O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Der Choreograf Richard Siegal sammelt Auszeichnungen und Ehrentitel wie andere Leute Kamelle beim Karnevalszug. Das weckt Misstrauen. Erst recht, wenn man weiß, dass er seine Compagnie Ballet of Difference erst im vorletzten Jahr gründete. Derzeit gibt es in Köln Gelegenheit, das Geheimnis des „Wunderknaben“ zu erkunden. Im Schauspiel Köln kommt die zweite Arbeit der Compagnie zur Uraufführung. On Body ist eine Koproduktion von Schauspiel Köln, Tanz Köln und Muffatwerk München.
Der dreiteilige Abend setzt sich aus zwei Neubearbeitungen früherer Arbeiten und der Uraufführung von Mode for Walking zusammen. Bei BoD, dem ersten Stück, geht es um die künstlerische Vorstellung der Compagnie, UNITXT könnte man also so etwas wie das Erweckungsstück Siegals begreifen. Alle drei Stücke haben eines gemeinsam: Sie zeigen eine vollkommen ungewöhnliche, faszinierende Bewegungssprache zu zeitgenössischer Musik, die andere lieber schnell in die Schublade Technobeats stecken, und scheuen nicht vor Genre-Grenzen zurück. Das ist grell, schrill, banal bis virtuos, experimentierfreudig bis rauschhaft.
| Musik | ![]() |
| Tanz | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
In BoD, einem Ballett für zehn Tänzer, stellt sich die Truppe vor. Auf einer nichtssagenden Bühne, deren Seiten offen sind, eröffnen die Tänzerinnen und Tänzer das Bewegungsrepertoire. Und das ist allen Staunens wert. Von Corps-Auftritten, die mitunter an Saturday Night Fever erinnern, über zeitgenössische Ideen bis hin zu Balletteinlagen samt Spitzentanz und ungewöhnlichen Figurinen findet sich hier eine Melange, die es so bislang noch nicht gab. Staccatoähnliche, bisweilen maschinenhafte Bewegungen, die in weichen Biegungen enden, zeitigen überraschende Effekte, auch wenn das Lichtdesign von Gilles Gentner da sicher noch einiges mehr hätte herausholen können. Die Kostüme von Becca McCharen erinnern an Thermopren-Anzüge mit aufblasbaren Elementen und unterstreichen den avantgardistischen Eindruck, auch wenn sie an praktischer Bedeutung zweifeln lassen. So etwas Fantastisches im eigentlichen Wortsinn hat zuletzt Jean-Paul Gauthier erreicht. Mit der Musik hat Siegal DJ Haram beauftragt. In eindrucksvoller Stereophonie mischen sich hier Klänge, die in jedem Konzertsaal Berechtigung fänden.
Dem Prinzip der Polyrhythmik widmet sich das Stück Mode of Walking. Hierzu hat der Choreograf „kompositorische Vorstudien“ von Lorenzo Bianchi Hoesch anfertigen lassen. Die klingen auch vor dem eigentlichen Auftritt an, wenn ein Pult mit Notebook aufgebaut wird. Das Ganze ist reichlich mystisch, kaum nachvollziehbar und scheint auch wenig notwendig. Denn der Auftritt des Quartetts in „Sackleinen“ und Stiefeletten ist spektakulär genug. Nicht nur, dass die Musik von den Körpern der Tänzer erzeugt wird, bringt auch die Polyrhythmik eine Wirkung, die das Publikum in ihren Bann zieht. Im Mittelpunkt stehen auch hier wieder Claudia Ortiz Arraiza und Margarida Neto. Hinzu gesellt sich Courtney Henry, die mit einem überflüssigen und nichtssagenden Solo abschließt. Betrachtet man die beiden anderen Stücke, scheint es so zu sein, dass Erstaufführungen Siegals einer Überarbeitung bedürfen, also lediglich einen Zwischenstand zeigen, ehe sie ihre ganze Überzeugungskraft entfalten.

Den besten Beweis dafür liefert UNITXT in seiner Neubearbeitung. Grandios, was es hier zu den hämmernden Klängen von Carsten Nicolai, die ebenfalls zwischen Konzertsaal und Club changieren, zu schauen gibt. Die Tänzer treten weit hinter die Ausdruckskraft und den Einfallsreichtum des Tanzes zurück. So möchten Mädchen, die nicht an Schwanensee und Nussknacker glauben, Ballett tanzen. Modern, kraftvoll, vital, ideenreich. Spitzentanz und Pirouetten finden hier ganz selbstverständlich statt – aber als Teil einer zukunftsgerichteten Bewegungsform, die nicht von ästhetischem Parfüm übergossen ist, sondern im Hier und Jetzt stattfindet. Dass Hebungen und einzelne Figuren noch ein wenig hölzern wirken, zeigt, dass hier Entwicklung stattfindet, Neues ausprobiert wird, das nach vorne weist. Siegal gelingt es, zeitgenössischen Tanz und Ballett so zu kombinieren, dass das Ergebnis rauschhaft, aber heutig erscheint.
Das Publikum braucht einen Moment, aus diesem Rausch zurückzukehren in die Wirklichkeit. Wofür Siegal all seine Ehrungen erhalten hat, steht nunmehr außer Frage. Trotzdem gilt der Applaus mehr den Tänzerinnen und Tänzern. Vielleicht braucht es auch hier etwas Zeit, um den Griff in die Zukunft des Balletts zu verstehen. Und wenn es den Organisatoren gelingt, die zehnminütige Verspätung zu Beginn auszumerzen und die Pause von einer Dreiviertelstunde auf annehmbare 20 Minuten zu begrenzen, steht einem außerordentlichen Geschehen nichts mehr im Wege.
Neben zahlreichen Tour-Terminen ist das Werk in verkürzter Form noch einmal während der Tanzplattform am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zu erleben.
Michael S. Zerban