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Kindliches Universum

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
4. März 2018
(Premiere am 3. Juni 2006)

 

Semperoper Dresden

Wenn ein Werk im zwölften Jahr nach seiner Premiere bereits zum 210. Mal auf dem Spielplan steht, dann darf man ruhig von einem Dauer­brenner sprechen. Gerne wird Mozarts Zauber­flöte als ein Werk gesehen, dass Kinder den Einstieg in die Welt der Oper erleichtern soll, und das famili­en­tauglich sein, also ein Erlebnis für Jung und Alt vermitteln soll. Doch dazu müssen auch die Rahmen­be­din­gungen stimmen. An der Semperoper in Dresden ist das der Fall, denn man ist hier auf Vorstel­lungen mit Kindern gut einge­richtet. Und so eine Famili­en­auf­führung bringt ganz neue Erkennt­nisse über Gewohn­heiten der heutigen Gesell­schaft. Doch taugt die Zauber­flöte als märchen­haftes, kindge­rechtes Erleben? Sie ist einer­seits Urtheater, anderer­seits aber auch urkomisch. Was ist nicht alles schon in die Zauber­flöte hinein­in­ter­pre­tiert worden. Von ägypti­schen Hiero­glyphen bis zu Mysterien-Theorien der Freimaurer wurde alles analy­siert und inter­pre­tiert, was Wissen­schaft heute möglich macht. Aber kann darin denn wirklich der Sinn und Wert der Kunst Mozarts liegen? Verfehlt man so nicht gerade die spiele­rische Leich­tigkeit, mit der in seinen Opern immer wieder alles und doch nichts zur Sprache kommt?

Am Anfang steht eine Aufgabe, der Weg besteht aus Prüfungen, das Ziel ist Reife – und Liebe. Ist es ein Märchen? Oder eine Parabel? Oder doch das geheime Testament der Freimaurer? Eine zentrale Rolle spielen in dieser Insze­nierung die drei Türen zu den – für Tamino zunächst verschlos­senen – Tempeln der Natur, der Weisheit und der Vernunft. Um sie entfaltet sich der das ganze Werk durch­zie­hende Antago­nismus der Welten von Sarastro und Königin der Nacht.

Ein Antago­nismus, der sich mit erfolg­reich bestan­dener Feuer- und Wasser­probe zu einer utopisch erträumten Gemein­samkeit auflöst.

„Die Wider­sprüche und die Dialektik in diesem Werk: die gute, trauernde Mutter, die aber nur Theater spielt und die die böse Frau wird, die den Sonnen­kreis erringen möchte, den ihr Mann dem ungerechten Sarastro gegeben hat. Dieser Sarastro, der von den heiligen Hallen spricht, in denen man keine Rache duldet und gleich­zeitig rächt und von Rache spricht. Das sind die Absur­di­täten und Wider­sprüche, die unser Leben täglich aufweist, und dass jede Ideologie, sowohl die der Königin als auch die des Sarastro Halbheiten sind, halbe Welten, halbe Wahrheiten, die immer zur Katastrophe führen und zu Kriegen und Zerstörung. Die Liebe ist das einzige Mittel zu versöhnen, uns zusam­men­zu­bringen und zu vereinen.  Das ist die Utopie in diesem Werk, dass ein Tamino und eine Pamina als geistige und seelische Ebene, wie Papageno und Papagena als sinnlich-körper­liche Natur­ebene, die Kraft haben, diese Gegen­sätze zu vereinen, Mann und Weib, oder zivili­sierte Welt und die Achse des Bösen, menschlich zu verei­nigen und zu fried­lichen Ergeb­nissen zu führen. Darum machen wir Kunst und müssen Gott sei Dank ständig damit leben, weil uns Amor nicht in Ruhe lässt“, schreibt Regisseur, Bühnen- und Kostüm­bildner Achim Freyer über seine Inszenierung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Freyer hat für seine dritte Insze­nierung der Zauber­flöte, die in Dresden als Kopro­duktion mit der Opéra national du Rhin und den Schwet­zinger Festspielen läuft, einen ganz simplen Ansatz gewählt und das Werk aus einem kindlichen Blick­winkel beschrieben. Zwischen Märchen, Mysterium und Kinder-Zauberoper angelegt, ist dem Regisseur mit dieser Insze­nierung ein durchaus veritabler Ansatz gelungen, einschließlich Bühnenbild und Kostüme, die er ebenfalls kreierte. Für die szenische Neuein­stu­dierung zeigt sich Hendrik Müller verant­wortlich. Das Bühnenbild ist, wie alles in dieser Aufführung, auf einen simplen Raum reduziert. Hilflos in eine Welt voller fantas­ti­scher Unklar­heiten geworfen, findet sich Tamino zunächst in einem überschau­baren Zimmer, das von drei großen Türen umfasst wird. Die verkörpern in unter­schied­lichen Farben Weisheit, Vernunft und Natur – alles wichtige Leitbe­griffe der klassi­schen, deutschen Philo­sophie, wie sie in den Schriften und litera­ri­schen Texten zu Zeiten Mozarts omnipräsent waren. Im Mittel­punkt steht monumental ein großes Tor der Natur, dessen Klinke noch viel unerreich­barer scheint, als das der anderen. Nur, wenn die Liebe ins Spiel kommt, geraten die Türen in Bewegung. Als Künstler und Maler verfügt Achim Freyer über ein überra­gendes Gespür für Farbe und Kompo­sition. Allein dadurch gelingt es ihm, den stati­schen Bühnenraum, der sich über die gesamte Aufführung im Prinzip kaum verändert, immer wieder neu zu beleben.

Kleine Nuancie­rungen im Licht oder Kostüm ermög­lichen bereits neue Effekte und überra­schende Szenen­wechsel, die durch akustische Verstärker und den Einsatz von Nebel­ma­schinen verstärkt werden. Märchenhaft und farbenfroh ist die zeitlose Insze­nierung, und ein ganz beson­derer Humor durch­zieht die Oper vom ersten Auftritt bis zum großar­tigen Duett von Papageno und Papagena. Die Kostüme wirken clownesk, und alles spielt in einem kindlichen Universum, in dem die Naivität über das vermeintlich Böse siegt. Wenn Papageno von seiner Papagena träumt und ihm dabei ein kleines Vögelchen aus dem Hosen­stall rutscht, so hat das nichts Anrüchiges, sondern passt zu dem kindlich-naiven Humor Freyers. Und so kommt in den knapp drei Stunden keinerlei Lange­weile auf. Die vielen Kinder im Zuschau­erraum sind schier gefesselt von der Magie des kindlichen Universums, so diszi­pli­niert erlebt man selten eine reguläre Abend­vor­stellung. Und auch musika­lisch und stimmlich ist es der Qualität, die man von einem Haus wie Dresden erwarten darf, mehr als angemessen.

Foto © Matthias Creut­ziger

Eine Zauber­flöte mit insgesamt siebzehn Protago­nisten in allen Rollen adäquat zu besetzen, ist eine große Heraus­for­derung, vor allem wenn es sich um eine Doppel­vor­stellung handelt. Doch auch hier zeigt die Semperoper keinerlei Quali­täts­ein­bußen. Tomislav Muzek gibt den Tamino mit großer Grandezza und tenoralem Schmelz. Seine Bildni­sarie singt er mit schlanker Stimm­führung und sicheren und ausdrucks­starken Höhen. Carolina Ullrich überzeugt als liebrei­zende und anmutige Pamina mit glocken­hellem Sopran und leuch­tenden Höhen. Michael Eder beein­druckt als Sarastro mit kräftigem, sonorem Bass und aristo­kra­ti­scher Ausstrahlung. Seine große Arie In diesen heiligen Hallen gerät zu einem der musika­li­schen Höhepunkte des Abends.

Sopra­nistin Ana Durlovski begeistert an diesem Nachmittag als Königin der Nacht. Ihre beiden großen Arien singt sie technisch brillant, die Kolora­turen sind makellos, die Höhen drama­tisch und ausdrucks­stark. Sebastian Wartig wird in der Rolle des Papageno zum Publi­kums­liebling. So kann er nicht nur seinen edlen, hohen Bariton wunderbar zur Geltung bringen, sondern auch seinem komödi­an­ti­schen Talent freien Lauf lassen. Ihm zur Seite steht mit Sopra­nistin Chris­tiane Hossfeld als Papagena eine arrivierte Sängerin, die diese Rolle wirklich zu lieben scheint. Herrlich komödi­an­tisch ihr Duett über die zukünf­tigen Papagenos und Papagenas. Roxana Incon­trera, Christina Bock und Michal Doron geben als die Drei Damen ein stimm­si­cheres und stimm­har­mo­ni­sches Trio mit großem komödi­an­ti­schem Spiel.

Damian Höflmeier, David Wittrich und Peter Listl sind Mitglieder des Tölzer Knaben­chors und beein­drucken mit ihren zarten, aber in den Höhen sicheren hohen Sopran­stimmen als die Drei Knaben. Ihnen gebührt am Schluss der Jubel vor allem des jüngeren Publikums. Der Tenor Timothy Oliver gibt den unglück­lichen Monostatos mit kräftigen, ausdrucks­starken Höhen und engagiertem Spiel. Jiří Rajniš ist ein Erster Priester mit edler Ausstrahlung und seriösem Bass, während Khanysio Gwenxane in der Rolle des Zweiten Priesters als sicherer Charak­ter­tenor reüssiert. Gerals Hupach und Alexandros Stavra­kakis fügen sich als die Zwei Gehar­nischten mit volumi­nöser Stimm­führung ohne Abstriche in ein großes und überzeu­gendes Sänger­ensemble ein.

Die Sächsische Staats­ka­pelle Dresden überzeugt durch einen warmen, volumi­nösen Klang, der in Timbre und Klang­farben wunderbar mit den Farben der Bühne korre­spon­diert. Obwohl die Besetzung wie zu Zeiten Mozarts eher klein erscheint, ertönt aus dem Orches­ter­graben eine breite Klang­fülle. Stefan Klingele, Chefdi­rigent der Musika­li­schen Komödie der Oper Leipzig, zeigt hier mal wieder sein breit­ge­fä­chertes Können. Schon die Ouvertüre erklingt mächtig und spannungs­ge­laden, insgesamt ist das Dirigat diffe­ren­ziert, ohne ins Pathe­tische abzugleiten. Der Sächsische Staats­opernchor Dresden, ausschließlich hinter der Bühne agierend, ist von Cornelius Volke gut einge­stimmt. Am Schluss ist sich das alters­mäßig stark gemischte Publikum in einer ausver­kauften Semperoper in seiner Begeis­terung für das Ensemble einig. Diese Aufführung ist der Beweis, dass die Zauber­flöte ein Werk für die ganze Familie ist und daher gut geeignet, Opern­an­fänger oder ein junges Publikum an dieses Genre heran­zu­führen, ohne ein arriviertes Opern­pu­blikum vor den Kopf zu stoßen.

Andreas H. Hölscher

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