpert einen stimmlich etwas leichtgewichtigen Komtur, während Patricio Arroyo als Don Ottavio und vor allem Michael Terada als Masetto ihre Aufgaben ohne Fehl und Tadel erfüllen. Desgleichen der Aachener Opernchor mit seiner kleinen Partie.
Das Publikum bedachte alle Mitwirkenden mit großem Beifall, auch das szenische Team. Buh-Rufe blieben aus. Allerdings verweigerten doch etliche Premierenbesucher dem Regisseur ihren Beifall.
Pedro Obiera