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TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
11. Februar 2018
(Premiere)
Die erste wirklich große Premiere im neurenovierten Haus unter den Linden wurde seit Monaten mit Spannung erwartet. Seit Wochen ausverkauft – immerhin leitet GMD Daniel Barenboim seine Staatskapelle mit einer der zurzeit wohl angesagtesten Besetzungen, und mit Dimitri Tcherniakov ist ein dem Opern- und Berliner Publikum bestens bekannter Regisseur am Werk.
Tcherniakov – Bühnenbilder in Personalunion – hat die Handlung ins hier und heute verlegt. Für den ersten Akt entwirft er die Lounge einer Luxusyacht, komplett mit Flachbildschirm, der abwechselnd die Aktienkurse, die Außenkamera aufs Meer oder die Kapitänsbrücke zeigt. Lässig elegant in einem blauen Hosenanzug mit Stöckelschuhen – die zeitlosen Kostüme sind von Elena Zaytseva – erzählt Isolde die Vorgeschichte ihrer Begegnung mit Tristan. Tristan wirkt währenddessen beklommen. Wenn es dann zum Liebestrank kommt, meint man, sie haben eher flüssiges Lachgas getrunken und das innere Kind freigelassen – alles ist so heiter. Der zweite Akt findet in einem eleganten Wintergarten statt. Eine champagnertrinkende Abendgesellschaft bekommt Gewehre in die Hand gedrückt und rückt ab zur Jagd. Die geheime Liebesnacht der beiden Hauptakteure ist ein rein platonisches Treffen – Sex ist nur Kopfsache, dafür brauchen zwei so Seelenverwandte wie Tristan und Isolde eigentlich ihre Körper überhaupt nicht. Ist es aus Schopenhauers Schriften, dass zur ekstatischen Vollendung der Körper überflüssig ist? Im dritten Akt findet sich Tristan in seiner elterlichen, kleinbürgerlichen Einzimmerwohnung wieder. Die alte Weise weckt in Tristan Kindheitserinnerungen, komplett mit den Eltern in Stummrollen, die sich auf Klein-Tristan freuen. Seine Selbstanalyse führt ihn in den Wahn und Tod, wohin Isolde ihn dann auch freiwillig folgt. Insgesamt stellt Tcherniakov mehr Fragen, als er beantwortet, was beim Zuschauer eher Unbehagen aufkommen lässt.
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Der Unschlüssigkeit der Inszenierung steht das feste musikalische Konzept von Daniel Barenboim und dem Sänger-Ensemble entgegen. Allein schon der Beginn – Bayreuth-ähnlich ohne Vorab-Applaus für den Dirigenten – mit dem kaum hörbaren Anfang des Vorspiels, fast unwirklich entwickelt sich das Sehnsuchtsmotiv und erfüllt den Raum. Das ist die siebte Neuproduktion der Oper, die Daniel Barenboim dirigiert, und er zeigt, wie sehr ihm diese Musik am Herzen liegt. Die exzellent aufgelegte Staatskapelle folgt seinen atmenden Tempi – Barenboim lässt sich Zeit, die Gefühlsmomente aufzubauen, Emotionen zum Siedepunkt zu bringen um dann wieder die Stille sprechen zu lassen. Dass er manchmal das Orchester so laut werden lässt, dass die Sänger übertönt sind und sie an den Rand ihres Könnens bringt, muss man wohl in Kauf nehmen.

Mit Andreas Schager steht der wohl zurzeit beste Tristan auf der Bühne der Staatsoper Unter den Linden. Sein leuchtender Tenor zeigt überhaupt keine Ermüdungserscheinungen im dritten Akt. Im Gegenteil, seine klare Diktion und subtile Interpretation zeugen von einer bemerkenswerten Verinnerlichung der Rolle. Mit Anja Kampe steht ihm eine Isolde gegenüber, die ihm ebenbürtig ist – vor Empörung ergriffen im ersten Akt, lyrisch und zart im zweiten und innig und empfindsam im dritten. Ein echtes Traumpaar! Ekaterina Gubanova als Brangäne und Boaz Daniel als Kurwenal sind würdige Freunde und Helfer, die alles zurechtbiegen wollen. Stimmlich bieten sie die Vitalität und Präsenz, die ein so hochkarätiges Ensemble erfordert. Stephen Milling hat seine Erkältung ansagen lassen, womit sich erklärt, dass sein König Marke eher routiniert wirkt.
Für das Berliner Opernpublikum ist diese Produktion wohl auch der Auftakt für ein gesellschaftliches Ereignis – viele Persönlichkeiten aus Kultur und Politik genießen die Flaniermöglichkeiten in der „Konditorei“ und im „Apollo-Saal“ während der beiden Pausen. Darüber hinaus zeigt sich auch, dass sich eine Wagner-Oper in der neuerstellten Akustik des Saales sehr gut anhört – die Nagelprobe ist glänzend bestanden.
Das Premierenpublikum feiert Darsteller, Dirigenten und Orchester mit stürmischen Applaus; das Regie-Team hingegen wird mit sehr gemischten Gefühlen empfangen.
Zenaida des Aubris