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Märchen vom Sieg des Guten

LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
25. Februar 2018
(Premiere am 3. Februar 2018)

 

Landes­theater Coburg

Die Grippe­welle hatte unerbittlich zugeschlagen: So mussten bei der Nachmit­tags­vor­stellung im Landes­theater Coburg bei Gioachino Rossinis Melod­ramma giocoso La Cenerentola gleich drei wichtige Partien durch Gäste ersetzt werden, was nur bei der Haupt­rolle der Angelina, dem engel­gleichen Aschen­puttel, auffiel, denn von der Seite sang die noch am Vormittag einge­sprungene Rebecca Martin die Cenerentola souverän; auf der Bühne aber agierte als stummer, etwas hölzerner „Ersatz“ Regie­as­sis­tentin Katharina Malur als Titel­figur. Abgesehen von solchen Misshel­lig­keiten gefällt die Vorstellung dem wegen der Kälte nicht so zahlreich erschie­nenen Publikum sehr.

Auch Rossini musste zusammen mit seinem Libret­tisten Jacopo Ferretti einiges an Hinder­nissen überwinden: Sie zitterten unter der Eises­kälte, als sie sich zur Jahres­wende 181617 zusam­men­setzten, um in höchster Eile eine Oper für die Karne­vals­saison in Rom zu erstellen, beobachtet von der Zensur; aber es gelang ihnen, in 24 Tagen das Werk praktisch im letzten Moment zu fertigen, indem sie sich auf schon Vorhan­denes für die Handlung stützten und für die Kompo­sition schon Vorlie­gendes verwen­deten oder variierten. Auch die Erstauf­führung am 25. Januar im Teatro Valle geriet äußerst stürmisch, wegen missgüns­tiger Neider, aber auch wegen der unter­schied­lichen Bewäl­tigung der außer­or­dent­lichen musika­li­schen Schwie­rig­keiten und der Anfor­de­rungen an die Sänger. Doch Rossini ließ sich von dem schein­baren Misserfolg nicht entmu­tigen und prophe­zeite seinem Werk eine große Zukunft.

Für viele gilt heute die Cenerentola als Rossinis „mensch­lichste Komödie“; sie vereint scharf­sin­nigen Witz mit rührender Aufrich­tigkeit und endet positiv, nämlich „moralisch“, indem die „Bösen“, der raffgierige Vater mit seinen zwei gräss­lichen Töchtern, bloßge­stellt, aber nicht bestraft werden, sondern durch die „Guten“, also Angelina und ihren Prinzen, Vergebung erfahren. Solche Güte jedoch kann man kaum glauben; sie scheint wie ein Traum, wie aus dem Märchen von Aschen­puttel, das trotz der ernied­ri­genden äußeren Umstände die Liebe und damit einen Prinzen erringt durch seelische Reinheit.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dass eine solche Handlung eine eher optimis­tische Vorstellung, eine schöne Illusion ist, wird in der Insze­nierung von Tibor Torell vor allem durch die Ausstattung von Kristopher Kempf deutlich. Der entwirft imaginäre Räume durch weiße, flache Papp-Kulissen, grob aufge­zeichnete Umrisse weisen auf die jeweilige Funktion hin. Schau­plätze lassen sich schnell verändern durch Hochziehen, Herun­ter­lassen oder Wegschieben, so etwa beim Palast des Prinzen; auf solch einfache Weise markieren sie auch das ruinöse Heim des Don Magnifico, Baron von Monte­fiascone, der auf dem letzten Loch pfeift und im Schlafrock regiert; selbst eine Ratte fühlt sich da wohl. Dank einem Ballon aus Pappe kann der Prinz in die Lüfte entschweben und bei einem Gewitter sausen Blitze aus Wolken – aber keine Angst: Alles nur Theater­ku­lisse. Die Kostüme, schrill für die beiden überkan­di­delten Schwestern, golden glitzernd für die blonde Tisbe und glänzend schockrosa und schwarz für Clorinda, sind sichtbar übersteigert: Einen starken Kontrast dazu gibt die fast farblos brav gekleidete Angelina ab; selbst ihr Ballkleid, dunkel schim­mernd, wirkt dagegen nahezu dezent. Der Prinz erscheint natürlich am Ende in Weiß, Alidoro, sein philo­so­phi­scher Lehrer, tritt zuerst in einer Art Mönchs­kutte als Bettler auf; darunter verbirgt sich ein korrekter, farblich unauf­fäl­liger Anzug. Als falscher Prinz darf sich Diener Dandini kurze Zeit an einer Prunk-Uniform freuen. Das männliche Haus-Personal erinnert ein wenig an eine Mischung aus Knappe und Raumschiffbesatzung.

Die quick­le­bendige Musik Rossinis hätte eine ebenso lebendige Perso­nen­führung verdient. Regisseur Torell lässt das ständige Hin und Her eigentlich nur bei den Szenen mit den Töchtern so richtig spüren. Im Streit um die Schönheit und in der Abscheu vor der in ihren Augen „niederen“ Angelina verrenken sie sich oft zu grotesken Figuren und vollführen skurrile Handlungen. Don Magnifico strahlt die Selbst­zu­frie­denheit eines schmie­rigen, alten Bankrot­teurs und Intri­ganten aus. Dagegen bleibt Aschen­puttel aufreizend „normal“, und auch der schöne, junge Prinz präsen­tiert sich etwas langweilig, Ratgeber Alidoro wirkt sehr förmlich, nur Diener Dandini regt in seiner Prinzen­rolle zum Schmunzeln an. Leider aber finden viele Ensembles und Szenen frontal aufge­reiht statt.

Foto © Sebastian Buff

Damit versöhnt jedoch die vor guter Laune prickelnde Musik Rossinis. Aus dem Orches­ter­graben ertönen unter der Leitung von Davide Lorenzato sonnige Melodik, vergnügte Sprit­zigkeit, geist­reiches Flirren, schöne instru­mentale Details, vom Philhar­mo­ni­schen Orchester Landes­theater Coburg in heiterer Spannung gegeben, ohne dass je gehetzt würde; nur der Herrenchor, einstu­diert vom Dirigenten, ist manchmal etwas spät dran. Dass die Partie der Cenerentola ganz kurzfristig von der ameri­ka­ni­schen Mezzo­so­pra­nistin Rebecca Martin gesungen werden konnte, erweist sich als Glücksfall, denn sie ist versiert in dieser anspruchs­vollen Rolle, hoch gelobt dafür schon in Dessau und München, und mit ihrer weichen, runden Stimme bewältigt sie sowohl das Senti­mentale, wie das Lied vom König, sehr anrührend, kann aber auch mit großen, runden Höhen, voller Mitte und respek­tablen Tiefen glänzen und begeistert mit einer Fülle an halsbre­che­risch lockeren Kolora­turen; nur am Ende gerät ihr der Triumph der Güte etwas laut. Ihre Konkurrenz um die Hand des Prinzen, die witzig agierende und klang­schön singende Clorinda der Marie Smolka und die sich ungeheuer geziert gebende Tisbe der Emily Lorini passen mit ihren strah­lenden, beweg­lichen Stimmen wunderbar zusammen. Darstel­le­risch wie auch sänge­risch ist Michael Lion sehr überzeugend als schmie­riger, ältlicher Don Magnifico, eine echte Buffo-Partie. Auch Dandini, Seymur Karimov, spielt als Diener sein komisches Talent aus und gefällt sehr mit seinem kernigen, starken Bariton. Dagegen wirkt Padraic Rowan als Philosoph auch stimmlich ziemlich blass, und Paul Kroeger als Don Ramiro äußerlich der Prototyp eines beein­dru­ckend groß gewach­senen, schicken jungen Prinzen, verfügt zwar über einen hellen, durch­schla­genden Tenor, lässt aber doch einiges an lyrischem Schmelz vermissen.

Das Publikum im nur halb besetzten Haus aber jubelt über dieses vergnüg­liche musika­lische Märchen vom Aschen­puttel und feiert alle Mitwir­kenden lange.

Renate Freyeisen

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