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NABUCCO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
25. März 2018
(Premiere am 10. März 2018)
Dortmunds scheidender Opernintendant Jens-Daniel Herzog gibt mit seiner Abschiedsinszenierung Verdi die Ehre, zum dritten Mal in seiner Intendanz seit September 2011, nach Don Carlo und Otello. Dieses Resümee lässt sich vielleicht mit einem leichten Augenzwinkern verbinden. Mit seiner dritten Oper hat sich der 29-jährige Verdi endgültig im Opernbetrieb etabliert. Das Werk wird in den drei Jahren nach der Mailänder Uraufführung 1842 an mindestens 33 italienische Bühnen übernommen. Der triumphale Erfolg des Dramma lirico, beflügelt durch die kollektive Stimmungslage im italienischen Risorgimento, führt den bodenständigen Komponisten erstmals ins Ausland. Verdi dirigiert im April 1843 die Wiener Premiere seines Nabucco höchst eigenhändig. Das Gedankenspiel liegt förmlich in der Luft. Wechselt mit Herzog zu Beginn der neuen Spielzeit nun ein Etablierter zum Staatstheater Nürnberg? Und lassen sich auf dieser Folie womöglich Rückschlüsse zwischen der Theaterkunst und dem kulturellen Establishment ableiten? In Franken oder generell?
Herzogs finale Dortmunder Regiearbeit bietet für solche Spekulationen keine Anhaltspunkte. Ihm geht es offensichtlich nicht um Affirmation von ancient heroes oder auch nur um Verständnis mit den Auserwählten, seien diese weltliche Herrscher oder Religionsführer, die Gott Jahwe oder dem Götzen Baal folgen. Seine Sicht auf Unterdrücker und Unterdrückte erzählt von der Alltäglichkeit der Barbarei, von der Selbstverständlichkeit eines ewigen politischen Machiavellismus und der stupenden Erfahrung, wie weit der Machthunger von Regenten sie selbst und ganze Völker in die Tiefe stürzen lässt. Von Potentaten, die zwar dank ihres Spitzelapparates alles sehen, jedoch nichts verstehen. Damals wie heute.
Vor diesem Hintergrund ist natürlich eine Nabucco-Aufführung im Stil einer sakralen Weihestunde mit einem alles verklärenden Finale unvorstellbar. Erst recht nicht mit dem Protz der babylonischen Glanzzeit, die im Rausch architektonischer Superleistungen ihre Krönung findet. „Leidenschaftlich tiefschwarz“ empfindet Herzog die Handlung. Das ist dramaturgisch treffend. Das Schicksal der gefangen gehaltenen Hebräer und der von Fundamentalisten bedrohten Babylonier liegt in den Händen einer Clique von Opportunisten und Psychopathen. Die elementaren politischen, ethnischen und religiösen Konflikte kulminieren in fragilen Familien- und Liebesbeziehungen, was zwar der Kunst der Oper gut tut, nicht aber der Lage der Volksmassen. Die Titel- und Schlüsselfigur Nabucco, der König von Babylonien, verwechselt Staatsräson mit Verantwortung gegenüber seiner kreuzbraven Tochter Fenena, setzt mit Abigaille – quasi seine zweite Tochter – prompt auf das falsche Pferd. Diese Furie, ein politisches Supertalent, Prototyp eines archaischen Machiavellismus, ist im fanatischen Kampf zur Verdeckung ihrer Lebenslüge jederzeit bereit, ein ganzes Volk ins Verderben zu führen.
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Was ist und wo liegt Babylon? Ganze Generationen von Komponisten und ihren Librettisten vom jungen Gioachino Rossini mit Ciro in Babilonia bis zu Jörg Widmanns Babylon in der heutigen Zeit haben sich im biblischen Kapitel der Operngeschichte damit befasst, dem Mythos beizukommen. Auch die Dortmunder Nabucco-Inszenierung bietet eine Lösung, ohne dabei indes dogmatisch, kryptisch oder populistisch zu werden. Herzog lässt die Schauplätze seiner Deutung dank der Drehbühne des Hauses ständig zwischen dem Tempel zu Jerusalem und dem Palast in Babylon wechseln. Dabei von monumentalen Hallen, hängenden Gärten und lieblichen Euphrat-Auen nicht die geringste Spur.
Das Erscheinungsbild dieses archaischen Polit-Tatorts im Bühnenbild von Mathis Neidhardt und den Kostümen von Sibylle Gädeke wird bestimmt von der Ikonographie einer mediokren Diktatur lateinamerikanischen oder nordafrikanischen Zuschnitts. Der Zuschauer bekommt auf wechselnden Schauplätzen das schmutzige Treiben hinter Mauern zu sehen, quälende Einblicke in Verhör- und Folterzellen. Ein veritables Waschbecken legt die Vorstellung nah, wie sich die Schergen nach vollendetem Handwerk das Blut von den Händen waschen. Henker haben in diesem Babylon Hochkonjunktur. Nabucco am Schreibtisch, sein Porträt auf Leinwand über sich an der Wand, unterschreibt im Habitus eines Oberbefehlshabers von Polizeitruppen Todesurteile wie am Fließband.
Wieder und wieder umkreist Abigaille die Opfer, mit der Vehemenz einer Botin des Terrors. Geiselnahmen wie die in der US-Botschaft von Teheran 1979 – 1981, an die Herzog expressis verbis erinnert, Attentate und Erschießungen bestimmen die DNA dieser Produktion. Die glückliche Fügung des Originals ist hier chancenlos. Während im Libretto von Temistocle Solera Nabucco den Hebräern die Freiheit schenkt und diese ihre Errettung in Verdis phänomenalem Schlusschor feiern, sterben die Unterdrückten in den Gewehrsalven des Terrorregimes. Eine deprimierende wie packende Assoziation an den Holocaust, der sich zweieinhalb Jahrtausende später ereignen wird.

Im hoch engagierten Vokalensemble avanciert in der schillernden Rolle der Abigaille Gabrielle Mouhlen zur Offenbarung der Aufführung. Verdi verlangt mit dieser polarisierenden Partie mit ihrer ausgreifenden Tessitura jeder Interpretin Enormes ab, insbesondere einen großen Stimmumfang von der mittleren Mezzo-Lage bis hin zum Register des dramatischen Soprans, zudem äußerste Intervallsprünge. Mouhlen, meist nicht zufällig gewandet in Rot, leistet dieses Pensum in beeindruckender Manier und kämpferischer Pose. Sangmin Lee als Nabucco fungiert gleichsam als ihr Gegentyp. Sein schöner Bariton zeichnet die Wankelmütigkeit des Königs, seine psychopathologischen Züge und seine Menschlichkeit, die er als Vater spüren lässt, innig und samtig, mit Anleihen fast schon an das Belcanto-Fach. Auch spielerisch liefert er in der Denaturierung des Herrschers zum gebrochenen Mann eine große Leistung ab. Als Fenena findet Almerija Delic betörende Mezzo-Nuanen, die die Stilisierung der leidenden Seele als Gegenentwurf zu Abigaille glaubhaft machen. Fast so etwas wie eine frühe italienische Studie einer Kundry, die einige Jahrzehnte später auf der Bühne erscheinen wird.
In der Tenorpartie des Ismaele, von Verdi stiefmütterlich behandelt, agiert Thomas Paul nach besten Kräften und gegen das Schicksal antrotzend, das nicht auf seiner Seite ist. Last not least kann sich das Dortmunder Haus glücklich schätzen, die von Verdis Zuneigung nur so strotzende Figur des Zaccaria mit dem Bassbariton Karl-Heinz Lehner besetzen zu können. Er verleiht der Gestalt des Hohepriesters der Hebräer vokalen Adel und menschliche Würde, so im Gebet des zweiten Aktes bei solistisch wunderbarer Cello-Begleitung, im martialischen Solo des dritten Aktes unter brausender Anteilnahme des Chores. In weiteren Rollen komplettieren Morgan Moody als Oberpriester, Fritz Steinbacher als Abdallo und Enny Kim als Anna den vorzüglichen vokalen Gesamteindruck. Apropos Chor: Der von Manuel Pujol vorzüglich eingestellte Opernchor und Extrachor des Theaters Dortmund steigert sich im Klangrausch der Massenszenen in eine große Form, nicht nur in der inoffiziellen italienischen Hymne Va, pensiero, mit der der junge Komponist direkt ins Herz seiner Landsleute in ihrer babylonischen Gefangenschaft seitens der Habsburger trifft.
Die Dortmunder Philharmoniker unter der gekonnten musikalischen Leitung Motonori Kobayashis stellen sich einfühlsam auf den Aplomb wie die lyrisch gewebten Feinheiten dieser Partitur ein, ohne die Sänger unter dem melodiösen Gewitterhagel chancenlos zu lassen.
Was ist und wo liegt Babylon? Für diesmal und für die Begriffe des Publikums ist die Frage beantwortet, wenn auch nicht mit konventionellen Chiffren. Immer wieder zögerlich einsetzender Szenenapplaus steigert sich nach dem Schlussvorhang zu einem klaren empathischen Bekenntnis für die Gesamtleistung. Die Geschichtlichkeit der Barbarei erlaubt keine Pracht, natürlich die der Musik ausgenommen.
Ralf Siepmann