O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
25. Februar 2018
(Premiere am 3. Februar 2018)
Die Grippewelle hatte unerbittlich zugeschlagen: So mussten bei der Nachmittagsvorstellung im Landestheater Coburg bei Gioachino Rossinis Melodramma giocoso La Cenerentola gleich drei wichtige Partien durch Gäste ersetzt werden, was nur bei der Hauptrolle der Angelina, dem engelgleichen Aschenputtel, auffiel, denn von der Seite sang die noch am Vormittag eingesprungene Rebecca Martin die Cenerentola souverän; auf der Bühne aber agierte als stummer, etwas hölzerner „Ersatz“ Regieassistentin Katharina Malur als Titelfigur. Abgesehen von solchen Misshelligkeiten gefällt die Vorstellung dem wegen der Kälte nicht so zahlreich erschienenen Publikum sehr.
Auch Rossini musste zusammen mit seinem Librettisten Jacopo Ferretti einiges an Hindernissen überwinden: Sie zitterten unter der Eiseskälte, als sie sich zur Jahreswende 1816⁄17 zusammensetzten, um in höchster Eile eine Oper für die Karnevalssaison in Rom zu erstellen, beobachtet von der Zensur; aber es gelang ihnen, in 24 Tagen das Werk praktisch im letzten Moment zu fertigen, indem sie sich auf schon Vorhandenes für die Handlung stützten und für die Komposition schon Vorliegendes verwendeten oder variierten. Auch die Erstaufführung am 25. Januar im Teatro Valle geriet äußerst stürmisch, wegen missgünstiger Neider, aber auch wegen der unterschiedlichen Bewältigung der außerordentlichen musikalischen Schwierigkeiten und der Anforderungen an die Sänger. Doch Rossini ließ sich von dem scheinbaren Misserfolg nicht entmutigen und prophezeite seinem Werk eine große Zukunft.
Für viele gilt heute die Cenerentola als Rossinis „menschlichste Komödie“; sie vereint scharfsinnigen Witz mit rührender Aufrichtigkeit und endet positiv, nämlich „moralisch“, indem die „Bösen“, der raffgierige Vater mit seinen zwei grässlichen Töchtern, bloßgestellt, aber nicht bestraft werden, sondern durch die „Guten“, also Angelina und ihren Prinzen, Vergebung erfahren. Solche Güte jedoch kann man kaum glauben; sie scheint wie ein Traum, wie aus dem Märchen von Aschenputtel, das trotz der erniedrigenden äußeren Umstände die Liebe und damit einen Prinzen erringt durch seelische Reinheit.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Dass eine solche Handlung eine eher optimistische Vorstellung, eine schöne Illusion ist, wird in der Inszenierung von Tibor Torell vor allem durch die Ausstattung von Kristopher Kempf deutlich. Der entwirft imaginäre Räume durch weiße, flache Papp-Kulissen, grob aufgezeichnete Umrisse weisen auf die jeweilige Funktion hin. Schauplätze lassen sich schnell verändern durch Hochziehen, Herunterlassen oder Wegschieben, so etwa beim Palast des Prinzen; auf solch einfache Weise markieren sie auch das ruinöse Heim des Don Magnifico, Baron von Montefiascone, der auf dem letzten Loch pfeift und im Schlafrock regiert; selbst eine Ratte fühlt sich da wohl. Dank einem Ballon aus Pappe kann der Prinz in die Lüfte entschweben und bei einem Gewitter sausen Blitze aus Wolken – aber keine Angst: Alles nur Theaterkulisse. Die Kostüme, schrill für die beiden überkandidelten Schwestern, golden glitzernd für die blonde Tisbe und glänzend schockrosa und schwarz für Clorinda, sind sichtbar übersteigert: Einen starken Kontrast dazu gibt die fast farblos brav gekleidete Angelina ab; selbst ihr Ballkleid, dunkel schimmernd, wirkt dagegen nahezu dezent. Der Prinz erscheint natürlich am Ende in Weiß, Alidoro, sein philosophischer Lehrer, tritt zuerst in einer Art Mönchskutte als Bettler auf; darunter verbirgt sich ein korrekter, farblich unauffälliger Anzug. Als falscher Prinz darf sich Diener Dandini kurze Zeit an einer Prunk-Uniform freuen. Das männliche Haus-Personal erinnert ein wenig an eine Mischung aus Knappe und Raumschiffbesatzung.
Die quicklebendige Musik Rossinis hätte eine ebenso lebendige Personenführung verdient. Regisseur Torell lässt das ständige Hin und Her eigentlich nur bei den Szenen mit den Töchtern so richtig spüren. Im Streit um die Schönheit und in der Abscheu vor der in ihren Augen „niederen“ Angelina verrenken sie sich oft zu grotesken Figuren und vollführen skurrile Handlungen. Don Magnifico strahlt die Selbstzufriedenheit eines schmierigen, alten Bankrotteurs und Intriganten aus. Dagegen bleibt Aschenputtel aufreizend „normal“, und auch der schöne, junge Prinz präsentiert sich etwas langweilig, Ratgeber Alidoro wirkt sehr förmlich, nur Diener Dandini regt in seiner Prinzenrolle zum Schmunzeln an. Leider aber finden viele Ensembles und Szenen frontal aufgereiht statt.

Damit versöhnt jedoch die vor guter Laune prickelnde Musik Rossinis. Aus dem Orchestergraben ertönen unter der Leitung von Davide Lorenzato sonnige Melodik, vergnügte Spritzigkeit, geistreiches Flirren, schöne instrumentale Details, vom Philharmonischen Orchester Landestheater Coburg in heiterer Spannung gegeben, ohne dass je gehetzt würde; nur der Herrenchor, einstudiert vom Dirigenten, ist manchmal etwas spät dran. Dass die Partie der Cenerentola ganz kurzfristig von der amerikanischen Mezzosopranistin Rebecca Martin gesungen werden konnte, erweist sich als Glücksfall, denn sie ist versiert in dieser anspruchsvollen Rolle, hoch gelobt dafür schon in Dessau und München, und mit ihrer weichen, runden Stimme bewältigt sie sowohl das Sentimentale, wie das Lied vom König, sehr anrührend, kann aber auch mit großen, runden Höhen, voller Mitte und respektablen Tiefen glänzen und begeistert mit einer Fülle an halsbrecherisch lockeren Koloraturen; nur am Ende gerät ihr der Triumph der Güte etwas laut. Ihre Konkurrenz um die Hand des Prinzen, die witzig agierende und klangschön singende Clorinda der Marie Smolka und die sich ungeheuer geziert gebende Tisbe der Emily Lorini passen mit ihren strahlenden, beweglichen Stimmen wunderbar zusammen. Darstellerisch wie auch sängerisch ist Michael Lion sehr überzeugend als schmieriger, ältlicher Don Magnifico, eine echte Buffo-Partie. Auch Dandini, Seymur Karimov, spielt als Diener sein komisches Talent aus und gefällt sehr mit seinem kernigen, starken Bariton. Dagegen wirkt Padraic Rowan als Philosoph auch stimmlich ziemlich blass, und Paul Kroeger als Don Ramiro äußerlich der Prototyp eines beeindruckend groß gewachsenen, schicken jungen Prinzen, verfügt zwar über einen hellen, durchschlagenden Tenor, lässt aber doch einiges an lyrischem Schmelz vermissen.
Das Publikum im nur halb besetzten Haus aber jubelt über dieses vergnügliche musikalische Märchen vom Aschenputtel und feiert alle Mitwirkenden lange.
Renate Freyeisen