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Zauber des Körperlichen

ALCINA
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
16. Februar 2018
(Premiere)

 

Badisches Staats­theater Karlsruhe

Festi­val­macher scheinen an Händels Alcina einen Narren gefressen zu haben. Schon die Urauf­führung 1735 in Londons Covent Garden soll nach dem Willen des wirtschaftlich angeschla­genen Hallenser Meisters zusammen mit Ariodante eine neue Blütezeit einleiten, sozusagen Festtage en suite. Das Vorhaben gelingt weitgehend. In dem von Theater­ma­nager John Rich im großen Stil errich­teten Haus erlebt die Opera seria bis 1737 zwei Dutzend Aufführungen.1952 leitet eine glanz­volle Neube­lebung des Werks bei den ersten Händel­fest­spielen in Halle eine Renais­sance der Opern des großen Sohnes der Stadt ein. 1978 starten am Badischen Staats­theater ebenfalls mit dem dreiak­tigen Dramma per musica die jährlichen Händeltage in Karlsruhe. Jetzt ist es wiederum eine Neupro­duktion des fantas­ti­schen Stoffes um die legendäre Zauberin, mit denen die 41. Ausgabe des Festivals einge­leitet wird. Der schon in der Kirke-Episode der Odyssee von Homer nachweisbare Plot, der auf Ludovico Ariostos Orlando furioso fußt, ist nun mal als Opern­sujet bestens geeignet. Zumindest solange Frauen Lust haben, Männer mit den Mitteln der Zauberei in ihren Bann zu ziehen. Zumindest solange Männer nach bezau­bernden Frauen verlangen, ohne sich recht­zeitig der Risiken von Zauberei zu verge­wissern. Die uralte, ewig junge Geschichte um Liebe, Leiden­schaft, Enttäu­schung und Entsagung wird also in Karlsruhe einmal mehr erzählt. Dabei ist nicht dieser Fakt das Ereignis. Wie es geschieht, ist vielmehr die Attraktion.

Alcina hat in ihrem Zauber­garten eine ganze Phalanx von früheren Liebhabern in Schweine, allerlei anderes Getier und Pflanzen verwandelt. Aktueller Kandidat, den die Zauberin für sich gewinnen will, ist Ruggiero. Der Ritter, eigentlich mit Bradamante verlobt, verfällt ebenfalls der Macht Alcinas. Durch drei impulsive Opernakte hindurch kämpft Ruggiero um seine Bestimmung als Mann und Mensch, was ihm sage und schreibe allein sieben Solo-Arien abver­langt. Zum guten Ende versinkt das Zauber­reich. Die Rückver­wandlung der Gefan­genen gelingt. Dopo tante amare pene già proviam com forto all‘alma, resümiert der Chor. Alles wieder gut? Alles nur Bühnen­zauber? Eben nicht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Was Alcina zu Karlsruhe 2018 so bemer­kenswert macht, ist der völlige Verzicht auf Theater­zirkus und Ausstattung. Dem aus den USA stammenden Regisseur James Darrah, der erstmals in Deutschland insze­niert, gelingt es, im Logbuch der Auffüh­rungs­praxis von Händel-Opern ein neues Kapitel aufzu­schlagen. Zu erleben ist eine Alcina der Verschmelzung von Musik- und Körper­sprache. In der Star- und Casting-Kultur des höfischen Spätba­rocks ist es die Musik in ihrer artifi­zi­ellen Dimension, die die kunst­volle Ausbreitung der Gefühls­welten des Ich ermög­licht. In Darrahs Regie­konzept wird dieser Solip­sismus um die Dimension der Körper­lichkeit erweitert. Um die Dimension einer choreo­gra­fisch begrif­fenen Oper, die mit den Elementen von Sinnlichkeit durch Bewegung agiert.

Foto © Falk von Traubenberg

Dabei wird der Clou der Produktion nicht von Anfang an verraten. Im ersten Akt erschöpft sich die physische Berührung der Protago­nisten noch in einer gewissen Oberfläch­lichkeit. Die Liebenden oder Verschmähten kommen sich in die Haare, fahren sich wechsel­seitig ins Gesicht, suchen hände­ringend nach Nähe oder Abstand. Aus dieser eher banalen Gestik kristal­li­siert sich nach und nach ein eigener Kosmos der Bewegung heraus, der Zauber der Körper­lichkeit. Jede Gefühls­regung, jede seismo­gra­phische Verän­derung in der Seelen­land­schaft manifes­tiert sich in eigenen Gesten. Zunächst erfasst diese Motorik Hände und Füße, dann den ganzen Körper, schluss­endlich dessen Integration in die Gruppe, quasi in ein Corps de Ballet. Breit angelegt ist das Spektrum dieser körper­lichen Entäu­ßerung, von der Pose des puren Leidens über den robusten Kampf mit Schwert und Feuer bis hin zur Verschmelzung mit dem anderen – eine Metapher der sich ankün­di­genden Überwindung des Barocks. Es ist einfach großartig zu erleben, wie die Sänger­dar­steller diese Metaebene der Kunst meistern, sei es auf den Knien, sei es in der Hocke oder gänzlich auf dem Boden. Und beein­dru­ckend zu verfolgen, wie die Statis­terie des Staats­theaters als „Gefolge Alcinas“ auf die Haupt­per­sonen einge­stellt oder unter­ein­ander einge­spielt sind und die Imagi­na­ti­onswelt eines Zauber­gartens choreo­gra­fisch konstru­ieren. Wirklich geworden ist im Übrigen die Insze­nie­rungsidee durch Darrahs Assis­tenten David Laera, einst selbst Tänzer.

Für seine Deutung – vielleicht ein Gegenpol zur histo­ri­sie­renden Ausstat­tungsoper Riccardo Primo in Karlsruhe 2014 – hat Darrah die einschlä­gigen Quellen genau studiert. Zur Zeit Händels agieren in den Hoftheatern Europas Tänzer nicht nur während der obligaten Ballett­ein­lagen. Die Aristo­kratie schätzt und fördert Tänzer, weil sie auch während der Arien auftreten und so ein zusätz­licher künst­le­ri­scher code of commu­ni­cation einge­zogen wird. Händel, der im London der konkur­rie­renden Opern­häuser ständig Attrak­tionen hinterher jagen muss, kann für seine Alcina sogar aus dem Vollen schöpfen. Covent-Garden-Eigner Rich hat die populäre Tänzerin Marie Sallé und ihre Compagnie für eine Spielzeit an sein Haus engagiert. Ein Angebot, das der Komponist nur zu dankbar aufgreift und im Design seiner Oper berücksichtigt.

In diesem Konzept ist begreif­li­cher­weise wenig Raum für eine übliche Ausstattung.  Bühnen­bild­nerin Emily Macdonald und Licht­de­signer Cameron Mock begnügen sich mit zwei Wänden, die seitlich den ansonsten völlig leeren Boden begrenzen. Die darauf gemalten Bilder sind schon in die Jahre gekommen, was aber ihrer Haupt­funktion als Video-Screens nichts nimmt. Adam Larsen untermalt in seinen Projek­tionen den Zauber­garten Alcinas mit allerlei Symbolik aus Fauna und Flora, die gelegentlich für gehörige Heiterkeit im Publikum sorgen. Wenn Ruggiero zu seiner Bravourarie Sta nell‘ircana von der Löwin in Persiens Höhle ansetzt, erscheint hinter dem Fries das Abbild einer Löwin, die im sicheren Abstand zu dem Sänger durch die Szenerie wandert. Ansonsten bleibt das Auge des Betrachters vielleicht noch an weißgrauen Stricken und gerolltem Tuch hängen, das wie Schnüre von der Decke  zum Boden reicht. Die von Chrisi Karvo­nides-Dushenko ohne Zeitbezug geschnei­derten Kostüme sind vermutlich unter mehr Aufwand entstanden, als ihre konkrete Ausführung ahnen lässt.

Mit Spitzen­kräften in den Haupt­partien weist diese Alcina absolutes Festspiel­niveau auf. Rundum erfreulich ist dabei der Fakt, dass mit der Besetzung des austra­li­schen Counter­tenors David Hansen als Ruggiero gezielt auf die Tradition Händels zurück­ge­griffen wird, der viele seiner zentralen Opern­fi­guren für italie­nische Kastraten schrieb. Alle Experi­mente der vergan­genen Jahrzehnte, den Part des umtrie­bigen Ritters von Sopranen oder Altis­tinnen singen zu lassen, verbannt der Barock-Spezialist in das Reich von Pilot­pro­jekten. Hansen, in Karlsruhe als Didymus in Theodora bereits ein Begriff, begeistert mit einer Stimme, die in der Höhe, im Volumen und in der Bewäl­tigung techni­scher Anfor­de­rungen keine Grenzen zu kennen scheint. Gelingt es ihm in Zukunft noch, seine virtuosen vokalen Slalom­läufe nicht regel­mäßig aus einer merkwür­digen metal­li­schen Schärfe zu starten, dürften ihm die olympi­schen Höhen der heutigen Barockoper sicher sein.

Mit dem Rollen­debüt in der Titel­partie ist auch die  kanadische Sopra­nistin Layla Claire, 2016 Tusnelda in der Festspiel­pro­duktion Arminio, nach Karlsruhe zurück­ge­kehrt. Das Publikum hat sie praktisch schon auf halber Strecke für sich gewonnen, wie der stürmische Szenen­beifall nach ihrer  herzzer­rei­ßenden Klage Ah, mio cor am Ende des zweiten Akts beweist. Ein Prä der Besetzung ist zudem die italie­nische Altistin Benedetta Mazzucato als Bradamante. Ihr an Monte­verdi und Verdi geschultes Organ geht mit wiesel­flinken Läufen und präch­tigen Tonkas­kaden schlicht unter die Haut. Die polnische Sopra­nistin Aleksandra Kubas-Kruk in der Rolle der Morgana punktet mit kecken Auftritten und vokalem Schmelz. In den weiteren Rollen nehmen die kolora­tu­rensi­chere Carina Schmieger als Oberto, ferner die Ensem­ble­mit­glieder Nicolas Brownlee in der Rolle des Melisso und Alexey Neklyudov als Oronte für sich ein.

Ihre Händel-Kompetenz beweisen einmal mehr  die Deutschen Händel-Solisten unter ihrem Leiter Andreas Spering. Die Abstimmung zwischen Graben und Bühne gelingt perfekt wie der Wechsel in den Tempi, Stimmungen und drama­ti­schen Zuspit­zungen. Einfühl­sames ist von Sören Leopold auf der subtil gespielten Laute und Rien Voskuilen am Cembalo zu vernehmen. Der Händel-Festspielchor, einstu­diert von Carsten Wiebusch, trägt mit vokaler Souve­rä­nität zur Versöhnung bei, musika­lisch wie unter den handelnden Personen.

Die Besucher im ausver­kauften Theater folgen dem gut vierstün­digen Abend inklusive zwei Pausen mit der Aufmerk­samkeit und Disziplin, die ein Festspiel-Publikum kennzeichnen. Geradezu nahtlos geht am Ende der bereit­willig gespendete Szenen­ap­plaus in einen Orkan für alle Künstler über, einschließlich des Regie­teams. Unter dem Jubel für die Künstler in den Haupt­partien fällt der für Kubas-Kruk etwas überra­schend hochgradig aus. Was auf  Claire und Hansen sowie schließlich die Händel-Solisten und Spering herun­ter­prasselt, ist dagegen mehr als angemessen. Händel, der alte Zauberer, hat auch in diesem Jahr im Badischen eine Heimstatt. Wie seit 40 Jahren.

Ralf Siepmann

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