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GEÄCHTET
(Ayad Akhtar)
Besuch am
28. Februar 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Die Festhalle Opladen ist üblicherweise eher ein Ort, an dem Lustiges stattfindet. Kabarett, Boulevard-Komödien oder Auftritte von Kleinkünstlern sind hier an der Tagesordnung. Da reagiert das Publikum schon einmal misstrauisch, wenn ein Programmpunkt im Spielplan aus der Reihe fällt. Und so ist der kleine, gemütliche Theatersaal an diesem Abend auch nicht wie üblich ausverkauft. Aber gut besucht ist er allemal. Und das trotz Außentemperaturen, die im kräftigen Minusbereich nicht dazu einladen, das eigene, gutgewärmte Heim zu verlassen.
Geächtet heißt das Schauspiel, das im Januar 2012 in Chicago unter dem Titel Disgraced seine Uraufführung feierte und seine erste Aufführung in Deutschland am Alten Schauspielhaus Stuttgart im vergangenen November erlebte. Das Stück von Ayad Akhtar birgt den Zunder der Gegenwart in sich. Religiös-kulturelles Halbwissen führt selbst bei den besser Ausgebildeten zu Vorurteilen, die unauflösbar scheinen. Wir begeben uns in eine durchaus nicht unbekannte Ausgangssituation. Ein Abendessen zweier Ehepaare führt zur Eskalation im Untergrund dräuender Konflikte. Ein paar Randkonflikte sorgen für die nötige Würze. In diesem Fall geht es um Amir Kapoor, einen Wirtschaftsanwalt in New York, der gerade vor seinem größten Karrieresprung zu stehen scheint. Er ist sehr glücklich verheiratet mit Malerin Emily, die mit dem Kurator Isaac eine neue Ausstellung plant. Der wiederum ist verheiratet mit Jory, einer Kollegin von Amir. Abe – oder Hussein – ist der Neffe von Emily und stark der islamischen Gemeinschaft verhaftet. Das bringt nicht nur ihn in Schwierigkeiten, sondern auch Anwalt Amir, den er zur Verteidigung eines Imams nötigt.
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| Publikum | ![]() |
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Die Konflikte spitzen sich zu. Religiöse Einstellungen treffen mit Wucht aufeinander. Echte Lösungen gibt es nicht, ehe die Gesellschaft auseinanderfällt. Am Ende steht die Botschaft „Wenn Du aus dem Haus gehst, musst Du begreifen, dass die Welt da draußen nicht neutral ist. Nicht im Moment. Nicht für Dich. Du musst darauf achten, eine andere Botschaft zu senden“. Ein hilfloser Rat, der Hussein nicht hilft, aber zeigt, dass auch der Anwalt keine echten Antworten hat.

Da liegt viel Sprengstoff im Stück. Regisseurin Karin Boyd lässt ihn leider unbeachtet. Ideenlos lässt sie die Sprachgewalt über die Bühne sprudeln, zahlreiche falsche Abgänge und die Teenie-Knutschereien zeugen vom Unvermögen, dem Stück Handlung zu verleihen. Und wenn Amir seinen großen Monolog über den Koran hält, sitzt er wie festgeklebt am Stuhl. Leidenschaft sieht anders aus. Ähnlich blass und nüchtern die Ausstattung von Barbara Krott. Im Hintergrund ein hochgezogenes Halbrund in Beige-Braun-Tönen, das ein höchst elegantes Wohnzimmer in einem Apartment der Upper East Side darstellen soll. Hierin finden sich Nischen, in denen eine religiöse Monstranz auf der einen Seite, Alkoholika und Bücher auf der anderen Seite Platz finden. Mittig ein großes Bild der Malerin Emily. Davor ist rechts ein Sofa aufgestellt, links ein Esstisch mit vier Stühlen. Das Ganze hat unter zahlreichen Aufbauten schon ziemlich gelitten. Die Kostüme sind typgerecht ausgewählt, ohne die gewollte Exklusivität recht herüberzubringen. Zusätzliche Fadheit birgt das Licht, das die Bühne während der Szene in grelles Licht setzt und sich während der Szenenwechsel in eine Art Disco-Blinklicht verwandelt. Dazu gibt es bei den Wechseln kurze Einspielungen beliebiger Musik vom Band.
Ein solches Umfeld hilft den Darstellern wenig. Und da braucht es schon richtig gute Schauspieler, um den Abend noch zu einem Erfolg werden zu lassen. Die sind in Opladen angetreten. Allen voran Natalie O’Hara, die als Emily nicht nur ihren Körper sehr gekonnt zum erotischen Einsatz bringt, der zu Beginn gefordert ist, sondern auch die Statik mit einer starken Mimik und Gestik überspielt. Da ist genauso viel Detailarbeit zu entdecken wie bei Patrick Khatami als Amir, der zwar regiebedingt hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben muss, aber die Rolle filigran ausarbeitet. Großes Kompliment auch für Markus Angenvorth, der mit viel Kraftaufwand Erkältung und mächtig angeschlagener Stimme trotzt. Jillian Anthony verleiht Anwältin Jory viel Glaubwürdigkeit, auch wenn ihre Handtasche nahezu den gesamten Abend über unter dem Sofa liegen bleibt.
Das Publikum ist ein Traum. Trotz der grassierenden Erkältungswelle ist es über weite Strecken mucksmäuschenstill im Saal. Hochkonzentriert folgen die Menschen dem Redeschwall auf der Bühne, lassen sich auf die wenigen emotionalen Ausbrüche ein und bedanken sich zum Schluss bei den Schauspielern mit warmem Applaus. So soll es sein.
Michael S. Zerban