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Für viele Christen ist es zu Ostern eine Selbstverständlichkeit, die Osternachtsmesse zu besuchen. Und für viele Wagnerianer, unter denen es auch viele Christen gibt, ist es ein Muss, am Karfreitag Parsifal zu besuchen. An vielen deutschen Opernhäusern steht daher am Karfreitag Wagners letztes Werk, sein „Bühnenweihfestspiel“, auf dem Spielplan. Ist es nur der dritte Aufzug der Handlung, der an einem Karfreitag spielt, und die musikalische Umsetzung des „Karfreitagszaubers“, oder ist die rituelle Handlung in diesem Werk vielleicht sogar ein Ersatz für den Gottesdienst zu Ostern? Das Werk selbst erlebte unmittelbar nach Ablauf der 30-jährigen Schutzfrist 1914 seine sächsische Erstaufführung im anno 1909 eingeweihten Chemnitzer Opernhaus, was der Stadt den ehrenvollen Beinamen Sächsisches Bayreuth einbrachte. Mit Parsifal wurde dieses Haus auch 1992 nach der Rekonstruktion wiedereröffnet. Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner im Jahre 2013 ehrte die Stadt den Komponisten mit einer Neuinszenierung des Bühnenweihfestspieles in einer Inszenierung von John Dew. Diese Inszenierung steht nun am Karfreitag als Wiederaufnahme auf dem Chemnitzer Spielplan. Und wer sich mit der Vita von John Dew beschäftigt, weiß, dass eine Inszenierung des Parsifal von ihm nicht ohne religionskritische Untertöne über die Bühne gehen wird. Die Frage ist, aus welcher Perspektive Dew das Werk betrachtet. Und die Antwort ist so verblüffend wie einfach: Aus Wagners Perspektive. Um Dews inszenatorischen Ansatz verstehen zu können, muss man ein frühes Erlebnis von ihm mit Wagner voranstellen.
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John Dew beschreibt seinen emotionalen Ausnahmezustand, als er 1964 als Zwanzigjähriger zum ersten Mal im Bayreuther Festspielhaus war und den Parsifal erlebte. „Mitten im zweiten Akt, in dem Augenblick, wo Parsifal seine erste Anregung des Mitleids erfährt, erfasste mich ein Gefühl des Unvollkommenen, eine Gewissheit, dass mein Leben sich anders entwickeln musste als bis dahin. Ich wurde von Weinen überwältigt. Ich glaube jetzt, dass dieser Moment der erste Schritt war, den ich aus der Kindheit getan habe. Die erste Erkenntnis des Mitleids. Was ich seither an Geistesentwicklung mitgemacht habe, begann an jenem heißen Augusttag, als ich die Worte Amfortas! Die Wunde! hörte“, schreibt er. Dieses Schlüsselerlebnis des jungen John Dew wird noch um so prägnanter, wenn man in die Historie zurückgeht und schaut, wer da in Bayreuth am 13. August 1964 im Parsifal mitgewirkt hat: In der legendären Wieland-Wagner-Inszenierung dirigierte Hans Knappertsbusch das Festspielorchester, sang John Vickers den Parsifal, Thomas Stewart den Amfortas, Hans Hotter den Gurnemanz, und Babro Ericson die Kundry. Diese Aufnahme ist als Referenzaufnahme für die Nachwelt erhalten. Das alles muss man im Hinterkopf haben, wenn fast 50 Jahre nach diesem Erlebnis Dew seinen Parsifal in Chemnitz in Szene setzt.

Der Kernsatz seiner Inszenierung, am Schluss als Projektion eingeblendet, ist Wagners These. „Da, wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbehalten, den Kern der Religion zu retten.“ Dew folgt dem Prinzip von These und Antithese. Gemeinsam mit dem Regisseur Marcelo Buscaino, der Dews Konzept mit großer Intensität in Chemnitz umsetzt, werden durch die ausdrucksstarken und oft mystisch erhöhten und überdimensionalen Bühnenbildern von Heinz Balthes sowie den teilweise abstrakten Kostümen von José Manuel Vázquez und einer subtilen Lichtregie von Matthias Klemm Momente großer dramatischer Dichte erzeugt. Dazu zählt auch ein riesiges, langsam nach oben schwenkendes Weihrauchfass sowie der Aufzug der Gralsritter mit gut 20 in blau und später rot leuchtenden Lanzen, die die Überreste des Gralstempels symbolisieren.
Der erste und dritte Aufzug zeigen aus Wagners Perspektive die christliche Religion, der zweite Akt mit Klingsor als Antipoden die Religionskritik. Im ersten Aufzug sieht man zu Beginn eine große Inschrift, wie ein Tisch geformt, der bei genauem Hinsehen die Namen von vier großen Kirchenlehrern der Spätantike beinhaltet. „Augustinus, Hieronymus, Gregorius und Ambrosius“, steht da geschrieben. Eine wie ein dreiflügliger Wandaltar wirkende große Schultafel, auf der die Gralsgeschichte aufgemalt ist, dient Gurnemanz als Hintergrund für seine lange Erzählung im ersten Aufzug. Amfortas erscheint als Kirchenfürst in großer Robe, während Gurnemanz und die Gralsritter in Mess- oder Mönchsgewändern den christlichen Bezug der Gralssage symbolisieren. Das überdimensionale, über den Gralsrittern schwebende Kreuz, einer Dali-Darstellung des Gekreuzigten nachempfunden, symbolisiert die Last und die Qual, die Amfortas mit sich trägt.
Die Antithese folgt im zweiten Aufzug. Die große Inschrift enthält jetzt die Namen von vier Philosophen der Neuzeit. „Voltaire, Nietzsche, Marx und Spinoza“, die die Religion kritisiert, entlarvt oder zerstört haben. Klingsor steht in der Figur des Friedrich Nietzsche, der anfangs ein glühender Verehrer von Richard Wagner war, auf den überdimensionalen Seiten seines Buches Die fröhliche Wissenschaft von 1882, dem Jahr der Parsifal-Uraufführung. Kundry entsteht im wahrsten Sinne des Wortes aus den Blättern dieses Buches. Sie trägt wie die Blumenmädchen ein Gewand, bedruckt mit Nietzsche-Texten mit der These „Gott ist tot“ aus dem dritten Buch von Die fröhliche Wissenschaft, das das Thema Religion und Moral behandelt. Über der Szene hat eine überdimensionierte Schlange als Symbol der Versuchung im Paradies statt Christus das Kreuz fest umschlungen.
Im dritten Aufzug ist die Bühne zunächst öde, verwandelt sich dann aber im Karfreitagszauber durch eine großflächige, bewegte Spiegelung der heiligen Quelle, bis nach der Verwandlung bei geschlossenem Vorhang wieder die Gralsszene aus dem ersten Aufzug erscheint. Doch jetzt ist das große Kreuz verhüllt, und erst mit der Übernahme des Amtes von Parsifal und der Enthüllung des Grals fällt das Tuch vom Kreuz, und Dews kritische Sichtweise auf die Religion bei Wagner endet mit der schon eingangs erwähnten Projektion: „Da, wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbehalten, den Kern der Religion zu retten“.
Mit großartigen Sängerdarstellern gelingt es der Oper Chemnitz, diese symbolträchtige Wiederaufnahme auch musikalisch und spielerisch auf hohem Niveau umzusetzen. Thomas Mohr, Leipzigs umjubelter Siegfried, singt die Partie des Parsifal mit intelligenter Krafteinteilung. Sein stahlkräftiger Tenor mit baritonalen Timbre meistert die Höhen ohne Probleme, sein „Amfortas! Die Wunde!“ ist erschütternd. Den Vertrag für Chemnitz hatte Mohr übrigens bereits vor vier Jahren unterschrieben, da konnte noch keiner ahnen, wie sich der Heldentenor in dieser Zeit entwickeln würde. Es ist aber auch ein Abend der großen Debüts. Allen voran Magnus Piontek als Gurnemanz. Der junge Bass, erst in seiner zweiten Spielzeit am Theater Chemnitz, hatte grade eine Woche zuvor ein fulminantes Debüt als Hunding in der Premiere der Walküre gegeben, und nun gibt er einen Gurnemanz mit klarem Bass und beeindruckender Textverständlichkeit. Seine große Erzählung im ersten Aufzug singt er balsamisch und mit deutlichen Phrasierungen und Bögen, die eine große Spannung aufbauen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das im dritten Aufzug in der Salbungs- und Krönungsszene sowie dem anschließenden Karfreitagszauber. Hier hat jemand, der vom Alter der Sohn von Parsifal-Darsteller Thomas Mohr sein könnte, vielleicht schon seine Lebensrolle gefunden.
Katerina Hebelkova gelingt ebenfalls ein furioses Rollendebüt. Sie gibt die Kundry mit erotisch warmem und vollklingendem Mezzosopran sowie dramatischen Höhen und meistert darstellerisch beeindruckend den szenischen Wechsel von der gejagten Furie zur Verführerin bis hin zur liebenden Dienerin. Katzengleich sind ihre Bewegungen, und in der großen Verführungsszene im zweiten Aufzug gleicht sie der Venus im Tannhäuser.
Michael Bachtadze beeindruckt als Amfortas mit kultiviertem, wohlklingendem Bariton und ausdrucksstarker Leidensfähigkeit. Seine „Erbarmen“- Rufe erschüttern, und der Piano-Ansatz der letzten Szene ist von großer Emotionalität. Martin Bárta debütiert in der Rolle des Klingsor, die er mit großer Intensität und Leidenschaft anlegt. André Eckert gibt den Titurel mit wohltönendem Bass, und das Alt-Solo von Sophia Maeno aus der Höhe passt stimmlich gut zur Atmosphäre auf der Bühne. Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen, aus der Guibee Yang wie schon in der Walküre stimmlich kultiviert herausragt, fügen sich harmonisch in das Gesamtensemble ein.
Großartig die von Stefan Bilz einstudierten Chöre, die besonders die Liebesmahlszene im ersten Aufzug und die Schlussszene im dritten Aufzug mit großer Intensität umsetzen und dabei vor der großen Herausforderung gestanden haben, einige Chorszenen unsichtbar hinter der Bühne zu gestalten. Guillermo Garcia Calvo leitet die Robert-Schumann-Philharmonie mit großem Engagement und lässt durch sein unprätentiöses Dirigat wunderbare Phrasierungen und Akzentuierungen zu. Das Vorspiel hat sakralen Charakter, das Tempo ist zügig, aber niemals hastig. So endet der erste Aufzug nach knapp 90 Minuten, was schon sehr schnell ist. Beeindruckend seine präzisen Einsätze, die das Gesamtensemble aus Musikern, Solisten und Chor zu einer homogenen Gestaltung führen, dabei hat er immer den Blick für den Sänger, der für ihn im Vordergrund steht und dem er das Orchester unterordnet.
Das Theater Chemnitz ist an diesem Karfreitag leider nur mäßig besetzt. Eine Aktion eine Woche zuvor bei der Premiere der Walküre versprach jedem Besucher eine Ermäßigung von einem Viertel des Kaufpreises für eine Parsifal-Karte unter Vorlage des Walküren-Premierentickets. So richtig aufgegangen ist diese Aktion aber nicht, dafür bleiben zu viele Plätze leer. Und das Publikum, das an diesem Karfreitag die Aufführung besucht, ist wieder einmal sehr heterogen. Einerseits, wie schon in den letzten Aufführungen, zahlreiche Bronchialrüpel, die mit großer Intensität und Nachhaltigkeit besonders die ruhigen und sensiblen Stellen der Partitur zu stören wissen. Andererseits aber auch ein Publikum, das ein sensibles Gespür für das Geschehen auf der Bühne mit großer Begeisterung für das gesamte Ensemble entwickelt. Wohltuend die kurze Stille nach dem ersten und dritten Aufzug, bevor zunächst verhaltener Applaus einsetzt, der sich aber zum Schluss in frenetischen Jubel verwandelt. Und so mancher Zuschauer schämt sich seiner Tränen nicht ob der intensiven Darbietung auf der Bühne.
Mit dieser Parsifal-Wiederaufnahme hat Chemnitz nicht nur musikalisch einen Karfreitagszauber geboten, sondern durch die intensiven Bezüge zur Religion mit ihren christlich-jüdischen Wurzeln hat diese sehenswerte Inszenierung von John Dew auch fünf Jahre nach ihrer Premiere einen aktuellen politischen Bezug.
Andreas H. Hölscher