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CLAUDE VIVIER 70⁄35 – A SACRED ACT
(Claude Vivier)
Besuch am
27. Februar 2018
Das 1989 gegründete Instrumentalensemble Unitedberlin, das Musiker aus Ost und West zusammenführte, hat sich in Berlin mit klug konzipierten Programmen von zeitgenössischer Musik einen festen Platz in der Konzertszene erobert. Dazu gehören Uraufführungen in wechselnder Besetzung, die Kooperation mit bedeutenden Komponisten und die Realisierung von Sonderprojekten. Seit der Saison 2015⁄16 ist es als „Ensemble in Residence“ an das Konzerthaus Berlin angebunden und wird regelmäßig vom Dirigenten Vladimir Jurowski geleitet, der seit dieser Spielzeit auch die Chefposition beim Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin übernommen hat.
Das aktuelle Programm ist dem frankokanadischen Komponisten Claude Vivier gewidmet. Anlass sind zwei Gedenktage: Viviers Geburtstag jährt sich 2018 zum 70. Mal und sein gewaltsamer Tod – er wurde von einem Prostituierten ermordet – liegt 35 Jahre zurück. Darauf anspielend heißt der als szenisches Konzert angelegte Abend, dem eine Idee des Geigers Andreas Bräutigam zugrunde liegt, auch Claude Vivier 70⁄35 – a sacred act.
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Viviers Oeuvre ist autobiografisch geprägt. Seine schwierige Kindheit und seine Homosexualität spielen in den Kompositionen ebenso eine Rolle, wie die ausgedehnten Reisen durch Asien und die Beschäftigung mit Religion, Liebe und Tod. Und deshalb ist Vivier, verkörpert vom Schauspieler Max Hopp, in der unaufdringlichen Inszenierung von Anisha Bondy immer anwesend. Schon beim Einlass begrüßt er das Publikum mit der Frage: „Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele?“ So heißt auch das Chorwerk, mit dem das Konzert beginnt. Es changiert in vielen Text- und Vokalfarben und steigert sich zu einem beklemmenden Schluss. Hier berichtet Hopp aka Vivier mit elektronisch verfremdeter Stimme von einem gewaltsamen Tod, den er später selbst erfahren musste. Die anfängliche statuarische Aufstellung der Musiker löst sich in der folgenden vierzigminütigen Hiérophanie auf. Die Bläser, zu denen sich die Sopranistin Allison Bell gesellt, wandeln in kleinen Gruppen durch den Saal. Dabei spielen sie im Wechsel auskomponierte und improvisierte Passagen, die mit Splittern aus Kinderliedern durchzogen sind. Hiérophanie wirkt teils wie ein witziges Happening, teils wie eine religiöse Zeremonie, bei der Jurowski, einen Talar tragend, wie ein hoher Priester das Durcheinander bändigt. Während sich Hiérophanie aus verschiedenen Versatzteilen zusammenfügt, besteht das Folgestück Et je verrai cette ville étrange aus einer unendlichen, meditativen Melodie. Es entfaltet eine große Sogkraft, genauso wie das sich anschließende Sopransolo Bouchara. Am Ende des Abends wird Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele wiederholt. Doch nun liegt Vivier leblos am Boden. Die Prophezeiung eines gewaltsamen Todes hat sich bewahrheitet.
Seine Musik aber soll weiterleben, das vermitteln alle Mitwirkenden durch ihr spürbares Engagement. Ob streng ritualisiert oder voller magischer Schönheit, ob chaotisch vertrackt oder mystisch verschleiert: Mit fabelhafter Souveränität, Klangkultur und Spiellust bringen Vokalisten, Instrumentalisten und Dirigent Viviers faszinierende Tonsprache zu Gehör.
Anerkennender, großer Beifall im ausverkauften Werner-Otto-Saal für einen Abend, der dazu anregt, sich näher mit Vivier zu beschäftigen.
Karin Coper