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Manchmal möchte man kotzen. Da verirren sich ein paar Menschen aus Angst um ihr Leben nach Europa – und die vollidiotischen Christen dort sperren, anstatt zu helfen, die Grenzen ab. Natürlich gibt es auch in Europa eine Minderheit von Menschen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen, aber die kommen sich ja inzwischen schon wie Widerstandskämpfer vor. Es ist eine erbärmliche, entwürdigende, beschämende Situation.
Und so richtig krank wird es erst, wenn man nach Afrika schaut. Hier sitzen hunderttausende Menschen in Flüchtlingslagern fest, die mit bis zu 35.000 Bewohnern die Größe von Kleinstädten erreichen. Die leben teils bereits in der dritten Generation dort. Ein Flüchtlingslager ist eine Verwahranstalt. Und so sitzen da Menschen, deren Selbstvertrauen ins Bodenlose sinkt, die Gewaltgefahr in drangvoller Enge steigt und die Landesbewohner sehen diese Ghettos mit äußerstem Misstrauen.
In dieser schier ausweglosen Situation rief Taigué Ahmed die Bewegung Refugees on the Move ins Leben. Seit 2006 geht der Choreograf mit seiner Compagnie Ndam Se Na in Flüchtlingslager im Tschad und tanzt. Tanzt? Das hilft? Ja. Fünf Jahre später wurde aus der Bewegung ein Multiplikatoren-Modell. Choreografen gehen in die Flüchtlingslager und veranstalten Workshops, um den Tanz dort zu institutionalisieren. Und nein, die Welt wird damit nicht gerettet. Aber das Leben vieler Menschen ein klein wenig erträglicher gemacht.
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Bevor Ahmed Anfang Mai eine eigene Uraufführung im Tanzhaus NRW vorstellt, zeigt der Choreograf Salia Sanou jetzt mit einer Gruppe aus Burkina Faso, was aus dieser Arbeit entstehen kann. Du désir d’horizons – vom Wunsch der Horizonte – so der poetische Titel der einstündigen Aufführung. Etwas pragmatischer könnte man es vielleicht mit Perspektiven gewinnen übersetzen. Und durchaus sachbezogen geht es zu auf der Bühne von Mathieu Lorry Dupuy. Die Seitenbühnen und der Hintergrund sind schwarz abgehängt, Scheinwerfer-Traversen hängen mittig links und rechts, mit denen Marie-Christine Soma die Bühne ins rechte und immer wieder variierendes Licht setzt. In der hinteren linken Ecke sind Gestelle aufgeschichtet, die sich später kongenial als Notbetten mit allerlei Zusatzfunktionen entpuppen werden.
Ohne Musik beginnt eine Tänzerin, sich zu bewegen. Hier wird Verzweiflung, Mutlosigkeit, aber auch der Wille, etwas bewegen zu wollen, zum Ausdruck kommen. Ein zweiter Tänzer gesellt sich zu einem angedeuteten Pas de deux hinzu, ehe weitere fünf Tänzer die Bühne betreten. Da werden Fluchtbewegungen in der Gruppe gezeigt, denen immer wieder kontrapunktisch Solisten gegenübertreten. Eines wird klar: Flucht ist anstrengend, Solidarität unter Flüchtlingen noch kräftezehrender. Valentine Carette tritt als letzte der Gruppe auf die Tanzfläche, rezitiert fortan Texte von Nancy Huston, die als Hommage an Samuel Beckett gedacht sind. Teils poetische Metaphern zum Menschsein, zur Würde und zur Hoffnung werden da perfekt und berührend vorgetragen.

In der Halbzeit der Aufführung der entscheidende Durchbruch. Angekommen. Irgendwo angekommen. Gab es bislang nur ein kurzes Klavierstück, bricht sich jetzt auch die Musik in Form eines Sirtaki Bahn. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fiebert der Zuschauer mit, freut sich mit den Menschen auf der Bühne. Dann werden aus den Liegen, die zunächst so hilfreich auf der Bühne Platz finden, plötzlich Wände, ein Labyrinth entsteht, in dem die Tänzer erneut Schutz suchen, ehe sie zu einem Wall werden. Das Flüchtlingslager wandelt sich zum Fluch. Es gibt kein Entkommen, aber auch keinen echten Schutz. Mit fünf Mofas – mit Elektroantrieb, es lebe die politische Korrektheit – kehrt so etwas wie Normalität und Zukunftsglaube ein.
Bei Sanou, der seinen Lebensmittelpunkt in Paris hat, gibt es afrikanischen Tanz ohne Folklore, der sich deutlich mit europäischen Bewegungen mischt. Hebefiguren werden mit stampfenden Rhythmen, aber auch viel Armarbeit kombiniert. Die Musik von Amine Bouhafa wird gezielt mit bewusst gesetzten Pausen eingespielt, so dass hier auch eine große Bandbreite vom klassischen Klavierstück bis zur afrikanischen Volksmusik möglich wird.
Das Publikum ist letztlich begeistert. Denn das haben die Tänzer gezeigt: Es gibt nicht die Afrikaner und die Europäer. Es gibt Menschen. Und die sind mit ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen auf der ganzen Welt gleich. Ob im Einfamilienhaus oder im Flüchtlingslager. Es gibt in dem Stück keine Botschaft und keinen erhobenen Zeigefinger. Aber danach den noch stärkeren Wunsch, dass dieser Irrsinn auf der Welt endlich sein Ende findet. Sanou und seine Compagnie haben ihren Teil schon dazu beigetragen.
Michael S. Zerban