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Merkwürdig, dass man in der Wuppertaler Neuinszenierung von Bohuslav Martinůs Oper Julietta die Längen des dreistündigen Werks so hautnah spürt, dass es schwerfällt, seine Bedeutung als eine der interessanten Opern des 20. Jahrhunderts zu erkennen. Dass man volle zwei Stunden auf die Pause warten muss, erhöht auch nicht gerade die Spannung. Dabei nimmt das Stück mit seiner traumhaft-grotesken Atmosphäre einen wichtigen Platz zwischen Debussys Pelléas et Melisande und Prokofieffs Liebe zu den drei Orangen ein. Die bruchlose Intensität, mit der Debussy die geheimnisvoll umwitterte Welt musikalisch einkleidet, will sich bei Martinů in Wuppertal ebenso wenig einstellen wie die pointierte Skurrilität aus Prokofieffs Märchenoper.
Freilich sucht Martinů auch nicht primär nach der versunkenen Traumwelt Debussys oder nach der fratzenhaften Groteske Prokofieffs, sondern beschreitet mit dem Rückgriff auf Georges Neveux‘ Theaterstück Juliette ou la clé des songes einen dezidiert surrealistischen Boden, der nach neuen szenischen Lösungen sucht, für die es im Musiktheater wenig Vorbilder gab. Ausgenomen vielleicht Oskar Schlemmers Triadisches Ballett, Poulencs Brüste des Tiresias oder Saties Ballett Parade.
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Der Fantasie wären also keine Grenzen gesetzt, womit der Berliner Staatsoper vor zwei Jahren eine spannende Produktion gelungen ist. Anders in Wuppertal, wo sich Regisseurin Inga Levant zu sehr auf stereotype Bewegungsabläufe und die Fantasie der Kostümbildnerin Petra Korink verlässt und die versteckten Energien und die innere Dynamik des Stücks nicht zum Tragen kommen. Mit einem solchen Ansatz zieht sich die Aufführung in die Länge, zumal Kapellmeister Johannes Pell die fein gearbeitete Partitur sauber, aber auch nicht sehr spannungsvoll umsetzt.
Eine logische Handlung darf man natürlich nicht erwarten: Zu Beginn kehrt der Buchhändler Michel Lepic in ein Städtchen am Meer zurück, wo er sich vor drei Jahren in eine junge Frau namens Julietta verliebt hat, die ihn mit ihrem wunderbaren Gesang verzaubert hat. Bei seiner Rückkehr muss er allerdings feststellen, dass die Bewohner dieser Stadt keinerlei Erinnerung an ihre Vergangenheit haben. Da sie ihn für seine eigenen Kindheitserinnerungen bewundern, ernennen sie ihn zum Kapitän der Stadt. Schließlich trifft er auch auf Julietta, die sich immer noch zu ihm hingezogen fühlt und einem Rendezvous an einer Wegkreuzung zustimmt. Im weiteren Verlauf verlieren sich freilich die Erinnerungen in einer unüberschaubaren Mischung aus Realität und Illusion. Das führt zu ständigen Wahrnehmungs- und Verständigungsirritationen der Protagonisten, die durch die Ansammlung grotesker und widersinnig agierender Gestalten noch verstärkt werden.

Regisseurin Levant belebt die vielen Figuren leider nur mit einem begrenzten Reservoir an fantasievollen Bewegungsabläufen. Entweder verharren sie in eingefrorenem Stillstand oder bewegen sich mit roboterhaftem Automatismus, was auf die Dauer nicht reicht. Vor allem durch die passive Führung der dominierenden männlichen Hauptrolle Michel verschenkt sie die Chance, der oft erstarrten Gesellschaft einen dynamischen Kontrapunkt entgegenzusetzen, wie es etwa Rolando Villazón in der Berliner Produktion gelungen ist.
Optisch bietet die Kostümbildnerin Korink schon mehr, die munter in die Kleiderkiste zwischen Fantasy, Commedia dell’arte und Picasso gegriffen hat. Allerdings den entscheidenden Schritt zum überdrehten Surrealismus, wie es etwa Oskar Schlemmer praktiziert hat, wagt auch sie nicht, so dass es bei einem bunten, pittoresken, aber letztlich harmlosen Bilderbogen bleibt. Dem hat auch Bühnenbildner Jan Freese wenig entgegenzusetzen, der zwar mit geometrischen Figuren gewisse Strukturen ins Bild setzt und mit einem Schachbrett den spielerischen Charakter der Handlung ausdrücken kann. Für die Husarenritte zwischen Traum und Wirklichkeit verlässt er sich jedoch fast ausschließlich auf die Lichttechniker.
Somit schlängelt sich das Werk recht zäh und zahnlos über die dreistündige Distanz, was durch die begrenzte Textverständlichkeit der deutsch gesungenen Aufführung nicht entschärft wird. Retten kann da auch Pell nicht allzu viel, der das Wuppertaler Sinfonierochester zwar zu einem sensiblen Spiel anhält, aber zu wenig dynamische Impulse setzt, um die Motorik des Spiels in Gang zu halten. Und auch die Deklamatorik der Sänger fällt insgesamt zu wenig pointiert aus, zumal Sangmin Jeon zwar für den Michel über ausreichendes tenorales Material verfügt, die Rolle aber viel zu passiv und eindimensional präsentiert. Und zwar vokal wie auch gestalterisch.
Etwas mehr Pfeffer verbreitet Ralitsa Ralinova als Julietta mit ihrem agilen Sopran und ihrer Spiellaune, die freilich immer wieder abgebremst wird. Das Ensemble hat angesichts der Besetzungsfülle meist mehrere Rollen zu spielen, wobei sich die Ensemblepolitik des neuen Intendanten Berthold Schneider positiv bemerkbar macht.
Insgesamt eine Produktion, die durch die risikofreudige Werkauswahl gefällt, den Aufwärtstrend des Hauses aber ein wenig entschleunigt. Freundlicher, teilweise bisweilen fast inszeniert wirkender Jubel nach drei anstrengenden Stunden.
Pedro Obiera