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Foto © Katrina Friese

Die Macht des Vokalen

LA FORZA DEL DESTINO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
3. März 2018
(Premiere)

 

Theater Gießen

Die Beweg­gründe, La forza  del destino am Stadt­theater Gießen konzertant heraus­zu­bringen, dürften auf der Hand liegen. Es würde ein Haus dieser Größen­ordnung, was Etat, Personal und Bühnen­format anbetrifft, schon sehr stark fordern, sich auf eine insze­nierte Fassung mit ausge­prägten Ausstat­tungs­am­bi­tionen einzu­lassen. Allein die wechselnden Schau­plätze von Giuseppe Verdis um 1750 in Italien und Spanien spielender Oper – aristo­kra­tische und klöster­liche Anwesen, eine Herberge, eine Klause, ein Feldlager hinter der Front – würden den Werkstätten einiges abver­langen. Ob das von Martin Kusej kürzlich an der Bayeri­schen Staatsoper vorge­stellte Regie­konzept, das drama­tur­gische Schwer­ge­wicht in einer fiktiven Regie­rungs­zen­trale aus Glas und Beton im Stil der 1950-er Jahre spielen zu lassen, eine Lösung auch für andere Theater sein könnte, ist natürlich Speku­lation. Ob das Publikum Protago­nisten aus Politik, Militär und Kirche in der heute weitgehend üblichen Geschäfts­kleidung sehen möchte, ebenfalls.

Die Grund­ent­scheidung von Gießens GMD Michael Hofstetter und des Drama­turgen Matthias Kauffmann, das okkulte wie spröde Melodram konzertant zu erschließen, erweist sich jeden­falls als plausibel. Das Geschehen, das mit einem ungewollten Pisto­len­schuss seinen verhäng­nis­vollen Lauf nimmt, rückt in den Hinter­grund, damit die Kompo­sition mit ihrer filigranen Vielschich­tigkeit in den Fokus. La forza del destino avanciert zu la forza delle voce, der Macht der Stimme. Stimmlich blendend aufge­legte Gäste im Verein mit den sich achtbar schla­genden Hauskräften und dem engagierten Chor des Theaters statten das Unter­fangen mit opulentem Verdi-Klang und beein­dru­ckender Musika­lität aus.

Verdis Auftragswerk auf ein Libretto von Francesco Maria Piave für den Zarenhof in St. Petersburg, 1862 urauf­ge­führt, wird heute meistens in der Textfassung auf die Bühne gebracht, die Antonio Ghislanzoni 1869 für die Mailänder Scala schrieb. Diese vier Akte umfas­sende Version, Resultat der von Verdi vorge­nom­menen Überar­beitung, ist auch die Grundlage der Gießener Produktion. Musika­lisch lässt das Werk nichts zu wünschen übrig. Es changiert zwischen den Stilen, bietet eine Fülle an Melodien, wechselnden Stimmungen, meister­haften Ensem­ble­szenen und eine ausge­reifte Arien­kultur sowie einen sicheren Umgang mit Leitmo­tiven. Das wohl bekann­teste, das Schick­sals­motiv der Leonora, bringt die Ouvertüre als Solostück in Konzertsäle und in Wunsch­pro­gramme von Radio und Fernsehen, seitdem es diese gibt.

POINTS OF HONOR

Dirigent
Orchester
Solisten
Programm
Publikum
Chat-Faktor

Der Reichtum an Einfällen, Varia­tionen und kühnen Struk­turen, der Verdis Spätstil mit Otello und Falstaff bereits vorweg­nimmt, faszi­niert das Publikum in ähnlich zupackender Weise wie 2012 Rossinis konzer­tanter Wilhelm Tell unter der musika­li­schen Leitung Herbert Gietzens. Das ist neuerlich zu einem Großteil dem Philhar­mo­ni­schen Orchester Gießen zu verdanken, das – gemessen an seiner mittleren Größe und bei wenigen Wacklern und Abstim­mungs­ir­ri­ta­tionen – einen famosen Verdi-Klang produ­ziert. Hofstetter zieht die Fäden des auf der Bühne platzierten Orchesters mit hochfre­quenter Inten­sität und einem sicheren Gespür für die Koordi­nation mit den hinter ihm postierten Sänge­rinnen und Sängern, die ohne ständigen Blick­kontakt funktio­niert. In den tutti entfalten sich pompöser Glanz und brausende Dynamik, in den solis­ti­schen Passagen lyrischer Schmelz und entsa­gende Inner­lichkeit. Flöte, Harfe und Klari­nette agieren in Hochform. Chor und Extra-Chor, ein ebenbür­tiger Partner, einstu­diert von Jan Hoffmann, punkten vor allem in den Mönchs- und Volksszenen.

Die von Tragik umwit­terte, Enormes verlan­gende Partie des Misch­lings Alvaro ist mit Angelo Villari prominent besetzt. Villari, der am Theater Gießen sein Debüt feiert, hat keine Mühe, der ausgrei­fenden Tessitura der Rolle gerecht zu werden. Der im italie­ni­schen Reper­toire bewan­derte Tenor beherrscht die gesamte Palette vom heroi­schen Sforzando bis hin zum Verweilen im mezza voce nach Belieben. Eine starke Leistung. Als sein Gegen­spieler ist Alexander Hajek als Don Carlos di Vargas nach einer gewissen Anlauf­phase eine stimmlich harmo­nie­rende Ergänzung. Sein sicher durch alle Register geführter Bariton trifft die leuch­tenden Farben wie die dunklen Pastelltöne der Partie vorzüglich. Zu einem Super­lativ des Abends vereinen sich Villari und Hajek im Schwur­duett des dritten Akts, das wie eine Vorstudie des kommenden Bravour­stücks von Carlo und Posa im Don Carlos anmutet. Apropos Super­lative:  In elegi­scher Präsenz offenbart sich Andreas Hörl als Pater Guardian. Der Bayreuth-erprobte Bass agiert – gewollt oder nicht – mit seinem hier lyrisch akzen­tu­ierten Timbre wie ein Gegenpol zu den Feuer­köpfen, die das Schicksal mit dem Schwert heraus­fordern und erst begreifen, wenn das Blut schon fließt.

Anna Netrebko wird auf dem Hinter­grund ihrer Salzburger Trovatore-Leonore das Bonmot zugeschrieben, bei Verdi höre der Spaß auf. Übersetzt ist wohl damit gemeint, dass das Melodische bei Verdi über die Schwie­rig­keiten hinweg­täusche, die sich den Sängern stellen. Dorothea Maria Marx bleibt in der verzeh­renden Rolle der Leonore di Vargas wenig schuldig, kostet indes das breit gefächerte Potenzial der Partie nicht ganz aus. Die Sopra­nistin, in Gießen als Violetta aus La Traviata bestens in Erinnerung, gibt zwar die liebende und bangende Frau mit Hingabe, lässt indes den charis­ma­ti­schen Funken dieser Erscheinung letztlich auf das Publikum nicht ganz überspringen. Das schafft auf ihre Weise in knall­roter Robe Vero Miller als junge Wahrsa­gerin Preziosilla, eine Preziose des Sänger­ensembles. Mit Feuer­eifer intoniert sie im Feldlager-Bild ihren Rataplan, den der Chor auch hier als dankbare Steil­vorlage aufgreift. In den weiteren Partien überzeugen mit komödi­an­ti­schen Anleihen Grga Peroš als Fra Melitone und Clemens Kersch­baumer in der Rolle des Mastro Trabuco. Sora Winkler gibt der Kammerzofe Curra Esprit, Matthias Ludwig dem Alcalden und dem Chirurgus sonore Würde.  Thomas Stimmel ist ein eher blasser Marchese von Calatrava.

Die Besucher reagieren nach dem berüh­renden Schluss-Terzett zunächst mit dankbarem, dann sich langsam steigerndem Beifall. Einige Bravo-Rufe sind insbe­sondere dann zu vernehmen, wenn die Aufmerk­samkeit den Musikern oben auf der Bühne und dem dahinter platzierten Chor gilt. Einige wenige Plätze übrigens sind im Theater frei geblieben. Das möge sich bei den noch ausste­henden beiden Auffüh­rungen ändern. Es lohnt sich nämlich.

Ralf Siepmann

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