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PARSIFAL
(nach Richard Wagner)
Besuch am
22. März 2018
(Premiere am 1. März 2018)
Schon die Anreise ist ein Abenteuer für den Besucher. Immerhin kommen Lieschen Müller oder Otto Normalverbraucher nicht oft in ein Gefängnis. Durch ein offenes Tor auf das Gelände der Vollzugsanstalt Tegel, entlang einer sehr langen, schönen, hohen Ziegelmauer, sucht man den Eingang zu Tor 2, der sich sinnigerweise hinter Tor 1 und 3 befindet. Hier wird dann gegengecheckt, dass man auch diejenige ist, die man vorab mit Ausweis zu sein angegeben hat. Alle Wertsachen, Handys, Schlüssel, Regenschirme werden abgegeben, körperliche Abtastung, nochmalige Kontrolle, dann durch eine, zwei, erst die dritte verschlossene Türe gibt den Ort frei, wo die Aufführung stattfinden wird.
Wir befinden uns jetzt im imposanten Stern, von hier aus konnten die Wächter am effektivsten mehrere Trakte im Auge behalten. Die JVA Tegel ist die größte geschlossene Justizvollzugsanstalt Deutschlands und wurde ursprünglich unter Kaiser Wilhelm II. 1896 erbaut und über die folgenden Jahrzehnte immer wieder modernisiert und erweitert. Der Stern gehört noch zu den ersten Bauten und beeindruckt durch die immense Dicke des Mauerwerkes, die kleinen Fenster und die Stahlgitter und Türen – die aber doch einen gewissen ästhetischen Anspruch zeigen.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Endlich angelangt, sitzt man auf Bänken oder Stühlen. Es ist Platz für etwa 50 Besucher. Eine Bühne gibt es nicht, nur eine kleine freigehaltene Fläche, vergitterte Türen links, rechts, hinten und vorne. Weil der Stern ein inneres Atrium darstellt – vielleicht hat hier der berühmte Architekt John Portman seine Idee für Luxushotels mit offenen, inneren Flächen gefunden – und über drei Stockwerke nach oben offen ist, befindet sich darüber ein sehr stabiles Sicherheitsnetz, das an den Wänden befestigt ist. Auf dem Vorsprung des ersten Stockes steht ein Klavier. Auf der gegenüberliegenden Seite – Geige I und II, Bratsche, Cello – das Streichquartett, bestehend aus Studierenden der Hochschule für Musik Hanns Eisler, ersetzt ein volles Wagner-Orchester. Im Programmheft ist zu lesen, dass es vorwiegend Texte aus Wagners Parsifal sind, aber auch George Orwells 1984, Friedrich Dürrenmatts Wiedertäufer und Klaus Kinskis Jesus Christus Erlöser, die wir hier zu hören sein werden. Regisseur Peter Atanassow und sein Dramaturg Daniel Dumont haben sich entschlossen, eher Texte aus der zweiten Prosa-Fassung von Wagner zu verwenden.
Schon 1998 – also vor 20 Jahren – hat aufBruch – Kunst Gefängnis Stadt als freies und unabhängiges Theaterprojekt seine Arbeit angefangen und macht jedes Jahr mindestens eine Theaterproduktion in einem der sieben Berliner Gefängnisse. Alle interessierten Gefangenen melden sich freiwillig und können ihr kreatives Potenzial und Talent ausleben. Sie entscheiden, ob sie unter ihrem eigenen Namen oder einem Pseudonym agieren. Seit dem Anfang dieser Initiative haben schon über 1500 Insassen an Produktionen teilgenommen. Für Parsifal hat Regisseur Peter Atanassow eine Probenzeit von 10 Wochen angesetzt. Zwar nur einige Stunden pro Tag, aber es wurde kontinuierlich an dem Stück, der Konzeption, der Auswahl der Rollen oder dem Textstudium gearbeitet. Zum ersten Mal konnte das Education-Programm der Berliner Philharmoniker als Kooperationspartner dazu gewonnen werden. So konnte Simon Rössler, Schlagzeuger bei den Philharmonikern, diverse Teile der Wagner-Partitur für eine zweistündige Fassung für das Streichquartett erstellen, zusammen mit Vsevolod Silkin, der dann auch die musikalische Einstudierung übernahm und am Klavier mitwirkte. Rössler ist auch für die musikalische Leitung und Klanginstallationen verantwortlich.

Gespannt erwarten alle Besucher den Anfang der Vorstellung. Ein riesiges Kreuz schleppend, erscheint Karim – vermutlich auf seinem letzten Gang wird er angepeitscht von seinem Peiniger Khaled als römischer Legionär – wird er von dem Wiedertäufer Khaled über den Sinn des Lebens befragt, während der Sänger Mehmet Öz ein arabisches Lied im Off singt. Erst als der Gekreuzigte abgeht, tritt Amfortas hervor und klagt sein Leid, das von der weither angereisten Kundry hoffentlich wieder gelindert wird und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Der Eindringling Parsifal, von Jonas verkörpert, sieht sich verwirrt um. Stämmig und mit Unschuldsblick rezitiert Jonas den Text – man nimmt ihm den reinen Tor völlig ab. Auch der Amfortas von Joker ist voller Leid und Leidenschaft vorgetragen. Im ersten und dritten Akt wird Kundry von Lasha verkörpert. Im einfachen Kleid und Mantel mit Kopfbedeckung verleiht er der rätselhaften Figur von Kundry Persönlichkeit. Der Chor bringt den Text mit ursprünglicher, roher Kraft.
Zum zweiten Akt wird das Publikum gebeten, den Ort zu wechseln. Es geht Treppen hinauf in einen Duschraum. Man sitzt ringsum auf Bierbänken und lauscht gespannt, wie dem Winston aus 1984 – hier von Karim herrlich naiv ausgedrückt – die Realität der Folter und eine Mitgliedschaft in einer Bruderschaft erklärt wird. Komplett mit Waterboarding-Beispiel an einem halbnackten Gefangenen.
Erneuter Platzwechsel, Treppen wieder hinunter in einen anderen Trakt. Wir sind in Klingsors Welt angekommen. Bühnenausstatter Holger Syrbe hat güldenen Deko-Samt über das Treppengelände drapiert und einige blinkende, farbige Neonanzeigen, die auf Klingsors Bar deuten, angebracht. Mehr braucht es auch nicht. Natürlich gibt es hier keine Blumenmädchen. Stattdessen gibt sich Parsifal einem Dreikampf mit Chargen aus Klingsors Reich hin. Jetzt tritt Judith Kamphues, diplomierte Bühnen- und Konzertsängerin, die auch mit der Chorgruppe der Gefangenen gearbeitet hat, auf und singt Kundrys Monolog. Ihr kultivierter, dramatischer Sopran verleiht der Verführerin besondere Kraft. Kostümbildner Thomas Schuster lässt Sie einen eleganten Hosenanzug und Pelzjacke tragen. Man merkt, wie Parsifal sie anblickt, als sei sie von einer anderen Welt. Besonders beeindruckend ist Moglie als schwarz kostümierter Klingsor, der um sein Reich und den heiligen Speer kämpft. Letztendlich nimmt Parsifal es ihm ab, um zusammen mit dem Publikum ein letztes Mal wieder in den Stern-Saal zu wandern.
Die Chöre, der Karfreitagszauber und das Gral-Ritual des dritten Aktes werden begleitet von Videoprojektionen auf die nackten Wände von mittelalterlichen Kreuzrittern und Frühlingserwachen, ausgesucht und zusammengestellt von Pascal Rehnolt. Amfortas wird mit dem Heiligen Speer geheilt, der tote Titurel – auf einem Sackkarren angefahren – wird zusammen mit Kundry zur ewigen Ruhe getragen und Parsifal ist nun Teil der Bruderschaft.
Das Publikum ist, zu Recht, rundum begeistert von der Leistung der Darsteller und des künstlerischen Teams. Nach dem langanhaltenden Schlussapplaus gibt es noch Gelegenheit, mit den Gefangenen und dem Team zu sprechen. Das hat auch einen ganz pragmatischen Grund – die Zuschauer müssen ja jetzt wieder die drei verschlossenen Türen in kleinen Gruppen durchgehen, um in die Freiheit zu gelangen.
Zenaida des Aubris