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Es ist wieder Winter geworden in Leipzig, Schnee und Glatteis erschweren dem Zuschauer den unfallfreien Weg in die Oper. Doch wahre Wagnerianer lassen sich von solchen Unzulänglichkeiten nicht abschrecken, dabei stand die Premiere der Neuinszenierung des Tannhäuser unter keinem guten (Abend-)Stern.
Anfang Dezember 2017, also gut drei Monate vor der langangekündigten und mit Spannung erwarteten Premiere sorgt eine Pressemitteilung der Oper Leipzig für Unruhe. „Aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten war es leider nicht möglich, die Produktion Tannhäuser unter der Regie von Frau Professor Wagner zum angekündigten Zeitpunkt zu realisieren. Die Oper Leipzig und Frau Professor Wagner bedauern dies sehr, freuen sich jedoch auf eine künftige gemeinsame Zusammenarbeit bei der Oper Lohengrin von Richard Wagner, welche voraussichtlich im November 2020 Premiere haben wird.“ Das musste man erstmal verdauen. Aus organisatorischen Gründen, die leider nicht näher erläutert wurden, zieht Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten und Leiterin der Bayreuther Festspiele, ihr Engagement in Leipzig zurück. Als Kompensation 2020 ein Lohengrin in Leipzig? Man wird sehen. Nun war die spannende Frage, wird es einen Tannhäuser geben und wann? Zur großen Überraschung verkündete die Oper Leipzig, am geplanten Termin festhalten zu wollen. Und Anfang Januar 2018 der nächste Paukenschlag! „Die Oper Leipzig freut sich, den katalanischen Regisseur Calixto Bieito für die Übernahme der Produktion des Tannhäuser gewonnen zu haben“. Calixto Bieito, da war doch was? Skandalinszenierungen in Hannover machten ihn bekannt. Sein Inszenierungsstil ist provokativ, extrem, radikal, naturalistisch. Und jetzt Tannhäuser in Leipzig?
Doch es ist keine echte Neuinszenierung, sondern eine Übernahme seiner Inszenierung, die in der Spielzeit 2015⁄16 in Gent und Antwerpen lief und im vergangenen Jahr in Venedig und Bern zu erleben war. Über zwanzig Jahre nach der letzten Neuinszenierung eines Tannhäuser in Leipzig nun eine Deutschlandpremiere als Koproduktion der Oper Vlaandern und des Teatro La Fenice di Venezia. Diese in gut drei Monaten zu realisieren, war natürlich für die Oper Leipzig eine große Herausforderung. Nun war es endlich soweit, und das Leipziger Publikum war gespannt. Doch einige wollten sich auf das Überraschungsmoment Bieito gar nicht erst einlassen und versuchten, ihre Karten vor Ort noch zu verkaufen, ja selbst an der Abendkasse gab es noch Karten, eine eigentlich unglaubliche Situation für eine Wagner-Premiere in der Geburtsstadt des Komponisten.
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Doch nun kann es endlich losgehen. Leider nein, denn zunächst erscheint Operndirektorin Franziska Severin auf der Bühne. Das bedeutet nichts Gutes. Nach der freundlichen Begrüßung der Zuschauer erklärte sie, dass die derzeit grassierende Grippewelle auch die Oper Leipzig getroffen habe und Kathrin Göring vor ihrem Rollendebüt als Venus zwar angeschlagen sei, in jedem Falle singen wolle, aber vorsichtshalber schon mal um Verständnis bitten wolle. Doch den eigentlichen Hammer hatte sich Severin dramaturgisch aufgehoben. Burkhard Fritz, Sänger des Tannhäuser, der mit dieser Partie in Gent in der Regie von Calixto Bieito sein Rollendebüt gegeben hatte, musste am Morgen des Premierentages krankheitsbedingt komplett absagen. Doch manchmal gibt es Fügungen des Schicksals. Die sollen so sein. Stefan Vinke, in Leipzig von 2006 bis 2012 fest engagiert und immer gerne in der Wagnerstadt gesehen, springe ganz kurzfristig ein. Karfreitag steht er regulär als Parsifal in Leipzig wieder auf der Bühne. Nun sollte also Stefan Vinke die Premiere retten. Doch das hätte die Deutsche Bahn fast siegreich verhindert, denn der Wintereinbruch im Osten führte dazu, dass Stefan Vinke ausgerechnet in Eisenach strandete, quasi am Fuße der Wartburg. Symbolträchtiger geht es schon gar nicht mehr. Doch im Vergleich zu Tannhäuser pilgerte Vinke nicht zu Fuß nach Leipzig, sondern nahm ein Taxi und erreichte die Oper Leipzig eine Stunde vor Aufführungsbeginn. Keine Probe mehr möglich, ein Sprung ins kalte Wasser. Selbst die Besetzungszettel konnten nicht mehr neu gedruckt werden, so kurzfristig war diese Umbesetzung. Glück im Unglück, vor über einem Jahr hatte Vinke in Venedig am Teatro La Fenice ebenfalls in der Inszenierung von Calixto Bieito den Tannhäuser gesungen, so dass er weiß, worauf er sich in den kommenden vier Stunden einlässt. Das Publikum dankt mit großem Applaus, dass Vinke so kurzfristig einspringt. Und nun kann es nach all den Aufregungen endlich losgehen. Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer, der vor 35 Jahren seinen ersten Tannhäuser dirigiert hat, hat sich für die Dresdner Fassung des Werkes entschieden, weil es für ihn in sich am schlüssigsten sei und diese Fassung vor allem durch ihre „klare Energetik“ überzeuge.

Wagner thematisiert den Konflikt von Liebe und Lust, von hoher Liebe und triebhaftem Begehren, von Religion und Eros, eine Spannung, die bis zum Parsifal für den Menschen wie den Künstler Richard Wagner bestimmend sein sollte. Tannhäuser ist der Künstler, der durch seinen Aufenthalt im Venusberg zum gesellschaftlichen Außenseiter geworden ist und im Sängerwettstreit die Wartburg-Gesellschaft am Hofe des Landgrafen Hermann mit seinen Ansichten über die Liebe als höchstes Lebenselixier offen provoziert. Auf seiner Pilgerschaft nach Rom bestätigen sich seine Vorurteile über die Doppelmoral der Kirche und des Papstes. Einzig Elisabeth versteht sein inneres Dilemma und ist bereit, sich für seine Seele zu opfern. Der Glaube an ihre reine Seele rettet den Verlorenen. Im Mittelpunkt der Inszenierung von Calixto Bieito steht der Spannungskonflikt Tannhäusers zwischen Venus und Elisabeth auf der einen Seite und dem klerikalen Bann gegen jede körperliche Lust, die als Selbstzweck gilt, auf der anderen. Dieses Hin- und Hergerissen sein des Künstlers, vor allem aber des begehrenden Mannes, geht seinem Tannhäuser an die Substanz, lässt ihn verkrampfen, ja, es schüttelt ihn jedes Mal den Körper, wenn von den höheren Mächten die Rede ist. Es macht ihn zum Abtrünnigen von seinem angestammten Platz in der Männergesellschaft, zum Rebellen gegen deren Scheinheiligkeit. Im ersten Aufzug gibt es keinen Venusberg, keine Liebesgrotte, sondern einen dunklen Wald, der quasi auf dem Kopf steht. Rebecca Ringst hat hier das Bühnenbild mit interessanten Effekten gestaltet. Die Bühne ist im ersten Akt mit lauter Gestrüpp bedeckt, das dann mit den belaubten Baumkronen nach unten in die Höhe gezogen wird und sich dreht. Ein Ort der Angst, der Träume, der Begierden. Ein dichtes Gewirr als Sinnbild für ausbrechende Obsessionen. Darin gefangen sind Tannhäuser und Venus. Diese Venus, nur im schwarzen Unterkleid, wird sichtbar von einem durchaus körperlichen Verlangen beherrscht. Bei Kathrin Göring lodert die Leidenschaft nicht nur vokal auf, es krümmt ihren Körper vor Verlangen – ein Spiel am Limit von atemberaubender Expressivität! Und doch erscheint sie nicht als die typische Verführerin, die Göttin der Lust. Doch auch Tannhäuser ist ein Getriebener, bei dem Verlangen an der Grenze zur physischen Gewalt explodiert. Es zieht ihn zur dieser Frau und zugleich will er weg von ihr. Der Wechsel von Venusberg zur irdischen Welt findet optisch nicht statt. Erkennbar lediglich am bunten Kleid des Hirten, der in Gestalt eines pubertären Mädchens Tannhäusers Weg kreuzt, und sich ihm mit naiver Unschuld quasi aufdrängt. Diese Szene gehört schon zu jener bei Bieito oft mitschwingenden Frage nach der Grenze zwischen selbstbestimmtem Verlangen und Verführung oder Missbrauch. Doch es bleibt bei der Andeutung. Der Pilgerchor, der hier zum ersten Mal auftritt, bleibt für den Zuschauer unsichtbar. Und dann kommt Hermann, Landgraf von Thüringen, mit seinen Gefolgsleuten. Eine unangenehme Truppe, aggressiv, auf Schlägerei aus. Insbesondere Wolfram ist hier nicht der sonst so edle, zurückhaltende Ritter, sondern auch ein Gefangener seiner Begierden und Leidenschaften, die er aber verstecken muss.
Dass die virile Männergesellschaft dann sich ihrer Oberbekleidung entledigt und sich alle gegenseitig mit Blut beschmieren, ist wieder so eine typisch provokante Bieito-Aktion. Was soll das? Blutsbrüderschaft? Eingehen in das Naturalistische? Todessehnsucht? Das Publikum ist sich in der Bewertung dieser durchaus verstörenden Szene nicht einig, und zum Schlusston des ersten Aufzuges dringt ein gellender Buhruf aus dem Publikum, der von einigen Bravo-Rufen gekontert wird.
Der zweite Aufzug beginnt kühl, grell. Die teure Halle wird hier nur durch weiße Säulen angedeutet, ein offenes Konstrukt, nüchtern, mehr Gefängnis als Halle. Elisabeth, ebenfalls nur mit einem schwarzen Cocktailkleid bekleidet, rekelt sich lasziv auf der Bühne. Da ist kein Unterschied zur Venus zu sehen, auch Elisabeth hat ihre Begierden, ihre Lust, ihre Obsessionen. Tannhäuser erscheint im Kapuzenpulli, um sich dann vor dem Sängerkrieg auf der Bühne umzuziehen, ein edler Smoking liegt bereit. Die Kostüme sind von Ingo Krügler. Das Licht von hinten ist so grell, dass die beiden Protagonisten nur als Schatten sichtbar sind. Elisabeth lässt erst körperliche Nähe zu, doch der Kuss Tannhäusers scheint eine tiefe Traumatisierung wieder zum Vorschein kommen zu lassen, wie wild schlägt sie auf den Geliebten ein. Auch Wolfram leidet körperlich unter der Nähe Elisabeths zu Tannhäuser, voller Aggressionen schlägt er mit Elisabeths Pumps auf den Boden. Und in der sterilen oberflächenglatten Wartburgwelt regiert die Scheinheiligkeit. Es gibt keinen Einzug der Gäste, sondern von der Hinterwand fällt der weiße Stoff herunter, und die Gäste, elegant und festlich gekleidet, tauchen aus dem Hintergrund wie eine gespenstisch gleichgeschaltete Masse auf, die keinen individuellen Mucks von sich gibt, verliert dann aber die Fassung, wenn Tannhäuser mit seinem Gesang sozusagen die geheimsten eigenen Wünsche formuliert und die dann geradezu nach dem Blut lechzt, dass bei der Schlägerei, die unter den Sängern ausbricht, fließen könnte. Es ist eine verlogene Moral-Fassade. Die Rituale werden halbherzig vollzogen, so wenn sich die vom Landgrafen mit kurzem Kopfnicken nominierten Sänger wie Priester bei ihrer Weihe bäuchlings auf den Boden legen müssen. Und Elisabeth ist traumatisiert, sie hat den zwanghaften Drang sich zu kratzen.
In Bieitos Inszenierung wird der Begriff des Sängerkrieges wörtlich genommen, es kommt nicht nur zu einer körperlichen Auseinandersetzung der Sänger mit Tannhäuser, auch Elisabeth gerät ins Visier der männlich dominierten Wartburggesellschaft. An der Art, wie sich Sänger ihr gegenüber benehmen, nach dem es zum Eklat gekommen ist, wird klar, wie verkommen und verroht diese Gesellschaft ist. Da hält man es nicht mehr für harmlos, wenn der Landgraf seinen Junior erst auf den Schoss nimmt und ihn dann bei der rituellen Bestrafung Heinrichs durch Auspeitschen mitmachen lässt. Und Elisabeth, die schon bei der geringsten Berührung durch den Landgrafen oder durch Wolfram zusammenzuckt, hat hier offenbar auch schon mehr erlebt, als eine Frau auszuhalten vermag. Auch Wolfram rührt keinen Finger, um sie vor den Übergriffen zu schützen.
Am Schluss des zweiten Aufzuges darf jeder mal mit grünen Zweigen Tannhäuser angedeutet auspeitschen, und Elisabeth wird von den lüsternen Männern begierig begrapscht und betatscht, da verirrt sich auch schon mal eine Hand zwischen ihre Schenkel. Es ist wieder so eine Szene, die teilweise verstört und irritiert, teilweise aber auch irgendwie fasziniert.
Im dritten Aufzug ragen die Baumkronen des ersten in das jetzt auseinanderdriftende Säulenlabyrinth des zweiten. Und der Boden ist voll von schwarzem Dreck. Es plätschert von irgendwoher, es herrscht eine düstere, ja, fast postapokalyptische Stimmung auf der Bühne. Elisabeth ist zutiefst verstört, steigert sich in ihrem Gebet in einen regelrechten Wahn, und fordert von Wolfram, sie zu erdrosseln, was er aber in letzter Konsequenz nicht vollbringt. Tannhäusers Romerzählung dagegen ist ein erschütterndes Zeugnis der Verlogenheit der Kirche, von Vinke beeindruckend dargestellt. Am Schluss bleibt Venus auf der Szene und verschwindet nicht, nachdem sie im Ziehen um Tannhäuser gegen Elisabeth verloren hat. Venus ist keine Göttin mehr, sie steht erschüttert, aber aufrecht inmitten der Wartburg-Gesellschaft, die jetzt am Boden kriecht. Elisabeth ist zwar nicht physisch tot, aber sie hat sich aufgegeben und sitzt im Wahn am Rande der Bühne. Auch Tannhäuser stirbt nicht, voller Verzweiflung schlägt er auf eine der Säulen ein. Es ist ein erschütterndes Schlussbild einer polarisierenden wie aber auch faszinierenden Darstellung.
Es ist aber auch ein Abend der großen musikalischen und schauspielerischen Darstellung. Allen voran Stefan Vinke in der Titelpartie des Tannhäuser. Kurz vor der Premiere ohne jede Probe ins kalte Wasser gesprungen, zeigt er sängerisch wie darstellerisch eine zu Recht umjubelte Partie. Sein stählerner Tenor ist kraftvoll in der Mittellage und ausdrucksstark in den Höhen und in den dramatischen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer und Klugheit bewältigt er diese fordernde Partie, seine Romerzählung am Schluss ist von erschütternder Intensität, und sein szenisches Spiel zeugt von einem großen Verständnis dieser Partie. Auch seine Textverständlichkeit ist vorbildlich. Elisabet Strid, die in Leipzig schon als Brünnhilde im Siegfried und als Salome begeistert hat, überzeugt auch in der Rolle der Elisabeth. Ihr hochdramatischer Sopran ist von einer großen Leuchtkraft geprägt. Überzeugend ist ihre dramatische Stimmführung, auch wenn sie die Hallenarie im zweiten Aufzug vielleicht etwas zu dramatisch angeht. Dafür ist ihr Gebet im dritten Aufzug von tiefster Innigkeit und Beseeltheit getragen, und im Duett mit Tannhäuser verbindet sich ihre Stimme harmonisch mit Vinkes kraftvollem Tenor. Mathias Hausmann ist der dritte herausragende Sänger dieses Abends. Er verkörpert die Rolle des Wolfram von Eschenbach mit lyrischem Bariton und hochkultivierten Liedgesang und überzeugt durch stimmliche und ausdrucksstarke Präsenz. Im Sängerstreit ist er der Kontrapunkt zu Tannhäusers rauer Dramatik, sein Lied an den Abendstern im dritten Aufzug ist einer der sängerischen Glanzpunkte dieser Aufführung.
Kathrin Göring gibt die Partie der Venus mit warmem Mezzo-Timbre und klug eingesetzten dramatischen Höhen, und setzt stimmlich und optisch den reizvollen Kontrast zur Darstellung der Elisabeth. Trotz der angesagten Indisposition schont sie sich vor allem im ersten Aufzug nicht, muss dann am Schluss in der vokalen Intensität der Erkrankung etwas Tribut zollen.
Rúni Brattaberg singt den Hermann mit markantem, manchmal leicht dröhnendem Bass und großer physischer Präsenz. Randall Jakobsh ist ein ausdrucksstarker Biterolf, und Danae Korte singt die Solostelle des Hirten mit klarem und jugendlichem Sopran. Patrick Vogel als Walther von der Vogelweide, Kyungho Kim als Heinrich der Schreiber und Sejong Chang als Reinmar von Zweter ergänzen stimmharmonisch ein starkes Sängerensemble. Ein Extralob haben sich Peter Domenik Müller, Linn Klose, Lina Daniel und Jaren Gerth, allesamt Kinder des Kinderchores Leipzig, als die vier Edelknaben verdient.
Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig sind vom neuen Chorleiter Thomas Eitler-de Lint hervorragend eingestimmt und begeistern ebenfalls durch klaren Ausdruck und voluminöser Intensität. Das Gewandhausorchester überzeugt an diesem Abend durch eine beeindruckende Klangmalerei, aus der die Bläser dominant sauber hervorstechen. Gundel Jannemann-Fischer am Englischhorn sowie Gabriella Victoria und Alma Klemm an den beiden Harfen seien hier stellvertretend für ein großartig aufspielendes Gewandhausorchester erwähnt.
Schon im Vorspiel kommt der wunderbare, differenzierte und farbenreiche Klangkörper zur Geltung. Die Ouvertüre in der Konzertfassung ist dramatisch kraftvoll und dynamisch, das Venusberg-Motiv stark akzentuiert, während die Melodie der Pilger zurückhaltend und weihevoll klingt. Schirmer leitet das Gewandhausorchester mit deutlich klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders in den Duetten Tannhäuser mit Venus und Elisabeth, mit großer Sensibilität und beweist Mut zum Forte, ohne die Sänger dabei zu überdeckeln. Insgesamt ist sein Dirigat unprätentiös. Der Schluss ist ein musikalisch-opulenter Rausch, ein glühender Schmelztiegel stimmlicher Leidenschaft und großer Emotion, der nach dem letzten Ton das Publikum förmlich von seiner Spannung erlöst.
Apropos Publikum. Kaum ist der letzte Ton verhallt, gellt ein Buhruf wie ein Urschrei durch das Haus, der von lautstarken Bravorufen gekontert wird. Beim Regieteam ist das Publikum eindeutig gespalten, Bravorufe und Buhs halten sich da die Waage, wohingegen der Jubel für das Sängerensemble, Chor, Orchester und Dirigent eindeutig ist. Leider macht die Grippewelle auch vor dem Publikum nicht halt, wieder mal stören zahlreiche und laute Huster vor allem an den Piano-Stellen den Kunstgenuss.
Nach all den Aufregungen im Vorfeld dieser Premiere hat diese Inszenierung zumindest eins schon während der Pausen und nach der Vorstellung bewirkt: Es wird heftig diskutiert und gestritten um den Sinn dieser Inszenierung. Der Oper Leipzig muss man auch den Mut anerkennen, nach der Absage von Katharina Wagner das Projekt Tannhäuser nicht aufzugeben, sondern mit dieser Koproduktion einen durchaus interessanten und diskussionswürdigen Beitrag zum Wagner-Repertoire der Oper Leipzig zu liefern. 2019 wird es einen neuen Fliegenden Holländer geben, und 2020 einen neuen Lohengrin, falls Frau Wagner nicht wieder kurzfristig absagt.
Andreas H. Hölscher