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Strandläufer am Meer

LUNEA
(Heinz Holliger)

Besuch am
8. März 2018
(Premiere am 4. März 2018)

 

Opernhaus Zürich

Der Spiegelsaal im Opernhaus Zürich bietet in der Regel den stilvollen Rahmen für die Einführung in die jeweilige Aufführung des Abends. Selten bieten die Spiegel­flächen eine so unmit­telbare Metaphorik wie bei der Vorstellung der Kompo­sition Lunea von Heinz Holliger durch den Drama­turgen Claus Spahn. Sogar das fragil instabile Mikrofon scheint sich für den Moment der gewohnten Ordnung zu entziehen.

Lunea ist keine Oper im herkömm­lichen Sinn, die mehr oder weniger stringent eine Geschichte erzählt, sondern eine musik­thea­tra­lische Insze­nierung von Lenau-Szenen in 23 Lebens­blättern. Holliger inter­es­siert an Nikolaus Lenau, wie zuvor schon bei Robert Walser, Adolf Wölfi, Robert Schumann oder Friedrich Hölderlin, der Typus eines Dichters am Rande der wahrnehm­baren Wirklichkeit. „Menschen, die innerlich zerschnitten sind“, formu­liert Holliger seine Intention. Mit seiner Musik lotet er schwin­del­erre­gende Bewusst­seins­räume aus.

Mit Lunea – ein Anagramm von Lenau, das man program­ma­tisch als fragmen­ta­ri­schen Kontext der Kompo­sition lesen kann – wagt sich Holliger in ein unbekanntes, ontolo­gi­sches Terrain. Im Unter­schied zu den in der Litera­tur­ge­schichte häufig überdehnten, repro­du­zierten Biografien Lenaus als Roman­tiker reflek­tiert Holligers Musik Lenaus expressive Wort-Emana­tionen im Kontext seines sechs­jäh­rigen Wahnsinn-Marty­riums bis zu seinem Tod 1850. Er reduziert sich aller­dings nicht auf die finale Krank­heits­phase. Kreativer Überschuss als Ergebnis eines visionär verrückten, revolu­tio­nären, in der Zeit kaum akzep­tierten Denkens ist Teil von Lenaus Lyrik seit frühester Jugend, gepaart mit einer hohen musischen Begabung als Gitarrist und Guarneri-Violinist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Entspre­chend dienen Holliger Texte sowie Figuren, insbe­sondere durch Briefe belegte, zumeist trauma­tisch besetzte Bezie­hungen zu Frauen, um Lenaus unerlöst bleibende Suche nach dem richtigen Leben mit an Traum­bilder gemah­nende musika­lische Spiegel­bilder aufscheinen zu lassen. Irrational und surreal zugleich umkreisen einzelne Tonfolgen, zuvör­derst von Geige und Cymbalon angeführt, assozi­ierend Lenau den Dichter als Musiker und den im ungari­schen Banat als Nikolaus Franz Niembsch geborenen – später den ihm 1820 verlie­henen Adels­titel Edler von Streh­lenau zum Pseudonym Lenau abgeleitet – das expressive Kraftzentrum.

Händl Klaus hat aus dem Konvolut von 23 sogenannten Lebens­blättern ein empathi­sches Libretto geschrieben, dass allein aus origi­nalen Lenau-Texten und Zettel-Notizen besteht. Für die dem Libretto schon innewoh­nende lyrisch fragmen­tierte Musika­lität hat Holliger in konge­nialer Souve­rä­nität einen kontem­plativ irritie­renden, kosmo­lo­gisch antizi­pie­renden Hörraum mit faszi­nie­render Sugges­ti­ons­kraft kompo­niert. Die Lebens­blätter fallen wie herbst­liches Laub von einem Kalen­der­blatt ab. Sie sind nicht chrono­lo­gisch geordnet, sondern sind jedes einzelne für sich wie Blitze, die jeweils einen Moment in freier Assoziation beleuchten.

Wechselnd zwischen liedhaft inniger Kanta­bi­lität und expres­sio­nis­tisch etwa auf Charles Baude­laire vorgrei­fender Inten­sität fluten Klang­räume die Bühne. Zeiträume, inein­ander und durch­ein­ander musika­lisch aufge­türmt, berühren wie ein Requiem der Wehmut. Eine selten in einem Opernhaus gespürte Wahrhaf­tigkeit von Sehnsucht nach Liebe und Gebor­genheit. Emotio­nalen Kaskaden gleich ziehen sie den Zuhörer unaus­weichlich in ihren Bann.

Der Riss, der Gehirn­schlag, der Lenaus Leben in ungefügte Bewusst­seins­hälften gespalten hat, bildet Holliger in einer kreisenden Struktur ab. Indem er dabei unter anderem die von Bernd Alois Zimmermann apostro­phierte Kugel­ge­stalt der Zeit als auch die colla­gierte Instru­men­tation von György Ligeti in Grand Macabre antizi­piert und sie gleich­zeitig in einen eigenen, nie zuvor gehörten Kosmos überführt, zeigt sich Holliger als einer der innova­tivsten Kompo­nisten der Zeit.

Dass er ebenso ein Dirigent von Weltrang ist, beweist er am Pult der exquisit intonie­renden Philhar­monia Zürich wie beim eindrucks­vollen Parlando der Basler Madri­ga­listen. Mit hochra­genden Händen wirft er mit Verve präzis artiku­lierte, vibrie­rende Energie­ströme ins Orchester. Kleine Handzeichen genügen dagegen, um dem unnach­ahmlich singenden, sprechenden und spielenden Bariton Christian Gerhaher in konge­nialem Vertrauen die Bühne zu öffnen. Der vor fünf Jahren schon am Opernhaus Zürich aufge­führte Lunea-Liedzyklus mit Gerhahers langjäh­rigem Liedbe­gleiter Gerold Huber am Klavier bildet den cantus firmus des Musik­theaters. Sie funktio­nieren hier wie Choräle in Passionen, wie wir sie von Bach kennen.

Foto © Paul Leclaire

Dass sich Holliger erst dezidiert der konkreten Stimmen seiner langjäh­rigen Partner Christian Gerhaher und der Sopra­nistin Juliane Banse versi­chert hat und danach begann zu kompo­nieren, charak­te­ri­siert sein Ethos als Musiker, als künst­le­rische Persön­lichkeit: Komponist und Dirigent sowie Instru­men­talist in einer Person.

Die kammer­spiel­artige Insze­nierung von Andreas Homoki verdichtet Holligers musika­lische Theatralik in nachhal­tigen Bildse­quenzen. In der von Frank Philipp Schlössmann schwarz ausge­schla­genen, weiß gerahmten Guckkas­tenbühe, von Franck Evin in diffus malendes Blaulicht getaucht, wird sie mit jedem Bildwechsel für einen Moment mit einem schwarzen Tuch verdeckt. Die Musik signa­li­siert den Wechsel häufig mit einem langan­hal­tenden, irisie­renden Ton.

Lenaus Nerven­schlag, der Riss, den Holliger kompo­si­to­risch als spiegel­bild­liche Mitte abbildet, übersetzt Homoki in entspre­chenden Bewegungs­rich­tungen des schwarzen Tuches. Bis zum Bild zwölf bewegt es sich vorwärts, von links nach rechts; die folgenden bis Bild dreiund­zwanzig entge­gen­ge­setzt und in Spiegel­schritt. Den Wende­punkt markiert das Libretto mit Feuer versus Reue (F), Lenaus fanta­sie­rende Apotheose eines gemein­samen Grabes mit einer geliebten Frau in seiner Vielzahl verge­bener Chancen.

Neben dem Weltschmerz-Zentrum Lenau-Gerhaher geben die feinsinnig ziselie­renden Sängerin Juliane Banse, als Lenaus plato­ni­scher Dauer­liebe Sophie von Löwenthal, die Frau seines Freundes Max, und die nuanciert präsente Sopra­nistin Sarah Maria Sun der Marie Berends als auch der Karoline Unger subtil inter­mit­tie­rende Charaktere.

Lenaus Schwester Therese und sein Schwager Anton Schurz verdichten mit der Mezzo­so­pra­nistin Annette Schön­müller und dem Bariton Ivan Ludlow den korre­spon­die­renden Schatten über Lenau: „Der Tod hat keine Stimme.“

Während sich die Bühne langsam verdunkelt, für einen Augen­blick Lenaus Seufzen vom sechsten Blatt „Der Mensch ist ein Strand­läufer am Meer der Ewigkeit“ aufscheint und gleich wieder verschwindet, verlischt die Musik in einem kosmo­lo­gi­schen Unend­lich­keits-Rauschen, begleitet, so im Libretto vermerkt, von leisem Vogelgezwitscher.

Wie von einem Traum erwacht, gleichsam befreit von einem Trauma, entlädt sich stürmi­scher Jubel. Ein Ende, das kein Ende sein kann und will.

Peter E. Rytz

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