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Foto © Barbara Braun

Vampirtintenfisch und Klangästhetik

RETE MIRABILE
(Ulrike Haage)

Besuch am
12. Februar 2018
(Urauf­führung)

 

Museum für Natur­kunde, Berlin

Das Museum für Natur­kunde – Institut für Evolu­tions- und Biodi­ver­si­täts­for­schung ist ein integriertes Forschungs­museum der Leibniz-Gemein­schaft, die wiederum über 93 selbst­ständige Forschungs­ein­rich­tungen verfügt. Das Museum gehört nach eigenen Angaben zu den „weltweit bedeu­tendsten Forschungs­ein­rich­tungen auf dem Gebiet der biolo­gi­schen und erdwis­sen­schaft­lichen Evolution und Biodi­ver­sität“. Neben wichtigen Vokabeln zeigt sich das Museum vor allem offen für ungewöhn­liche Projekte, um Besucher für das Museum zu begeistern. Da gibt es „Taschen­lam­pen­füh­rungen“ ebenso wie Ausstel­lungen zur Wisent-Wildnis vor den Toren Berlins. Dass sich Biodi­ver­sität, also die „Vielfalt innerhalb sowie zwischen Arten, darüber hinaus aber die Vielfalt der Ökosysteme selbst“, mit Musik ganz gut verträgt, zeigt das Natur­kunde-Museum jetzt mit der Aufführung der Mikro-Oper Rete Mirabile.

„Follow me“ steht auf dem von der jungen Museums­füh­rerin hochge­hal­tenen Plakat, dann ertönen Glöck­chen­klänge, als sie im Dinosaurier-Saal des Berliner Museums für Natur­kunde die rund 60 Gäste abholt. Ist das der Auftakt zu einer Alleine-im-Museum-Nacht? Nein, mit der Führerin begibt sich das Publikum in den nächsten Saal, wo etliche bunt-beleuchtete Fossilien ausge­stellt sind. Während der kurzen Wartezeit, bis es losgeht, hat der Besucher Zeit, sich zwei Fragen zu stellen: Was ist eigentlich eine Rete Mirabile? Und was hat das mit Musik zu tun? Aus dem Latei­ni­schen übersetzt, bedeutet es Wundernetz: eine Verzweigung einer Arterie in ein Geflecht aus feinsten Arterien, das sich anschließend nicht zu einer Vene, sondern wiederum zu einer Arterie vereinigt. Bei Fischen dienen Wunder­netze als Gegen­strom-Wärme­aus­tau­scher der Thermo­re­gu­lation. So viel zur formellen Definition.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Für die Kompo­nistin Ulrike Haage war der Begriff eine Inspi­ration, als sie die berühmte Nass-Sammlung des Museums besuchte. Hier war sie von den verschie­densten Fischen die in etwa 276.000 Gläsern, teils noch aus dem 18. Jahrhundert, „archi­viert“ sind, faszi­niert, ebenso wie von Material, Struktur und Ästhetik der Sammlung. Als Musikerin weiß sie, wie unter­schiedlich gefüllte Aufbe­wah­rungs­gläser klingen können. So tastete sie sich gemeinsam mit dem Fisch­kus­toden Peter Bartsch an die Materie heran und übersetzte sie musika­lisch in ein assozia­tives Klang­gewebe, das von Marim­baphon, Vibraphon und Schlagzeug gespielt wird, ohne jegliche elektro­nische Effekte.

Foto © O‑Ton

Als zusätz­liche Kompo­nente schrieb Mark Ravenhill ein Libretto für ein Vokal­quartett. Sopran Christina Andersson, Alto Regina Jakobi, Tenor Lee Steiner und Bass Jonas Böhm drücken diese dichte­risch-philo­so­phi­schen Wahrneh­mungen über die diametral gegen­sätz­lichen Lebens­wand­lungen von Mensch und Oktopus in zehn Sprech-Gesängen aus. Zentrale Figur der Dichtungen in unter­schied­lichen Genres ist der Oktopus Vampy­ro­theuthis infer­nalis, der, trotz seines furcht­erre­genden Namens, gerade mal zehn Milli­meter groß ist und über den der Philosoph Vilém Flusser ein Essay über das Welterleben des Vampir­tin­ten­fi­sches schrieb. Es wäre hilfreich gewesen, wenn das Libretto vorab erhältlich gewesen wäre. So können nur einzelne Phrasen und Worte verstanden werden. Das Vokal­quartett tritt erst als Gemein­schaft auf, dann gehen die vier Sänger einzeln in das umher­ste­hende Publikum und sprechen, wieder­holen den Text von Ravenhill.

Das Publikum folgt den Musikern vom Fossilien-Saal in die Räume der sehr kühl gehal­tenen, klima­kon­trol­lierten Nass-Sammlung, wo es dann frei um die dicht­be­füllten und bizarr-bunt beleuch­teten Regale wandern kann. Die minima­lis­ti­schen, repeti­tiven Klänge des Marim­ba­phons, Vibra­phons und Schlag­zeugs sowie die mensch­lichen Stimmen der Sänger, die auch in diesem Raum eher als Chorkörper auftreten, vermi­schen sich zu einem einzig­ar­tigen, fast esote­ri­schen, schwe­benden Klang­er­lebnis, das im Halbdunkel der Flure der Sammlung beinahe unheimlich wahrge­nommen wird. Nach gerade mal einer guten halben Stunde geht die märchen­hafte Mikro-Oper zu Ende, und die Besucher müssen ihren Weg zurück in die Realität finden. Insgesamt ein surrea­lis­ti­sches Erlebnis, voller zarter Poesie, das aber auch zur Reflektion des eigenen Daseins und des endlichen Lebens führt.

Es ist zu hoffen, dass das Modell­projekt von Kunst/​Natur. Künst­le­rische Inter­ven­tionen im Museum für Natur­kunde Berlin aufgrund der sehr guten Publi­kums­re­sonanz weiter­ge­führt wird. Immerhin waren die acht angesetzten Termine von Rete Mirabile innerhalb kürzester Zeit ausgebucht.

Zenaida des Aubris

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