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Foto © Tom Schulze

Im Gewirr der Obsessionen

TANNHÄUSER
(Richard Wagner)

Besuch am
17. März 2018
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Es ist wieder Winter geworden in Leipzig, Schnee und Glatteis erschweren dem Zuschauer den unfall­freien Weg in die Oper. Doch wahre Wagne­rianer lassen sich von solchen Unzuläng­lich­keiten nicht abschrecken, dabei stand die Premiere der Neuin­sze­nierung des Tannhäuser unter keinem guten (Abend-)Stern.

Anfang Dezember 2017, also gut drei Monate vor der langan­ge­kün­digten und mit Spannung erwar­teten Premiere sorgt eine Presse­mit­teilung der Oper Leipzig für Unruhe. „Aufgrund organi­sa­to­ri­scher Schwie­rig­keiten war es leider nicht möglich, die Produktion Tannhäuser unter der Regie von Frau Professor Wagner zum angekün­digten Zeitpunkt zu reali­sieren. Die Oper Leipzig und Frau Professor Wagner bedauern dies sehr, freuen sich jedoch auf eine künftige gemeinsame Zusam­men­arbeit bei der Oper Lohengrin von Richard Wagner, welche voraus­sichtlich im November 2020 Premiere haben wird.“ Das musste man erstmal verdauen. Aus organi­sa­to­ri­schen Gründen, die leider nicht näher erläutert wurden, zieht Katharina Wagner, Urenkelin des Kompo­nisten und Leiterin der Bayreuther Festspiele, ihr Engagement in Leipzig zurück. Als Kompen­sation 2020 ein Lohengrin in Leipzig? Man wird sehen. Nun war die spannende Frage, wird es einen Tannhäuser geben und wann? Zur großen Überra­schung verkündete die Oper Leipzig, am geplanten Termin festhalten zu wollen. Und Anfang Januar 2018 der nächste Pauken­schlag! „Die Oper Leipzig freut sich, den katala­ni­schen Regisseur Calixto Bieito für die Übernahme der Produktion des Tannhäuser gewonnen zu haben“. Calixto Bieito, da war doch was? Skandal­in­sze­nie­rungen in Hannover machten ihn bekannt. Sein Insze­nie­rungsstil ist provo­kativ, extrem, radikal, natura­lis­tisch. Und jetzt Tannhäuser in Leipzig?

Doch es ist keine echte Neuin­sze­nierung, sondern eine Übernahme seiner Insze­nierung, die in der Spielzeit 201516 in Gent und Antwerpen lief und im vergan­genen Jahr in Venedig und Bern zu erleben war. Über zwanzig Jahre nach der letzten Neuin­sze­nierung eines Tannhäuser in Leipzig nun eine Deutsch­land­pre­miere als Kopro­duktion der Oper Vlaandern und des Teatro La Fenice di Venezia. Diese in gut drei Monaten zu reali­sieren, war natürlich für die Oper Leipzig eine große Heraus­for­derung. Nun war es endlich soweit, und das Leipziger Publikum war gespannt. Doch einige wollten sich auf das Überra­schungs­moment Bieito gar nicht erst einlassen und versuchten, ihre Karten vor Ort noch zu verkaufen, ja selbst an der Abend­kasse gab es noch Karten, eine eigentlich unglaub­liche Situation für eine Wagner-Premiere in der Geburts­stadt des Komponisten.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch nun kann es endlich losgehen. Leider nein, denn zunächst erscheint Opern­di­rek­torin Franziska Severin auf der Bühne. Das bedeutet nichts Gutes. Nach der freund­lichen Begrüßung der Zuschauer erklärte sie, dass die derzeit grassie­rende Grippe­welle auch die Oper Leipzig getroffen habe und Kathrin Göring vor ihrem Rollen­debüt als Venus zwar angeschlagen sei, in jedem Falle singen wolle, aber vorsichts­halber schon mal um Verständnis bitten wolle. Doch den eigent­lichen Hammer hatte sich Severin drama­tur­gisch aufge­hoben. Burkhard Fritz, Sänger des Tannhäuser, der mit dieser Partie in Gent in der Regie von Calixto Bieito sein Rollen­debüt gegeben hatte, musste am Morgen des Premie­ren­tages krank­heits­be­dingt komplett absagen. Doch manchmal gibt es Fügungen des Schicksals. Die sollen so sein. Stefan Vinke, in Leipzig von 2006 bis 2012 fest engagiert und immer gerne in der Wagner­stadt gesehen, springe ganz kurzfristig ein. Karfreitag steht er regulär als Parsifal in Leipzig wieder auf der Bühne. Nun sollte also Stefan Vinke die Premiere retten. Doch das hätte die Deutsche Bahn fast siegreich verhindert, denn der Winter­ein­bruch im Osten führte dazu, dass Stefan Vinke ausge­rechnet in Eisenach strandete, quasi am Fuße der Wartburg. Symbol­träch­tiger geht es schon gar nicht mehr. Doch im Vergleich zu Tannhäuser pilgerte Vinke nicht zu Fuß nach Leipzig, sondern nahm ein Taxi und erreichte die Oper Leipzig eine Stunde vor Auffüh­rungs­beginn. Keine Probe mehr möglich, ein Sprung ins kalte Wasser. Selbst die Beset­zungs­zettel konnten nicht mehr neu gedruckt werden, so kurzfristig war diese Umbesetzung. Glück im Unglück, vor über einem Jahr hatte Vinke in Venedig am Teatro La Fenice ebenfalls in der Insze­nierung von Calixto Bieito den Tannhäuser gesungen, so dass er weiß, worauf er sich in den kommenden vier Stunden einlässt. Das Publikum dankt mit großem Applaus, dass Vinke so kurzfristig einspringt. Und nun kann es nach all den Aufre­gungen endlich losgehen. Intendant und General­mu­sik­di­rektor Ulf Schirmer, der vor 35 Jahren seinen ersten Tannhäuser dirigiert hat, hat sich für die Dresdner Fassung des Werkes entschieden, weil es für ihn in sich am schlüs­sigsten sei und diese Fassung vor allem durch ihre „klare Energetik“ überzeuge.

Foto © Tom Schulze

Wagner thema­ti­siert den Konflikt von Liebe und Lust, von hoher Liebe und trieb­haftem Begehren, von Religion und Eros, eine Spannung, die bis zum Parsifal für den Menschen wie den Künstler Richard Wagner bestimmend sein sollte. Tannhäuser ist der Künstler, der durch seinen Aufenthalt im Venusberg zum gesell­schaft­lichen Außen­seiter geworden ist und im Sänger­wett­streit die Wartburg-Gesell­schaft am Hofe des Landgrafen Hermann mit seinen Ansichten über die Liebe als höchstes Lebens­elixier offen provo­ziert. Auf seiner Pilger­schaft nach Rom bestä­tigen sich seine Vorur­teile über die Doppel­moral der Kirche und des Papstes. Einzig Elisabeth versteht sein inneres Dilemma und ist bereit, sich für seine Seele zu opfern. Der Glaube an ihre reine Seele rettet den Verlo­renen. Im Mittel­punkt der Insze­nierung von Calixto Bieito steht der Spannungs­kon­flikt Tannhäusers zwischen Venus und Elisabeth auf der einen Seite und dem kleri­kalen Bann gegen jede körper­liche Lust, die als Selbst­zweck gilt, auf der anderen. Dieses Hin- und Herge­rissen sein des Künstlers, vor allem aber des begeh­renden Mannes, geht seinem Tannhäuser an die Substanz, lässt ihn verkrampfen, ja, es schüttelt ihn jedes Mal den Körper, wenn von den höheren Mächten die Rede ist. Es macht ihn zum Abtrün­nigen von seinem angestammten Platz in der Männer­ge­sell­schaft, zum Rebellen gegen deren Schein­hei­ligkeit. Im ersten Aufzug gibt es keinen Venusberg, keine Liebes­grotte, sondern einen dunklen Wald, der quasi auf dem Kopf steht. Rebecca Ringst hat hier das Bühnenbild mit inter­es­santen Effekten gestaltet. Die Bühne ist im ersten Akt mit lauter Gestrüpp bedeckt, das dann mit den belaubten Baumkronen nach unten in die Höhe gezogen wird und sich dreht. Ein Ort der Angst, der Träume, der Begierden.  Ein dichtes Gewirr als Sinnbild für ausbre­chende Obses­sionen. Darin gefangen sind Tannhäuser und Venus. Diese Venus, nur im schwarzen Unter­kleid, wird sichtbar von einem durchaus körper­lichen Verlangen beherrscht. Bei Kathrin Göring lodert die Leiden­schaft nicht nur vokal auf, es krümmt ihren Körper vor Verlangen – ein Spiel am Limit von atembe­rau­bender Expres­si­vität! Und doch erscheint sie nicht als die typische Verfüh­rerin, die Göttin der Lust. Doch auch Tannhäuser ist ein Getrie­bener, bei dem Verlangen an der Grenze zur physi­schen Gewalt explo­diert. Es zieht ihn zur dieser Frau und zugleich will er weg von ihr. Der Wechsel von Venusberg zur irdischen Welt findet optisch nicht statt. Erkennbar lediglich am bunten Kleid des Hirten, der in Gestalt eines puber­tären Mädchens Tannhäusers Weg kreuzt, und sich ihm mit naiver Unschuld quasi aufdrängt. Diese Szene gehört schon zu jener bei Bieito oft mitschwin­genden Frage nach der Grenze zwischen selbst­be­stimmtem Verlangen und Verführung oder Missbrauch. Doch es bleibt bei der Andeutung. Der Pilgerchor, der hier zum ersten Mal auftritt, bleibt für den Zuschauer unsichtbar. Und dann kommt Hermann, Landgraf von Thüringen, mit seinen Gefolgs­leuten. Eine unange­nehme Truppe, aggressiv, auf Schlä­gerei aus. Insbe­sondere Wolfram ist hier nicht der sonst so edle, zurück­hal­tende Ritter, sondern auch ein Gefan­gener seiner Begierden und Leiden­schaften, die er aber verstecken muss.

Dass die virile Männer­ge­sell­schaft dann sich ihrer Oberbe­kleidung entledigt und sich alle gegen­seitig mit Blut beschmieren, ist wieder so eine typisch provo­kante Bieito-Aktion. Was soll das? Bluts­brü­der­schaft? Eingehen in das Natura­lis­tische? Todes­sehn­sucht? Das Publikum ist sich in der Bewertung dieser durchaus verstö­renden Szene nicht einig, und zum Schlusston des ersten Aufzuges dringt ein gellender Buhruf aus dem Publikum, der von einigen Bravo-Rufen gekontert wird.

Der zweite Aufzug beginnt kühl, grell. Die teure Halle wird hier nur durch weiße Säulen angedeutet, ein offenes Konstrukt, nüchtern, mehr Gefängnis als Halle. Elisabeth, ebenfalls nur mit einem schwarzen Cocktail­kleid bekleidet, rekelt sich lasziv auf der Bühne. Da ist kein Unter­schied zur Venus zu sehen, auch Elisabeth hat ihre Begierden, ihre Lust, ihre Obses­sionen. Tannhäuser erscheint im Kapuzen­pulli, um sich dann vor dem Sänger­krieg auf der Bühne umzuziehen, ein edler Smoking liegt bereit. Die Kostüme sind von Ingo Krügler. Das Licht von hinten ist so grell, dass die beiden Protago­nisten nur als Schatten sichtbar sind. Elisabeth lässt erst körper­liche Nähe zu, doch der Kuss Tannhäusers scheint eine tiefe Trauma­ti­sierung wieder zum Vorschein kommen zu lassen, wie wild schlägt sie auf den Geliebten ein. Auch Wolfram leidet körperlich unter der Nähe Elisa­beths zu Tannhäuser, voller Aggres­sionen schlägt er mit Elisa­beths Pumps auf den Boden. Und in der sterilen oberflä­chen­glatten Wartburgwelt regiert die Schein­hei­ligkeit. Es gibt keinen Einzug der Gäste, sondern von der Hinterwand fällt der weiße Stoff herunter, und die Gäste, elegant und festlich gekleidet, tauchen aus dem Hinter­grund wie eine gespens­tisch gleich­ge­schaltete Masse auf, die keinen indivi­du­ellen Mucks von sich gibt, verliert dann aber die Fassung, wenn Tannhäuser mit seinem Gesang sozusagen die geheimsten eigenen Wünsche formu­liert und die dann geradezu nach dem Blut lechzt, dass bei der Schlä­gerei, die unter den Sängern ausbricht, fließen könnte. Es ist eine verlogene Moral-Fassade. Die Rituale werden halbherzig vollzogen, so wenn sich die vom Landgrafen mit kurzem Kopfnicken nominierten Sänger wie Priester bei ihrer Weihe bäuch­lings auf den Boden legen müssen. Und Elisabeth ist trauma­ti­siert, sie hat den zwang­haften Drang sich zu kratzen.

In Bieitos Insze­nierung wird der Begriff des Sänger­krieges wörtlich genommen, es kommt nicht nur zu einer körper­lichen Ausein­an­der­setzung der Sänger mit Tannhäuser, auch Elisabeth gerät ins Visier der männlich dominierten Wartburg­ge­sell­schaft. An der Art, wie sich Sänger ihr gegenüber benehmen, nach dem es zum Eklat gekommen ist, wird klar, wie verkommen und verroht diese Gesell­schaft ist. Da hält man es nicht mehr für harmlos, wenn der Landgraf seinen Junior erst auf den Schoss nimmt und ihn dann bei der rituellen Bestrafung Heinrichs durch Auspeit­schen mitmachen lässt. Und Elisabeth, die schon bei der geringsten Berührung durch den Landgrafen oder durch Wolfram zusam­men­zuckt, hat hier offenbar auch schon mehr erlebt, als eine Frau auszu­halten vermag. Auch Wolfram rührt keinen Finger, um sie vor den Übergriffen zu schützen.

Am Schluss des zweiten Aufzuges darf jeder mal mit grünen Zweigen Tannhäuser angedeutet auspeit­schen, und Elisabeth wird von den lüsternen Männern begierig begrapscht und betatscht, da verirrt sich auch schon mal eine Hand zwischen ihre Schenkel. Es ist wieder so eine Szene, die teilweise verstört und irritiert, teilweise aber auch irgendwie fasziniert.

Im dritten Aufzug ragen die Baumkronen des ersten in das jetzt ausein­an­der­drif­tende Säulen­la­by­rinth des zweiten. Und der Boden ist voll von schwarzem Dreck. Es plätschert von irgend­woher, es herrscht eine düstere, ja, fast postapo­ka­lyp­tische Stimmung auf der Bühne. Elisabeth ist zutiefst verstört, steigert sich in ihrem Gebet in einen regel­rechten Wahn, und fordert von Wolfram, sie zu erdrosseln, was er aber in letzter Konse­quenz nicht vollbringt. Tannhäusers Romer­zählung dagegen ist ein erschüt­terndes Zeugnis der Verlo­genheit der Kirche, von Vinke beein­dru­ckend darge­stellt. Am Schluss bleibt Venus auf der Szene und verschwindet nicht, nachdem sie im Ziehen um Tannhäuser gegen Elisabeth verloren hat. Venus ist keine Göttin mehr, sie steht erschüttert, aber aufrecht inmitten der Wartburg-Gesell­schaft, die jetzt am Boden kriecht. Elisabeth ist zwar nicht physisch tot, aber sie hat sich aufge­geben und sitzt im Wahn am Rande der Bühne. Auch Tannhäuser stirbt nicht, voller Verzweiflung schlägt er auf eine der Säulen ein. Es ist ein erschüt­terndes Schlussbild einer polari­sie­renden wie aber auch faszi­nie­renden Darstellung.

Es ist aber auch ein Abend der großen musika­li­schen und schau­spie­le­ri­schen Darstellung. Allen voran Stefan Vinke in der Titel­partie des Tannhäuser. Kurz vor der Premiere ohne jede Probe ins kalte Wasser gesprungen, zeigt er sänge­risch wie darstel­le­risch eine zu Recht umjubelte Partie. Sein stählerner Tenor ist kraftvoll in der Mittellage und ausdrucks­stark in den Höhen und in den drama­ti­schen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer und Klugheit bewältigt er diese fordernde Partie, seine Romer­zählung am Schluss ist von erschüt­ternder Inten­sität, und sein szeni­sches Spiel zeugt von einem großen Verständnis dieser Partie. Auch seine Textver­ständ­lichkeit ist vorbildlich. Elisabet Strid, die in Leipzig schon als Brünn­hilde im Siegfried und als Salome begeistert hat, überzeugt auch in der Rolle der Elisabeth. Ihr hochdra­ma­ti­scher Sopran ist von einer großen Leucht­kraft geprägt. Überzeugend ist ihre drama­tische Stimm­führung, auch wenn sie die Hallenarie im zweiten Aufzug vielleicht etwas zu drama­tisch angeht. Dafür ist ihr Gebet im dritten Aufzug von tiefster Innigkeit und Beseeltheit getragen, und im Duett mit Tannhäuser verbindet sich ihre Stimme harmo­nisch mit Vinkes kraft­vollem Tenor. Mathias Hausmann ist der dritte heraus­ra­gende Sänger dieses Abends. Er verkörpert die Rolle des Wolfram von Eschenbach mit lyrischem Bariton und hochkul­ti­vierten Liedgesang und überzeugt durch stimm­liche und ausdrucks­starke Präsenz. Im Sänger­streit ist er der Kontra­punkt zu Tannhäusers rauer Dramatik, sein Lied an den Abend­stern im dritten Aufzug ist einer der sänge­ri­schen Glanz­punkte dieser Aufführung.

Kathrin Göring gibt die Partie der Venus mit warmem Mezzo-Timbre und klug einge­setzten drama­ti­schen Höhen, und setzt stimmlich und optisch den reizvollen Kontrast zur Darstellung der Elisabeth. Trotz der angesagten Indis­po­sition schont sie sich vor allem im ersten Aufzug nicht, muss dann am Schluss in der vokalen Inten­sität der Erkrankung etwas Tribut zollen.

Rúni Brattaberg singt den Hermann mit markantem, manchmal leicht dröhnendem Bass und großer physi­scher Präsenz.  Randall Jakobsh ist ein ausdrucks­starker Biterolf, und Danae Korte singt die Solostelle des Hirten mit klarem und jugend­lichem Sopran. Patrick Vogel als Walther von der Vogel­weide, Kyungho Kim als Heinrich der Schreiber und Sejong Chang als Reinmar von Zweter ergänzen stimm­har­mo­nisch ein starkes Sänger­ensemble. Ein Extralob haben sich Peter Domenik Müller, Linn Klose, Lina Daniel und Jaren Gerth, allesamt Kinder des Kinder­chores Leipzig, als die vier Edelknaben verdient.

Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig sind vom neuen Chorleiter Thomas Eitler-de Lint hervor­ragend einge­stimmt und begeistern ebenfalls durch klaren Ausdruck und volumi­nöser Inten­sität. Das Gewand­haus­or­chester überzeugt an diesem Abend durch eine beein­dru­ckende Klang­ma­lerei, aus der die Bläser dominant sauber hervor­stechen. Gundel Jannemann-Fischer am Englischhorn sowie Gabriella Victoria und Alma Klemm an den beiden Harfen seien hier stell­ver­tretend für ein großartig aufspie­lendes Gewand­haus­or­chester erwähnt.

Schon im Vorspiel kommt der wunderbare, diffe­ren­zierte und farben­reiche Klang­körper zur Geltung. Die Ouvertüre in der Konzert­fassung ist drama­tisch kraftvoll und dynamisch, das Venusberg-Motiv stark akzen­tuiert, während die Melodie der Pilger zurück­haltend und weihevoll klingt. Schirmer leitet das Gewand­haus­or­chester mit deutlich klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders in den Duetten Tannhäuser mit Venus und Elisabeth, mit großer Sensi­bi­lität und beweist Mut zum Forte, ohne die Sänger dabei zu überde­ckeln. Insgesamt ist sein Dirigat unprä­tentiös. Der Schluss ist ein musika­lisch-opulenter Rausch, ein glühender Schmelz­tiegel stimm­licher Leiden­schaft und großer Emotion, der nach dem letzten Ton das Publikum förmlich von seiner Spannung erlöst.

Apropos Publikum. Kaum ist der letzte Ton verhallt, gellt ein Buhruf wie ein Urschrei durch das Haus, der von lautstarken Bravo­rufen gekontert wird. Beim Regieteam ist das Publikum eindeutig gespalten, Bravorufe und Buhs halten sich da die Waage, wohin­gegen der Jubel für das Sänger­ensemble, Chor, Orchester und Dirigent eindeutig ist. Leider macht die Grippe­welle auch vor dem Publikum nicht halt, wieder mal stören zahlreiche und laute Huster vor allem an den Piano-Stellen den Kunstgenuss.

Nach all den Aufre­gungen im Vorfeld dieser Premiere hat diese Insze­nierung zumindest eins schon während der Pausen und nach der Vorstellung bewirkt: Es wird heftig disku­tiert und gestritten um den Sinn dieser Insze­nierung. Der Oper Leipzig muss man auch den Mut anerkennen, nach der Absage von Katharina Wagner das Projekt Tannhäuser nicht aufzu­geben, sondern mit dieser Kopro­duktion einen durchaus inter­es­santen und diskus­si­ons­wür­digen Beitrag zum Wagner-Reper­toire der Oper Leipzig zu liefern. 2019 wird es einen neuen Fliegenden Holländer geben, und 2020 einen neuen Lohengrin, falls Frau Wagner nicht wieder kurzfristig absagt.

Andreas H. Hölscher

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