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Foto © Arash Nejad

Wendekreise

JERADA
(Bouchra Ouizguen)

Besuch am
17. Februar 2018
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Größer können die Gegen­sätze kaum sein. Bouchra Ouizguen ist eine marok­ka­nische Choreo­grafin. Üblicher­weise lebt und arbeitet die Autodi­daktin in Marra­kesch. Carte Blanche ist die größte norwe­gische zeitge­nös­sische Tanzkom­panie mit Sitz in Bergen. Deren künst­le­ri­scher Leiter, Hooman Sharifi, hat die Choreo­grafin einge­laden, mit Carte Blanche eine Arbeit zu entwi­ckeln. Beide Seiten fühlen sich einiger­maßen hilflos. Wie kann man im jeweils anderen Land überleben, wenn man sich ohne Sprach­kennt­nisse, ohne Wissen über die Kultur und auch noch in einem gänzlich ungewohnten Klima zurecht­finden muss? Ja, ein großar­tiges Thema, findet das ungewöhn­liche Team und macht sich an die Arbeit.

Die Tänzer reisen nach Marokko. Wie der Titel der Choreo­grafie vermuten lässt, nach Jerada. Eine Provinz mit gleich­na­miger Haupt­stadt an der algeri­schen Grenze, über die Autobahn mehr als 800 Kilometer von Marra­kesch entfernt, vorbei an Sehnsuchtsorten wie Fes, Rabat oder Casablanca. Hier, in wahrhaft tiefster Provinz, in einer Welt, die mit der Seen- und Bergwelt Norwegens nicht mehr das Geringste zu tun hat, wird die These Ouizguens greifbar, dass der Kreis in indivi­du­eller wie in kollek­tiver Ausformung eine Möglichkeit bietet, das Überleben der Gruppe zu gewährleisten.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das Ergebnis der Arbeit wird nun auch am Tanzhaus NRW vorge­stellt. Die Bühne einschließlich der Seiten­bühnen im großen Saal ist komplett geräumt. Mauerwerk, wohin das Auge blickt. Deutlicher kann man Wüste kaum vermitteln. Eric Wurtz simuliert einen Sonnen­aufgang, ehe er das Weißlicht immer wieder behutsam wechselt, ohne die Sicht­barkeit ernsthaft zu gefährden. Musik setzt ein. Es sind Männer­ge­sänge, die von rhyth­mi­schen Stock­schlägen begleitet werden. Dakka Marrachkia nennt sich die landes­ty­pische Musik, die von der Dakka Marrachkia Baba’s Band eigens für das Stück einge­spielt wurde und nun über die Lautspre­cher­anlage erklingt. Bei den ersten Auffüh­rungen wohl noch live gespielt, erklingt sie zunächst fokus­siert aus der linken, hinteren Ecke.

Foto © Arash Nejad

Ein junger Mann mit einem dreivier­tel­langen Mantel betritt die Bühne und beginnt einen Tanz, der an Derwische erinnert, die sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern auch immer weitere Kreise ziehen. Faszi­nieren zunächst die verschie­den­ar­tigen Perspek­tiven, die er mit ausge­streckten Armen und fliegenden Mantel­schößen erreicht, wird es nach satten 20 Minuten einer einstün­digen Aufführung doch eher ermüdend. Weitere Tänzer lösen sich aus den Publi­kums­reihen, bleiben dabei, sich mehrdi­men­sional zu drehen. Kaum eine Bewegung gleicht der anderen, allen gemein ist der Kreis, in welche Richtung auch immer er getanzt wird.

Nach einer halben Stunde verglimmt die Musik, wird auf einen Pulsschlag reduziert. Erst wenn die Choreo­grafie in der zweiten Hälfte wieder Fahrt aufnimmt, wird deutlich, dass die Tänzer ihr Überleben in der Gruppe suchen. Die Wende­kreise werden immer vielfäl­tiger, ehe sie vorüber­gehend zusam­men­brechen. In der letzten Viertel­stunde nimmt die Choreo­grafie Fahrt auf, Kleidungs­stücke werden hin und her geworfen, Farbigkeit kehrt ein. In der wieder einset­zenden Musik wird der Rhythmus härter. Die Tänzer kennen kein Halten mehr. Scheinen sich in einen Rausch zu tanzen. Der auch die Besucher ergreift. Immer schneller werden die Bewegungen, ohne den Kreis zu verlassen. Die Betrachtung einer Sport­stunde könnte nicht spannender sein.

Am Ende tanzt sich das Individuum aus – hat also das Modell von Ouizguen funktio­niert? Die Frage verliert sich nach Minuten im Dunkel. Das spärlich erschienene Publikum des Abends kennt die Antwort nicht, applau­diert aber die athle­tische Leistung.

Michael S. Zerban

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