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HEIMAT 4.0
(Jörg Fürst)
Besuch am
1. März 2018
(Premiere am 25. Januar 2018)
Heimat, was für ein seltsamer, urdeutscher Begriff. Es gibt wohl kaum ein Wort in der deutschen Sprache, das emotional so stark besetzt ist – und das so oft missbraucht wurde. Na ja, beim Missbrauch mag der Begriff der Liebe noch häufiger eine Rolle spielen. Aber die eignet sich für politische Dimensionen nicht so gut. Eigentlich, so der subjektive Eindruck, hatte der Begriff längst an öffentlicher Bedeutung verloren, tauchte allenfalls in historischen Zusammenhängen, im individuellen Bereich oder in des Deutschen liebsten Filmgenre noch auf. Plötzlich gibt es in Deutschland ein Heimatministerium, offenbar als politische Antwort auf ein paar populistische Redner, die das Wort für sich reklamieren wollen.
Und damit ist es an der Zeit, auch auf der Bühne als Ort gesellschaftlichen Diskurses Fragen nach der Heimat zu stellen, diesem mystischen, dem einen Sehnsuchtsort und der verwundbarsten Stelle eines Menschen. Jörg Fürst hat dazu ein Stück geschrieben und umgesetzt, das bereits im Januar dieses Jahres zur Uraufführung kam: Heimat 4.0 – ein unheimliches Bürgertheater. Er hat dazu vier professionelle Schauspieler und fünf „normale“ Bürger auf die Bühne gebracht, die sich mit der Heimat auf sehr unkonventionelle Weise auseinandersetzen.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
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Lena Thelen hat eine Bühne entwickelt, die sich erst nach und nach in ihrer Komplexität entblättert. Zu Beginn sitzen die Darsteller auf der Tribüne. Vor ihnen liegt die Studiobühne, auf der eine Menge grüner Leitungen parallel verlegt sind, die auf der Rückwand in einem Verteiler zusammenlaufen. Vor dieser schwarzen Rückwand ist eine Stuhlreihe aufgebaut. Zwischen den Stühlen liegen Mikrofonstative. Nach und nach betreten die Darsteller die Bühne, holen die Stative an die Rampe, bauen dort ritualisiert Mikrofone auf. An der Rampe liegen Baulampen, vergleichbar kleinen, flexibel einsetzbaren Neonröhren, die später um weitere Stablampen ergänzt werden. Zum Schluss bekommen die Darsteller nostalgische Gegenstände in die Hände gedrückt, die ebenfalls leuchten. Ein Bestandteil mehr des Lichtkonzepts, mit dem Kerp Holz beeindruckt. Dass dabei eine falsch hängende Lampe fast den Gesamteindruck verdirbt, ist ärgerlich, weil so überflüssig. In den Proben hätte auffallen müssen, dass die Lampe den Blick auf die Projektionsfläche im Hintergrund so weit blendet, dass die dort abgebildeten Kapitelhinweise und Zitate zeitweise nicht mehr zu lesen sind. Die Kostüme von Heinke Stork und Monika Odenthal mögen mit ihrem „alternativen“ Gegenwartsaussehen nicht so richtig zu überzeugen. Auch wenn für das Thema nicht kriegsentscheidend, hätte man sich hier mehr Fantasie gewünscht. Man muss ja nicht jeden Darsteller möglichst unattraktiv einkleiden, um darauf hinzuweisen, dass die Bekleidung nicht wichtig für das Thema ist.

In weiten Teilen arbeitet Fürst chorisch und lässt Buchstabengeschichten erzählen. Zu einem Buchstaben – H, V, N – werden assoziative Begriffe aufgesagt. Zwischen den Buchstaben gibt es allerhand zu erleben. Der Popsong Mamma Maria leitet zum Thema POPulismus – eine Weissagung über. Zwischendurch wird ein Gartenzwerg gegossen, Adolf Hitlers Mein Kampf wird im Publikum herumgereicht. Völkische Reden gibt es da zu ebenso zu hören wie die sehr persönliche Erzählung von Anja Jaschezann über die Herkunft ihres Vaters, nachdem ein stilisierter Baum zerstört wurde. Im Großen Marsch wird die ausgesprochen diskussionswürdige Rede eines Pegida-Redners wiedergegeben, absolut gruselig, weil es da so viele Argumente gibt, denen man eigentlich zustimmen möchte, obwohl sie von der falschen Seite kommen. Zwischenzeitlich wird ein Video von einer Trump-Sprecherin gezeigt, eine Klang-Collage mit Zitaten unter anderem der Bundeskanzlerin und hämmernder Musik eingespielt. Kurzum: Fürst entwirft hier eine großartige Collage zum Thema Heimat, der man noch vieles hinzufügen könnte. Aber das ist ja auch gewollt. Zusatzveranstaltungen und ein Video-Blog sollen das Thema weiter anheizen.
Aber auch ohne die partizipativen Maßnahmen funktioniert das Stück als solches. Wenngleich man sich mit dem Ende nicht so recht identifizieren möchte. Das ist halt politisches Theater, wunderbar aus den 1980-er Jahren weiterentwickelt. Da gibt es anschließend Diskussionsbedarf. Bei der Wiederaufnahme ist im Anschluss an das Theaterstück allerdings erst mal Schluss.
Da darf man sich dann allenfalls noch an die höchst eindrucksvolle Musik von Valerij Lisac erinnern, die das Stück hervorragend ergänzt. Im Vordergrund steht der Einsatz der Orgel, die nach und nach durch andere Instrumente komplettiert wird.
Das Publikum, zahlenmäßig eher gering, versucht nach Kräften, den Darstellern seinen Dank darzubringen. Was Heimat in der Zukunft bedeutet, bleibt am Ende ungelöst. Vielleicht bedarf es tatsächlich einer individuellen Definition, um sich vor der Vereinnahmung von wem auch immer zu schützen.
Michael S. Zerban