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Glanzloser Erlöser

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
3. März 2018
(Premiere am 26. Juni 2011)

 

Opernhaus Zürich

Es sind diese Produk­tionen, die ein Opernhaus gerne aus dem Fundus holt, mit einem starken Sänger­ensemble aufpo­liert und zu einer glänzenden Wieder­auf­nahme bringt. Richard Wagners Parsifal in der Insze­nierung von Claus Guth mit der üppigen Ausstattung von Christian Schmidt und dem raffi­nierten Licht von Jürgen Hoffmann ist ein Wurf, der selbst nach zig Comebacks an der Theater­kasse nicht floppt. Die Co-Produktion mit dem Gran Teatro del Liceu Barcelona weist hinsichtlich der Ästhetik Paral­lelen auf mit der Handschrift eines Christof Loy, auch die Lesart bildet einen intel­li­genten wie schlüs­sigen Rahmen, die epische Erzählung um Erschüt­terung und Erlösung auf einen klaren Punkt zu bringen.

Guth gelingt mit seiner im Juni 2011 erstmals am Opernhaus Zürich gezeigten Insze­nierung eine kluge Anschauung, die Wagners lyrisch-pathe­ti­sches Bühnen­weih­fest­spiel in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg setzt und den Bogen spannt bis hin zur Macht­er­greifung Adolf Hitlers im Jahr 1933. Der Gefahr des allzu festlichen Rampen­singens wirkt der Regisseur von Anfang an mit den Mitteln einer Drehbühne entgegen. Wir sehen eine herrschaft­liche Villa, die schon bessere Zeiten erlebt hat. Der stete Zerfall des Palastes, ebenso ein Merkmal Loyscher Lesart, erinnert bei diesem Gang durch die Nachkriegs­jahre an ein Schau­er­schloss, wie man es aus Grusel­filmen kennt. Es spukt jedoch in den Köpfen der Kriegs­ver­sehrten, die ohnehin schon an Krücken gehen oder von Krämpfen geplagt sind.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der zerrüttete Bund, der im  Mittel­punkt der Geschichte steht, geht auf einen Versroman des mittel­hoch­deut­schen Dichters Wolfram von Eschenbach zurück und wurde von Richard Wagner für seine 1882 in Bayreuth urauf­ge­führte Oper stark verknappt. In seiner Konse­quenz eignet sich der Plot exzellent für das Setting einer kriegs­ge­schüt­telten und posttrau­ma­ti­schen Gesell­schaft. Claus Guth ist nicht der erste Regisseur, der die bedeu­tungs­schwangere Thematik um den Heiligen Gral, den Insignien, Helden und Antihelden mit dem NS-Regime in Verbindung bringt. Steven Spielberg wagte ein ähnliches Konstrukt mit der Abenteu­er­reihe Indiana Jones. Die unheilige Verqui­ckung der allein­se­lig­ma­chenden Heils­ver­spre­chung mit den Mecha­nismen der totalen Unter­werfung funktio­nierte bereits in den frühen Achtzigern im Popcornkino.

Mit der Neube­setzung der Stimmen in der schlüs­sigen Regie­arbeit hapert es aller­dings in Zürich. Handelte es sich um ein Meister­singen, zöge die Haupt­figur den Kürzeren. Für den Tenor Brandon Jovanovich springt noch während der ersten Proben der Ring-erprobte Wagner-Sänger Stefan Vinke ein, der am Opernhaus sein Hausdebüt gibt. Es ist kein guter Start, Vinke bleibt als Parsifal darstel­le­risch und vor allem gesanglich weit hinter den Erwar­tungen zurück. Braucht der Mann eine Pause? Im ersten Teil des Dreiakters ist sein Tenor eigen­tümlich verhalten, die Stimme wirkt oft angestrengt und gepresst. Bei den famosen Ausbrüchen im zweiten Akt, die weit über das Lyrische hinaus­gehen, schrammt Stefan Vinke im Forte unschön die hohen Töne und das mehrmals. Es gelingen ihm zwar immer wieder luzide Momente mit der nötigen Strahl­kraft, das Schwä­cheln in der Reduktion kriegt der Sänger hingegen kaum in den Griff.

Foto © Danielle Liniger

Für den vokalen Glanz an diesem Abend sorgen Christof Fisch­esser als Gurnemanz und Nina Stemme in der Rolle der Kundry. Fisch­essers Phrasie­rungen sind makellos, die Diktion hat Burgtheater-Niveau. Sein unver­kennbar sonorer und samtener Bass überzeugt in jeder Tonlage. Der Sänger ist eine Ideal­be­setzung, auch wenn er darstel­le­risch manchmal etwas hölzern rüber­kommt. Stemme gibt ihrer Partie im Spiel mehr Raum zur Entfaltung. Ihre Kundry ist eine vielschichtige Person, mystisch, leiden­schaftlich, verfüh­re­risch, aber auch verschüchtert und demütig. Der Facet­ten­reichtum spiegelt sich auch in ihrem drama­ti­schen, aber sehr wendigen Sopran, der sich scheinbar mühelos aus dunkelsten Purpur-Tiefen in kristall­klare Höhen empor­schwingt. Im Akzent spitz, im Brustton wohlig vibrierend: Stemmes Stimm-Radius faszi­niert durchwegs.

Jede Wagner-Oper ist auch eine Olympiade für Solisten. Während sich Fisch­esser und Stemme eindeutig Gold holen, reicht es bei Lauri Vasar als Amfortas immerhin für Silber. Anfangs etwas wackelig in der Phrasierung, begeistert der lyrische Bariton zunehmend mit fein gezeich­neter Linien­führung und elegant geformten Melodie­bögen. Man leidet förmlich mit, wenn er sich als verwun­deter Königssohn und geschei­terter Held durch das Epos hangelt und dabei den Eindruck eines müden Wieder­gängers hinter­lässt. Wenwei Zhang steht der mehrheitlich großar­tigen Gesamt­leistung in seinem Rollen­debüt als Klingsor in nichts nach. Von Guth als abtrün­niger Bruder skizziert, bringt der Bassba­riton einen wild schäu­menden Furor ins Geschehen. Sein Gesang ist kraftvoll und akzen­tuiert, der anhal­tende Impetus mündet dafür vereinzelt in allzu abgehackten Phrasen.

Neben Fisch­esser und Stemme erhält Dirigentin Simone Young in Zürich den stärksten Beifall. Mit feiner und sicherer Hand navigiert sie die Philhar­monia Zürich durch Wagners huld- und heilvolle Klänge und erliegt nie der Versu­chung, das monumentale Werk in bleiernem Bombast zu ertränken. Youngs Dirigat schafft einen überaus trans­pa­renten Klang­körper, der das lyrische Potenzial der Partitur hervorhebt und Wagners Wucht gezielt einsetzt. Chorleiter Janko Kastelic zieht alle Register und treibt die Ensembles, bestehend aus Chor, SoprAlti und Zusatzchor der Oper Zürich, zu Höchst­leis­tungen. Ob ferner Windhauch im ersten Akt, Verführung im Zauber­garten oder patri­ar­chale Kraft bei Titurels Tod, die jewei­ligen Schat­tie­rungen sind meisterhaft herausgearbeitet.

Der Schluss­ap­plaus ist kräftig, aber auffallend kurz. Mag sein, dass es nach fünf Stunden Zeit war, die Erlösung bei einem Glas Wein zu suchen. Ohne Kelch, versteht sich.

Peter Wäch

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