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Die Filmmusik zu Koyaanisqatsi sichert Philip Glass 1983 eine Anhängerschaft über die Reichweite der klassischen Oper hinaus. Der Begründer der Minimal Music, gemeinsam mit Steve Reich und weiteren Avantgardisten, gilt nun als Repräsentant der New Age Movement. Glass wird das Potenzial zugeschrieben, zwischen Moderne und Tradition vermitteln zu können. Ein Jahr nach dem Kinoerfolg schließt der US-Komponist mit Echnaton seine Portrait Trilogy ab, eine Reihe von Opern, die große Persönlichkeiten in den Fokus rücken. Visionäre wie zuvor seine Opern-Protagonisten Albert Einstein 1976 und Mahatma Gandhi 1980, die ihre Epoche nachhaltig prägen und eine neue Welt ohne Gewalt anstreben.
Der musikalischen Struktur nach, die auf dem Prinzip des Repetitiven, der ständigen Wiederholung bei ebenso ständigen minimalen Veränderungen beruht, spricht vieles dafür, den am Stuttgarter Staatstheater uraufgeführten Dreiakter konzertant aufzuführen. Die komponierte Vorlage, eher Theatermusik als Oper, mechanischer und robuster als die beiden Vorläufer, verblüfft immer wieder durch die Vielschichtigkeit ihres Materials. Vielschichtigkeit im Wortsinne. Über die eine von den Instrumentalisten oder den Solisten oder dem Chor gerade aufgebaute Klangschicht türmt sich die nächste, der wiederum unter teils atemberaubenden Wechseln von Tempi und Intensität die nächste folgt.
Den Spielplanmachern im Bonner Haus liegt allerdings nichts ferner, als die interessierte Öffentlichkeit mit diesem Unikat eines Grenzgängers vertraut zu machen. Vielmehr setzen sie mit dem Engagement der Regisseurin Laura Scozzi auf ein dezidiert politisches, im besten Sinne aufklärerisches Projekt. Das erinnert an Lessings Idee des Theaters als moralische Anstalt. Die Faszination, die der ägyptischen Pharao aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert in Glass auslöst, beruht im Kern auf dem Charisma Echnatons, der seine Idee einer einzigen universalen Gottheit für die gesamte Menschheit allein aus der Kraft seiner Ideen entwickelt. Die bis dahin geltende Vielgötterei ersetzt Akhnatan, wie Glass ihn schreibt, durch einen monotheistischen Kult, den der Herrscher mit allen Mitteln seiner Macht im Volk zur Geltung bringt. Nichts weniger als eine Kulturrevolution über 3300 Jahre vor unserer Zeit. Für die Begriffe des Komponisten ist dieser Pharao so außergewöhnlich, so einzigartig, dass er ihn mit einem Countertenor besetzt. In der Stuttgarter Uraufführung war es Paul Esswood. „Es war ein Weg“, schreibt Glass in seinen Notizen zur Genesis des Werks, „um mit einfachsten Mitteln musikalisch und dramatisch zu zeigen, dass dieser Mann mit nichts zu vergleichen war.“
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Das elementare Interesse der Regisseurin wiederum resultiert weniger aus der Figur des Häretikers, vielmehr aus dem von ihm initiierten radikalen theologischen Paradigmenwechsel. Ihre für Bonn entwickelte szenische Neudeutung dreht sich um die Interdependenz zwischen Monotheismus und Gewalt, die sich im Judentum, im Christentum und im Islam aufzeigen lässt. Es sind Religionen, die der Anspruch eint, die einzige Wahrheit für sich zu reklamieren und dieses Privileg selbstverständlich in Kreuzzügen mit Waffengewalt gegen „Ungläubige“ oder Andersgläubige durchzusetzen. „Wäre es möglich“, hat sich Scozzi gefragt, „dass es im genetischen Code des Monotheismus einen Samen der Gewalt gäbe, der Botschaften von Liebe und Brüderlichkeit in Hassreden und Intoleranz verwandelt?“ Was unter dem Strich als Resultat einer profunden Reflexion herausgekommen ist? Nun, ein sich über zweieinhalb Stunden erstreckendes kraftstrotzendes Musikdrama, dem jedes Mittel zum Transport seiner Botschaft recht ist, von der ahistorischen Überdehnung der Vorlage und der Überfrachtung ihrer Figuren über die Befeuerung der aktuellen Diskussion um Terror und Islamismus bis hin zur ungenierten Anwendung von Trivialkunst und Kitschsymbolen.
Für ihr Regiekonzept der Konfrontation und Enthüllung hat sich Scozzi das Konstrukt einer dramaturgischen Parallelwelt einfallen lassen. Touristen, mutmaßlich für eine Erkundungstour eingeflogen, besichtigen die mit der Video-Animation von Stéphane Broc eingespielten Ruinen von Achetaton. Es ist die antike Stadt, die Echnaton errichten lässt und die mit der Zerschlagung seiner Herrschaft der Zerstörung preisgegeben wird. Das nicht allein. Die simple, aber effektvolle von Natascha Le Guen de Kerneizon ersonnene Bühne aus mobilen Mauerelementen vermittelt nicht nur eine Vorstellung von den Palästen zu Theben und Achetaton. Zugleich beherbergt sie den Unterrichtsraum einer heutigen Schulklasse, womit die Ergänzung der archaischen Zeitebene durch eine heutige perfekt wird. Es ist schon sehr realitätsnah, wie sich die Schulklasse in Designerjeans und Nike-Kluft in Szene setzt. Für alles scheinen die Mädchen und Jungen Sinn und Aufmerksamkeit zu haben, nur nicht für ihren Lehrer und dessen Unterricht. Die Jugendlichen fläzen sich auf Tischen und Bänken, sprechen durcheinander, schreien sich an, werden aggressiv. Einige von ihnen prügeln sich. Unwillkürlich möchte man nach einem Smartphone-Verbot rufen, um den ständigen Selfies ein Ende machen zu können.
Unter diesen Jugendlichen, die zu Beginn der Aufführung eine Power-Point-Präsentation zur Geschichte Echnatons weitgehend mit Desinteresse über sich ergehen lassen, fällt ein Mädchen aus dem Rahmen. Es ist die von Scozzi erfundene Figur der Marie, eine Außenseiterin. Sie sondert sich ab, verliert sich in ekstatischen Zuckungen, versinkt in Träumen. Biografisch, später exemplarisch wird der Werdegang dieser Marie – eindrucksvoll Katharina Platz in einer stummen Rolle – von der Begegnung mit dem Religionsführer an, der ihr ein Buch überlässt, vielleicht ein Vorläufer von Tanach, Bibel und Koran. Unter dem Eindruck dessen Inhalts macht sich Marie auf, ihre Identität in die einer Dschihadistin zu verwandeln, von der blanken Verweigerung hin zur radikalen Gefolgschaft. Die langen Haare fallen, eine rituelle Reinigung folgt. Sie passt ihre Kleidung den weißen Gewändern an, die die Kostümbildnerin Fanny Brouste für den Pharao und seine Equipage ausgesucht hat. Das Ende mit Blut und Sprengstoff ist absehbar. Marie zündet die an ihrem Körper fixierte Bombe, die Verbindung von religiöser Ideologie und Gewalt ist erschreckende Wirklichkeit geworden.
Ist es am Ende der Terror, der „die Botschaften von Liebe und Brüderlichkeit“ erstickt, so ist der Weg zu dieser bitteren Erkenntnis wenigstens mit unterhaltsamen Ingredienzien gespickt. Die Schülerinnen und Schüler können mehr als kollektive Ödnis, erweisen sich als großartige Hip-Hop- und Breakdance-Tänzer. Was sie mit gelegentlich atemberaubendem Tempo auf die Planken bringen, ist Ergebnis einer intensiven Zusammenarbeit mit Scozzi, die so ihre Provenienz als Choreografin äußerst produktiv einbringt. Banalitäten mischen sich mit Kreationen. Stühle und Tische werden in ritualisierten Abläufen verrückt oder gestapelt, die der Partitur nachempfunden sind. In konditionierten Laufwegen bewegen sich Statisten von der Bühne, um Sekunden später auf dieselbe zurückzukehren. Sind diese Auftritte bisweilen ermüdend, gefällt die Aktion einer Sprayer-Gruppe um Robin Brune umso mehr. Auf ergötzliche Weise trägt sie einen Streit um die Größe der jeweiligen Gottesvorstellung aus. Erheiterung und Erleichterung im Publikum, als sich der Konflikt in der gekonnten Graffiti-Zeichnung einer Friedenstaube auflöst.

Musikalisch führt das Beethoven-Orchester Bonn unter Leistung des Ersten Kapellmeisters Stephan Zilias ein komfortables Eigenleben. Irgendwie scheint Zilias von dem Zwang befreit, sich permanent auf die wechselnden Bilder auf der Bühne einstellen zu müssen. Was in der Gesamtanlage dieser Produktion wenig zusammenpasst, muss auch nicht angestrengt gekittet werden. So entfaltet sich über die Strecke der Aufführung ein prächtiger Glass-Sound mit einer ungewöhnlich tiefen Grundierung. Der Komponist hat wegen der Kapazitäten im Orchestergraben der Staatsoper Stuttgart total auf Violinen verzichtet. Mal klingt das Orchester wie ein überdimensioniertes Akkordeon, mal wie eine riesige Kinoorgel, bei der die Pfeifen großzügiger und raffinierter gesetzt sind als üblich. Zu der Suggestivkraft dieses Sounds tragen einmal mehr Chor und Extrachor des Theaters Bonn in der Einstudierung von Marco Medved bei, denen eine prachtvolle sphärische Aufführung gelingt.
Unter den Solisten, die allesamt die enormen sprachlichen Anforderungen des Textes meistern, ragt der Countertenor Benno Schachtner in der Titelpartie nicht nur seines besonderen vokalen Faches wegen heraus. Der Balsam, den seine Stimme verströmt, adelt ihn gleichsam als Propheten einer metaphysischen Welt. Die Mezzosopranistin Susanne Blattert als Nofretete, seine Angetraute, und die Sopranistin Marie Heeschen in der Rolle seiner Mutter Teje zeichnen ihre Charaktere mit gesanglicher Prägnanz und emotionalem Ausdruck. In weiteren Rollen überzeugen Giorgos Kanaris, Johannes Mertes, Martin Tzonev. In den Sprechrollen von Amenhotep und Lehrer lässt Thomas Dehler auf angenehme Art aufhorchen.
Findet die Regisseurin in ihrer Deutung am Ende eine Antwort auf die selbst gestellte Frage? Leider nein. Sie flüchtet sich in einen vagen, keineswegs originellen Ausblick. Der Ort dabei ist das Klassenzimmer des Anfangs. Nun sitzen Kinder in den Schulbänken, lauschen aufmerksam der Geschichte aus dem alten Ägypten, die ihnen der Lehrer erzählt. Nichts ist zu Ende, alles beginnt, steht in Kreide auf der großen Tafel. Nach so viel Analyse wenigstens der Hauch einer konstruktiven Zukunft. Aber die gibt es a priori bekanntlich mit jeder neuen Generation.
Das Publikum im nicht voll besetzten Haus, darunter viele junge Leute, reagiert mit prasselndem Applaus, in den sich schon früh Jubelrufe für alle Mitwirkenden mischen. Vor allem die Tänzer alias Schüler werden frenetisch gefeiert. The show is the message, frei nach Marshall McLuhan. Auch das eine Erkenntnis.
Ralf Siepmann