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NOCTURNO
(Leonor Leal)
Besuch am
30. März 2018
(Deutsche Erstaufführung)
Wenn jemand ein Meister seines Fachs ist, das Handwerk also von der Pike auf gelernt hat, bis er es eben meisterlich beherrscht, dann wird es Zeit für ihn, die Grenzen des Fachs zu sprengen. Was im Handwerk für Innovation sorgt, ist für die Kunst überlebensnotwendig. Eine solche Meisterin ist Leonor Leal, die im Rahmen des Düsseldorfer Flamenco-Festivals am Tanzhaus NRW ihre Arbeit Nocturno no 3 erstmals in Deutschland vorstellt.
Leal ist in Jerez de la Frontera geboren und aufgewachsen. Sie wurde im klassischen und spanischen Tanz ausgebildet, ehe sie sich dem Flamenco in Jerez und Sevilla widmete. Nach ihrem Weg durch bedeutende Tanzkompagnien stellte sie 2008 ihr erstes eigenes Werk Leoleolé in Jerez vor. Damit gelang ihr der Durchbruch. Überzeugt sie in ihren früheren Arbeiten vor allem als klassische Flamenco-Tänzerin respektive Choreografin, geht sie mit ihrem Stück Frágil aus dem Jahr 2016 eigene Wege. Gesang, Gitarre und das rhythmische Händeklatschen wurden von Michio Woirgardt in Personalunion und weitgehend elektronisch übernommen, der Flamenco um Elemente des zeitgenössischen Tanzes erweitert. Was bleibt, ist die erotische Ausstrahlung, die sie mit ihrer Kostümwahl unterstützt.
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Nocturno beruht auf einem durchaus poetischen Ansatz. „Bevor ich einschlafe, schließe ich die Augen und sehe mich tanzen. Ich stelle mir die Bewegungen vor, die den Raum besingen, den ich beherrsche. Ich speichere sie über den Klang, und mit meinem Körper tätowiere ich die Luft“, beschreibt Leal den Ausflug in nächtliche Gedanken, der auf der Bühne vor ausverkauftem Haus stattfindet. Die Bühne ist leer und dunkel. Im Hintergrund steht links ein Tisch, rechts davon ein Schlagwerk, auf der linken Seite Stühle und Mikrofone für den Gitarristen. Auf der freien Fläche davor sind symmetrische Linien aufgetragen, deren Notwendigkeit sich nicht erschließt. Ein paar Requisiten liegen herum. Leal, die zu Beginn der Aufführung auf einem der Stühle gesessen und gelesen hat, erhebt sich und sammelt sie ein. Im Geschäftsanzug mit weißer Bluse wirkt sie dem Flamenco entrückt, fast schon unterkühlt. Einzig die goldfarbenen Schuhe mit hohen Absätzen lassen noch etwas von der Tradition erahnen. Während Leal die Requisiten zum Tisch trägt, betreten Perkussionist Antonio Moreno und Gitarrist Alfredo Lagos die Bühne und nehmen ihre Arbeitsplätze ein.

Maria Muñoz schuf gemeinsam mit Pep Ramis 2001 ein Zentrum für künstlerische Kreation und Austausch in einem alten Gebäude in der Nähe von Girona, einer Kleinstadt im Nordosten Kataloniens. Hier entstand unter ihrer Mithilfe Nocturno. Und offenbar war das ein guter Einfluss. Denn was Leal, Moreno und Lagos auf die Bühne bringen, ist eine glaubwürdige und überzeugende Weiterentwicklung des Flamencos in das 21. Jahrhundert. Leal geizt zunächst mit den klassischen Flamenco-Elementen, verlässt sich auf Pirouetten und modernen Tanz, ehe sie überzeugend darlegt, dass sie auch die traditionellen Flamenco-Bestandteile nicht vergessen hat. Die Musik dient nicht länger dem Tanz, sondern tritt gleichberechtigt neben ihm auf. Und wie. Moreno ist am wenigsten an seinen Trommeln interessiert, sondern traktiert die Requisiten auf dem Tisch, bis Leal sie ihm entzieht; dann bevorzugt er den Tisch als Schlaginstrument. Das funktioniert deshalb gleichberechtigt, weil alles elektronisch verstärkt ist, selbst die Holzplatte und das Stahluntergestell des Tisches. Ebenso wie die Schuhe der Tänzerin, die nicht nur den Schlag der Baila wiedergeben, sondern auch das Schaben und Kratzen, das sich mit den Klängen der virtuosen Musik von Lagos mischt.
Auch, wenn die Fußbewegungen zum großen Teil unter den weiten Hosenschlägen verschwinden, der Flamenco-Gesang einem dadaistischen Sprach-Kunstwerk weichen muss und man die Palmas allenfalls in den faszinierenden Trommeleinlagen des Perkussionisten mit der Hand auf der Tischplatte erahnen kann, ist Leal hier ein genialer Sprung nach vorn gelungen. Hier versinkt der Flamenco nicht in folkloristischen Annalen, sondern breitet sich frisch, unverkrampft und dem Neuen zugewandt in die Zukunft aus. Dass es Leal nicht gelingt, die Erotik ihrer früheren Arbeiten in die Neuzeit zu retten, ist eine Fußnote, die leicht behoben werden kann.
Das Publikum möchte so gern immer wieder zwischendurch applaudieren, allein, das lässt die Choreografie nicht zu. Umso stürmischer ist der Applaus, als das Stück nach etwas mehr als 60 Minuten sein Ende findet. Und erstmals seit der Berichterstattung von O‑Ton aus dem Tanzhaus gibt es die Situation, dass der Beifall durch das Aufdrehen des Saallichts abgewürgt wird. Was es nicht alles gibt. Die Zuschauer haben jedenfalls am heutigen Karfreitag, dem traurigsten Tag in der Christenheit, den Beginn der Zukunft des Flamencos erlebt.
Michael S. Zerban