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Zähes Endspiel

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
3. März 2018
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Dir rat ich, meide den Ring! Erdas Warnung an Wotan hat sich das Theater Bielefeld zumindest fast zu Herzen genommen. Während fast überall im Land auch kleinere Theater – man blicke nach Oldenburg – an Wagners Ring-Zyklus schweißen und schmieden, konzen­triert man sich in Bielefeld nur auf den Vorabend Das Rheingold. Warum auch nicht? Eigentlich sind die großen Kernge­danken hier schon alle enthalten, das Ende der Götter schon vorweg­ge­nommen. Es ist ein dankbares Stück, das unter­halten und gleich­zeitig zum Nachdenken anregen kann. In der Insze­nierung von Mizgin Bilmen aller­dings gerät das Endspiel ziemlich zäh. Vielleicht eben auch, weil sie zusammen mit dem Drama­turgen Jón Philipp von Linden Echtzeit­kritik mit der Keule übt. Wenn Wotan und Loge nach Nibelheim hinab­steigen – und nicht nur dann – werden Flücht­lings­krise und Kriegs­gräuel in den Videos auf die Rückwand der Bühne proji­ziert. Macht zwar wenig Sinn, aber Haupt­sache man macht die Gesell­schaft einmal mehr auf den Zusam­menhang von Ausbeutung, Kapita­lismus und den aktuellen Krisen­herden aufmerksam. Vielleicht hat es jemand noch nicht verstanden.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Unver­ständlich bleibt, warum die Riesen, die Bauherren Wallhalls, als Soldaten und dazu noch in unter­schied­lichen Uniformen unterwegs sein müssen. Dabei versteht sich doch Alexander Djurkov Hotter eigentlich auf eine tolle Sprache der Kleidung, wie er an den Göttern demons­triert. Die Licht­alben laufen in engan­lie­gendem Weiß umher, poppig, glitzernd und gleich­zeitig mit mytho­lo­gi­schen Andeu­tungen. Angedeutet ist von Cleo Niemeyer ein zeitloser Raum, der durch zwei schräge Wände, erinnernd an Brücken­pfeiler, gebildet wird. Nur gering­fügig genutzt, langweilt die Kulisse schon nach einer halben Stunde. Die Perso­nen­führung von Bilmen rettet da wenig. Viel zu selten lässt sie die Darsteller wirklich agieren, sondern verdonnert sie zu distan­ziertem Stehtheater. Auch im Timing sind manche Auftritte sehr seltsam. Der beste Gedanke gelingt Bilmen mit den Statisten, die als Erdlinge wie Würmer auf dem Boden der Bühne liegen. Alberich raubt einen von ihnen als Rheingold, später verwandelt er sich mit ihrer Hilfe in den Riesenwurm und die Kröte. All das sind schöne Ideen, deren Sinn auch klar erkennbar sind, was aber nichts nützt, wenn sie darstel­le­risch nur gebremst und teilweise auch unlogisch umgesetzt werden. Denn der Tarnhelm an sich, den Alberich, Loge und auch Fafner gezielt ansprechen, also eine notwendige Requisite, ist nicht existent. Das Schlussbild ist dagegen einleuchtend. Die Götter beuten die Erdwürmer, aus denen auch Erda aufge­taucht ist, aus, suhlen sich in goldenem Lametta und auf der Rückwand ist ausge­trocknete Erde. Der Kampf um die Ressource Wasser wäre – wenn man sich darauf konzen­triert hätte – ein perfekter Rahmen für das Rheingold gewesen.

Foto © Bettina Stöß

Leider gerät auch der musika­lische Fluss der Biele­felder Philhar­mo­niker immer wieder ins Stocken. Schon in das mystische Vorspiel des Rheins schleichen sich einige Luftlöcher. Aller­dings deutet sich in der noch etwas durch­wachsen gespielten Premiere an, dass es hier Potenzial zur Steigerung gibt. Denn wenn die Philhar­mo­niker auf den Punkt spielen, dann hört man nicht nur den Konver­sa­ti­onston heraus, den Dirigent Alexander Kalajdzic sucht, was sich angesichts der kleinen Orches­ter­fassung auch anbietet. Nicht, dass die Philhar­mo­niker nicht auch im Großformat auftrumpfen dürfen. Aber Kalajdzic sucht überwiegend den Zugang über viele Details, was sänger­freundlich ist, aber dem Abend auch etwas die Zugkraft raubt, die durch die Insze­nierung eh schon deutlich einge­schränkt ist.

Die Sänger­be­setzung bleibt ebenso durch­wachsen, was aber daran liegt, dass die beiden Ausreißer nach unten einfach von der Direktion falsch besetzt sind. Das größte Problem hat ausge­rechnet der sonst so zuver­lässige Yoshiaki Kimura, der ein großar­tiger Kasper im Freischütz war, dem aber der Alberich eine Spur zu hoch liegt. Man hört, wie er sich um einen kulti­vierten Gesang bemüht, um seine Stimme zu schonen, wodurch aller­dings sämtliche Dramatik der so wichtigen Partie auf der Strecke bleibt, und von der Regie bekommt er auch kaum Hilfe. Dazu geht ihm im vierten Bild die Kraft aus. Davor hätte das Haus ihn bewahren können. Gast-Bariton Olaf Haye enttäuscht als Donner, was „hoffentlich nur“ an diesem Abend an einer nicht angesagten Indis­po­sition liegt. Seine kraftlose, brüchige Stimme wird umso deutlicher, weil sein Bühnen­bruder Lianghua Gong als ein manchmal zu hoch intonie­render Froh ihn in allen Kriterien des klassi­schen Gesangs weit hinter sich lässt. Solide Höhen­flüge bietet Melanie Kreuter als Freia.

Sebastian Pilgrim hat für den Fafner ein schönes, dunkles Timbre parat. Den Bruder Fasolt verkörpert Moon Soo Park mit etwas mehr Nachdruck. Nienke Otten, Hasti Molavian und Nohad Becker bilden ein sehr homogenes Rhein­töchter-Terzett, das sich in den Harmonien und in ihren Kostümen gleicher­maßen schön bewegen. Lorin Wey lässt mit sehr lyrisch gesun­genen Phrasen des Mime aufhorchen, zeigt aber auch „dreckige Töne“. Den Auftritt der Erda muss eine Altistin auskosten können, und Katja Starke macht aus diesem Moment des szeni­schen Still­stands eine aufre­gende Warnung. In der Fricka hat Sarah Kuffner ihre beste Rolle seit langem gefunden, die sie wortdeutlich und ausdrucks­stark vorträgt. Eine tolle Aussprache hat auch Frank Dolphin Wong als Wotan, den er vielleicht eine Spur zu einfarbig singt. Sein Timbre bringt aber genügend Souve­rä­nität für den Gott mit, und er liefert eine tadellose Leistung ab. Übertroffen wird er nur noch von Alexander Kaimbacher, der dem Loge genau die richtige Mischung aus Technik und Inter­pre­tation gibt. Er singt so deutlich, dass man sogar jeden Versprecher versteht und spielt sich als schwarzes Schaf des Götter­clans in den Mittel­punkt. Großartig!

Folge­richtig gibt es für ihn auch den lautesten Applaus, in einem sehr kräftigen, aber keines­falls überschwäng­lichen Beifall, der auch das Regieteam ohne Abstriche mit einbe­zieht. Trotz dieses Erfolges bleibt die Entscheidung richtig, den Ring schon an seinem Anfang enden zu lassen.

Christoph Broermann

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