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DAS WUNDER DER HELIANE
(Wolfgang Erich Korngold)
Besuch am
18. März 2018
(Premiere)
Wer will schon in einem Land leben, wo das Lachen und das Lieben verboten ist, ja, wo sogar der König die Todesstrafe dafür angesetzt hat. Da kommt ein Fremder daher, der predigt, dass es jedermanns Recht ist, zu lachen und zu lieben. Gleich wird er eingesperrt und zum Tode verurteilt. Aber der König, der diese Gesetze verhängt hat, ist auch auf diesen Fremden neugierig und stattet ihm einen Besuch ab. Schnell wird klar, dass der König und seine Königin kein normales Eheleben führen – sie lässt nicht zu, dass er sie berührt.
Die schöne Heliane, Königin dieses armen Reiches, hat Erbarmen mit dem Fremden und besucht ihn. Es kommt zu einem „coup de foudre“ zwischen den beiden – erst lässt sie ihr Haar herunter, dann lässt sie zu, dass der Fremde ihr die Füße küsst und gibt der Bitte des zum Tode Verurteilten nach, sie nackt sehen zu können. Als der Fremde um eine Liebesnacht bittet, schreckt sie zurück und flieht nackt in die Kapelle, wo sie für seine Seele beten will. Zu dumm, dass gerade dann der König nochmals vorbeischaut und seine Königin zum ersten Mal nackt bei einem anderen Mann sieht. Um seine Unschuld zu beweisen, nimmt sich der Fremde das Leben, und um ihre Unschuld zu beweisen, soll Heliane ihn wieder zum Leben auferwecken. Es passiert nichts. Das Volk ist mittlerweile aufgebracht. Erst als Heliane zugibt, keine Heilige zu sein und nur Liebe für den Fremden zu empfinden, geschieht das Wunder und er erhebt sich von seiner Bahre. Jetzt wird er vom gesamten Volk als oberster Richter anerkannt. Er verkündet die Freiheit zu Lieben und Lachen. Der verzweifelte König ist vor Eifersucht zerfressen und tötet Heliane. In der finalen Apotheose verlassen Heliane und der Fremde diese irdische Welt. Ein Sonnenuntergang in Technicolor wird leider nicht geboten, hätte aber gefühlsmäßig gepasst.
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Man kann sich gut vorstellen, dass die Uraufführung 1927 in Hamburg einen Skandal auslöste – Nacktheit auf der Bühne, Ehebruch, Angriff auf die kirchlichen Grundprinzipien. Es folgten zwölf weitere Produktionen im deutschsprachigen Raum und dann verschwand dieses Werk von den Spielplänen. Sicherlich auch weil der Komponist nach Amerika emigrierte, wo er sich eine erfolgreiche Filmmusikkarriere aufbaute.
Erich Wolfgang Korngold hat aus dieser schwülstigen Geschichte von Hans Kaltnekers mit seinem Librettisten Hans-Müller Einigen ein Werk als Ausdruck einer erotischen Theologie geschaffen mit großem Orchester, großem Chor, großen melodischen Bögen und Partien für Stimmen mit wagnerianischen Anforderungen. Es ist ein Mysterienspiel, das in seinen Dimensionen sehr wohl den späteren Erfolg von Korngold als Filmmusikkomponist erahnen lässt. Es wäre jetzt hämisch zu behaupten, dass man Anklänge von Wagner und Mahler in der Komposition von Korngold heraushört. Aber auch nicht falsch. Zeitlich passt das Werk mit seinen mystizistisch-religiösen Parabeln in die Ära der aufkeimenden Sexualtheorien von Siegmund Freud und den Filmen von Fritz Lang wie Metropolis, der ebenfalls 1927 erschien.
Klugerweise hat Christof Loy die Geschichte einfach nacherzählt, sich auf eine emotionale Personenregie konzentriert. Unterstützt wird er hier von seinem Bühnenbildner Johannes Leiacker und der Kostümbildnerin Barbara Drosihn: Als Einheitsbühnenbild wirkt ein dunkelgetäfelter Saal. Das Licht von Olaf Winter versetzt es entweder in einen düsteren Kerker oder trostlosen Gerichtssaal. Die zeitlos-modernen Kostüme orientieren sich an freudlosen, aber eleganten „kleinen Schwarzen“ für die Chor-Damen und dezenten Anzügen für die Männer. Nur Heliane erscheint im ersten Bild in einem virginalen weißen Abendkleid und danach in Kostümen inspiriert von Marlene Dietrich im Film Zeugin der Anklage.

Sara Jakubiak ist Heliane – eine echt-nackte Eva und Venus zugleich – drückt sie ihre durchaus komplexen Emotionen über ihren sicheren und dramatischen Sopran aus, der mal warm timbriert, mal frigide und kühl ist. Exaltiert und gefühlvoll ist sie in ihrer großen Bekennungsarie Ich ging zu ihm, in der sie gesteht, den mentalen Ehebruch begangen zu haben. Der Fremde wird von Brian Jagde dargestellt. Sein Heldentenor meistert die schwierige Partie mühelos und verleiht Strahlkraft im verklärten Finale. Bariton Josef Wagner als totalitärer und sexual verklemmter König, drückt diese Verzweiflung sowohl stimmlich wie schauspielerisch aus – er ist der hundertprozentige Verlierer in diesem Stück – seine Frau ist hin, sein Reich befreit von seiner Tyrannei und er verbannt ins Exil.
Drei wichtige Nebenrollen sollen nicht unerwähnt bleiben: Okka von der Damerau, mit dunklem Mezzo, ist eine perfekte Botin und Ex-Geliebte des Königs die naturgemäß nichts für ihre Rivalin übrighat. Die Rolle des Pförtners wird von Derek Welton gesungen, lässt mit einem samtigen Bariton aufhorchen und auf größere Rollen hoffen. Tenor Burkhard Ulrich ist der blinde Schwertrichter, der mit meisterlichen Haltung über diese allzu menschlichen Emotionen entscheidet.
Dirigent Marc Albrecht lässt das gesamte Instrumentarium im Orchestergraben auffahren – es wallen die Harfen, die Streicher hören sich an wie im legendären Ensemble der 101 String Orchestra, die Orgel verleiht himmlische Stimmungen. Zudem gibt es wunderbar lyrische Stellen, etwa in der verzweifelten Arie des Königs oder den Momenten der Annäherung des Fremden und Heliane. Wie immer glänzen Chor und Extrachor der Deutschen Oper sowohl stimmlich wie darstellerisch unter der Leitung von Jeremy Bines.
Eine wohlverdiente Wiederentdeckung eines merk-würdigen Stückes. Das Premierenpublikum feiert die Sänger, den Dirigenten und das künstlerische Team mit durchweg einhelligem Applaus.
Zenaida des Aubris