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Foto © Laurent Philippe

Tanz gegen die Gewalt

DU DÉSIR D’HORIZONS
(Salia Sanou)

Besuch am
9. März 2018
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Manchmal möchte man kotzen. Da verirren sich ein paar Menschen aus Angst um ihr Leben nach Europa – und die vollidio­ti­schen Christen dort sperren, anstatt zu helfen, die Grenzen ab. Natürlich gibt es auch in Europa eine Minderheit von Menschen, die sich für die Flücht­linge einsetzen, aber die kommen sich ja inzwi­schen schon wie Wider­stands­kämpfer vor. Es ist eine erbärm­liche, entwür­di­gende, beschä­mende Situation.

Und so richtig krank wird es erst, wenn man nach Afrika schaut. Hier sitzen hundert­tau­sende Menschen in Flücht­lings­lagern fest, die mit bis zu 35.000 Bewohnern die Größe von Klein­städten erreichen. Die leben teils bereits in der dritten Generation dort. Ein Flücht­lings­lager ist eine Verwahr­an­stalt. Und so sitzen da Menschen, deren Selbst­ver­trauen ins Bodenlose sinkt, die Gewalt­gefahr in drang­voller Enge steigt und die Landes­be­wohner sehen diese Ghettos mit äußerstem Misstrauen.

In dieser schier ausweg­losen Situation rief Taigué Ahmed die Bewegung Refugees on the Move ins Leben. Seit 2006 geht der Choreograf mit seiner Compagnie Ndam Se Na in Flücht­lings­lager im Tschad und tanzt. Tanzt? Das hilft? Ja. Fünf Jahre später wurde aus der Bewegung ein Multi­pli­ka­toren-Modell. Choreo­grafen gehen in die Flücht­lings­lager und veran­stalten Workshops, um den Tanz dort zu insti­tu­tio­na­li­sieren. Und nein, die Welt wird damit nicht gerettet. Aber das Leben vieler Menschen ein klein wenig erträg­licher gemacht.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bevor Ahmed Anfang Mai eine eigene Urauf­führung im Tanzhaus NRW vorstellt, zeigt der Choreograf Salia Sanou jetzt mit einer Gruppe aus Burkina Faso, was aus dieser Arbeit entstehen kann. Du désir d’horizons – vom Wunsch der Horizonte – so der poetische Titel der einstün­digen Aufführung. Etwas pragma­ti­scher könnte man es vielleicht mit Perspek­tiven gewinnen übersetzen. Und durchaus sachbe­zogen geht es zu auf der Bühne von Mathieu Lorry Dupuy. Die Seiten­bühnen und der Hinter­grund sind schwarz abgehängt, Schein­werfer-Traversen hängen mittig links und rechts, mit denen Marie-Christine Soma die Bühne ins rechte und immer wieder variie­rendes Licht setzt. In der hinteren linken Ecke sind Gestelle aufge­schichtet, die sich später kongenial als Notbetten mit allerlei Zusatz­funk­tionen entpuppen werden.

Ohne Musik beginnt eine Tänzerin, sich zu bewegen. Hier wird Verzweiflung, Mutlo­sigkeit, aber auch der Wille, etwas bewegen zu wollen, zum Ausdruck kommen. Ein zweiter Tänzer gesellt sich zu einem angedeu­teten Pas de deux hinzu, ehe weitere fünf Tänzer die Bühne betreten. Da werden Flucht­be­we­gungen in der Gruppe gezeigt, denen immer wieder kontra­punk­tisch Solisten gegen­über­treten. Eines wird klar: Flucht ist anstrengend, Solida­rität unter Flücht­lingen noch kräfte­zeh­render. Valentine Carette tritt als letzte der Gruppe auf die Tanzfläche, rezitiert fortan Texte von Nancy Huston, die als Hommage an Samuel Beckett gedacht sind. Teils poetische Metaphern zum Menschsein, zur Würde und zur Hoffnung werden da perfekt und berührend vorgetragen.

Foto © Laurent Philippe

In der Halbzeit der Aufführung der entschei­dende Durch­bruch. Angekommen. Irgendwo angekommen. Gab es bislang nur ein kurzes Klavier­stück, bricht sich jetzt auch die Musik in Form eines Sirtaki Bahn. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fiebert der Zuschauer mit, freut sich mit den Menschen auf der Bühne. Dann werden aus den Liegen, die zunächst so hilfreich auf der Bühne Platz finden, plötzlich Wände, ein Labyrinth entsteht, in dem die Tänzer erneut Schutz suchen, ehe sie zu einem Wall werden. Das Flücht­lings­lager wandelt sich zum Fluch. Es gibt kein Entkommen, aber auch keinen echten Schutz. Mit fünf Mofas – mit Elektro­an­trieb, es lebe die politische Korrektheit – kehrt so etwas wie Norma­lität und Zukunfts­glaube ein.

Bei Sanou, der seinen Lebens­mit­tel­punkt in Paris hat, gibt es afrika­ni­schen Tanz ohne Folklore, der sich deutlich mit europäi­schen Bewegungen mischt. Hebefi­guren werden mit stamp­fenden Rhythmen, aber auch viel Armarbeit kombi­niert. Die Musik von Amine Bouhafa wird gezielt mit bewusst gesetzten Pausen einge­spielt, so dass hier auch eine große Bandbreite vom klassi­schen Klavier­stück bis zur afrika­ni­schen Volks­musik möglich wird.

Das Publikum ist letztlich begeistert. Denn das haben die Tänzer gezeigt: Es gibt nicht die Afrikaner und die Europäer. Es gibt Menschen. Und die sind mit ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen auf der ganzen Welt gleich. Ob im Einfa­mi­li­enhaus oder im Flücht­lings­lager. Es gibt in dem Stück keine Botschaft und keinen erhobenen Zeige­finger. Aber danach den noch stärkeren Wunsch, dass dieser Irrsinn auf der Welt endlich sein Ende findet. Sanou und seine Compagnie haben ihren Teil schon dazu beigetragen.

Michael S. Zerban

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