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Stummfilm mit Live-Musik

PETRUSCHKA/​L’ENFANT ET LES SORTILÈGES
(Igor Strawinsky, Maurice Ravel)

Besuch am
9. März 2018
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Oper Düsseldorf

Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg bietet ein inter­es­santes Angebot in Kopro­duktion mit der Komischen Oper Berlin. Mit Petruschka und L’Entfant et les sortilèges gibt es eine ungewöhn­liche Kombi­nation, mit dem Theater­kol­lektiv 1927 ein ungewöhn­liches Insze­nie­rungsteam und mit Marc Piollet einen Dirigenten, der in der Musik von Igor Strawinsky und Maurice Ravel zu Hause ist. Personell ist die Oper generös ausgestattet.

Die Versu­chung war nach dem Erfolg der Kosky-Zauber­flöte allzu groß. Seit fünf Jahren sorgt diese Insze­nierung für ein volles Haus. Da musste es ein Sequel geben. Und es nimmt Wunder, dass Intendant Christoph Meyer der Versu­chung so lange wider­stehen konnte. Diesmal ist Kosky aber ausdrücklich nicht mit im Boot. Und das ist keine Überraschung.

Die Entscheidung fällt schwer, ob es sich hier um einen grandiosen Abend oder eine alberne Masche handelt. Ganz sicher ist es kein Opern­abend. Ist ja auch nicht der Anspruch des Insze­nie­rungs­teams von Paul Barritt und Suzanne Andrade. 1927 steht für den ersten Tonfilm. Auch wenn in diesem Jahr wirklich niemand daran glaubte, dass der Tonfilm eine Zukunft haben könnte. Auch Barritt und Andrade scheinen ihre Zweifel daran zu haben. Denn sie verlassen sich einen Abend über auf Stumm­filme mit Live-Untermalung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Technisch ist die Aufführung eindrucksvoll. Da wurden etwa zehn Zenti­meter große Figuren gebastelt, die einge­scannt wurden, um dann animiert zu werden. Spezielle Software sorgte dafür, dass die Anima­tionen steuerbar wurden. Zu sehen sind Filme mit archai­schen Figuren, die mit lebenden Personen ergänzt werden. Zahlreiche Elemente aus der Zauber­flöte sind wieder­erkennbar. Petruschka wird nicht vertanzt, sondern mit Artistik und Schau­spiel gezeigt. In L’Enfant et les sortilèges wird meist unsichtbar aus dem Graben gesungen. So bleiben die Anima­ti­ons­filme stets im Vorder­grund. Auf der Bühne, die Pia Leong mitge­staltet hat, steht die Projek­ti­ons­fläche nach hinten versetzt im Zentrum. Aus dieser weißen Wand können einzelne Elemente heraus­gelöst werden. Wenige Requi­siten rufen einen 3D-Effekt hervor. Bei einer solch modernen Präsen­tation wirken die Kostüme, an denen Katrin Kath mitge­wirkt hat und die der Handlungszeit angepasst sind, ebenso seltsam verfremdet wie die filmi­schen Inhalte. Das hat seinen Reiz, auch wenn man sich fragt, warum Andrade, Barritt und Esme Appleton, die für die Insze­nierung mit verant­wortlich zeichnet, dann nicht auch den letzten Schritt gegangen sind, um das zukunfts­wei­sende mediale Modell zu verdeutlichen.

Foto © Hans Jörg Michel

Bei den Akteuren auf der Bühne ist eine Spitzen­be­setzung zu erleben. Schau­spieler Tiago Alexandre Fonseca gibt eine überzeu­genden Clown Petruschka, Pualiina Räsänen zeigt als Ptitschka ausdrucksvoll Akrobatik vom Feinsten und Slava Volkov verbild­licht hervor­ragend das Klischee des Muskel­mannes. Auch in der Gesangs­ab­teilung ist nur vom Feinsten zu hören. Beispielhaft erwähnt seien hier als Kind Kimberley Boettger-Soller sowie Elena Sancho Pereg, Iryna Vakula und Monika Rydz. Bei den Herren überzeugen Torben Jürgens, Dmitri Vargin und Cornel Frey. Der Chor in der Einstu­dierung von Christoph Kurig und der Kinderchor unter Leitung von Justine Wanat erbringen ebenfalls eine glanz­volle Leistung, auch wenn beide im Off etwas blass klingen.

So bedau­erlich die Abwesenheit vieler Sänger auf der Bühne ist, so sehr gewinnt auf diese Weise die Akustik mit überra­schenden Stimm­ef­fekten, klang­licher Ausge­wo­genheit und grandioser Wortver­ständ­lichkeit. Einen Großteil der Verant­wortung dafür trägt Dirigent Marc Piollet, der die Düssel­dorfer Sympho­niker unglaublich diffe­ren­ziert, nie übertrieben laut, aber durchaus effektvoll durch die Klippen beider Parti­turen leitet. Ein musika­li­scher Höchst­genuss im Düssel­dorfer Opernhaus.

Damit sind am Ende auch die Besucher versöhnt, denen das Geschwurbel auf der Projek­ti­ons­fläche auf Dauer ein bisschen eintönig wird, wie von verschie­denen Seiten zu hören ist. Der Applaus fällt herzlich aus, ohne dass sich jemand besonders exaltieren müsste. Das deckt sich mit dem Gesamt­ein­druck des Abends. Fanta­sievoll, manchmal ein wenig überdreht, musika­lisch wunderbar. Ob die „Machart“ der Insze­nierung auf Dauer trägt, bleibt abzuwarten.

Michael S. Zerban

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