O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
PARSIFAL
(Richard Wagner)
Besuch am
2. April 2018
(Premiere am 23. März 2018)
Wagner nennt seinen Parsifal 1883, wenige Wochen vor seinem Tod, in einem Brief an Ludwig II. sein „Weltabschieds-Werk“. Mit Abschied, diesmal der Simon Rattles von den Osterfestspielen Baden-Baden, ist auch die dritte und letzte Aufführung des „Bühnenweihfestspiels“ im Festspielhaus an der Oos imaginär überschrieben. Eine Ära, 2013 mit dem Wechsel der Berliner Philharmoniker von den Salzburger Festspielen nach Baden-Baden eingeleitet, geht zu Ende. Das ikonographische Schlussbild, das sich Regisseur Dieter Dorn für seine Neuinszenierung des Erlösungsdramas hat einfallen lassen, trifft die Atmosphäre der fatalen Schwermut von Stück und Aufführung ahnungsvoll. Kundry, rigider Archetyp wie empathische Vollendung der Frau an sich, idealtypische Verheißung einer weiblich geprägten Zukunft der Menschheit, verharrt allein in einem weißen Gewand vor dem tiefschwarzen Bühnenvorhang.
Noch ist dieses Bild auf der Netzhaut präsent, steht Minuten später wieder eine einzelne Person im Zentrum der Aufmerksamkeit. Rattle wird im Kreis aller Mitwirkenden vom Publikum umjubelt, am Ende, als die obligaten Blumen überreicht werden, gar frenetisch. Als wäre ein Schlussstein in das Gewölbe einer Kathedrale der Musik eingelassen. Doch gemach, das Leben, die Geschichte kennt keinen Stillstand, nur Stagnation, die den Menschen, die Kunst neu fordern. Das gerade hat Dorn mit seiner Deutung von Wagners parareligiöser Reise durch die Gralsverheißungen aller metaphysischen Konstrukte schmerzlich-bohrend erzählt.
Der versierte Theatermann, vormals Intendant der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels, und Rattle, der Sinfoniker par excellence an der Spitze der Berliner Philharmoniker, haben sich augenscheinlich auf ein für beide Seiten passendes Parsifal-Konzept verständigt. Es soll wie ein Kommentar zur gesellschaftlichen Gegenwart funktionieren, zugleich der orgiastischen Musik Wagners jeden Raum an Entfaltung lassen, die sie braucht, um ein Publikum nicht nur zu Karfreitag zu verzaubern, über die ganze Länge dieses pseudoreligiösen Hochamts letztlich zu entrücken. Kaum sind die Leitmotiv-beseelten Klänge des Vorspiels zu einem choreografierten Präludium mit einer weiß verhüllten Kundry im Zentrum verhallt, raubt das von Bühnenbildnerin Magdalena Gut und der kostümverantwortlichen Monika Staykova geschaffene Theaterszenario den Besuchern mit traditionellen Erwartungen jegliche Illusion. Kein Weihfestspiel, keine Huldigung an eine unberührte Natur mit grünen Auen und samtenen Waldlichtungen, keine Gralsburg, erst recht kein Zauberschloss, in dem sich Klingsor der Welt entzogen hat.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Wo Wagner eine Lichtung im Wald verlangt, „schattig und ernst, doch nicht düster“, und Amfortas „Waldesmorgenpracht“ empfindet, zeigt Dorn eine Welt in Agonie, genauer: eine Theaterwelt des Leerlaufs. Mühsam karren die als Bühnenarbeiter agierenden Gralsritter in rituellen Schleifen mobile Holzteile in Grau oder schmutzigem Weiß, heran, aus denen sie in besseren Zeiten eine stolze Gralsburg errichtet hätten. Nun aber reicht weder die physische noch die intellektuelle Kraft. Die partiell im Stil von Kanji beschrifteten Elemente werden scheinbar ohne System hin und her sowie gegeneinander geschoben, ganz, als ob die Akteure auf der Suche seien nach dem hinterlegten, freilich unsichtbaren Plan. Ziemlich einfallslos ist in die Höhe hin ein Hochsitz für den Herrscher des Grals gezimmert. Drum herum verteilen sich beim Liebes- alias Abendmahl die Gralsritter und ihre Helfer auf rohen Holzgerüsten. Improvisiertes wie auf Baustellen allerorten. Die organische, die ganzheitliche Welt existiert nicht mehr, allenfalls noch als Idee.
Was Dorn in Baden-Baden in den Diskurs bringt, ist insofern aktualisiertes Polittheater, als es eine Gesellschaft spiegelt, in der sich viel bewegt, ständig Aufregung produziert wird, permanent Aktionismus angesagt ist. Nichts davon allerdings wird auf einen Zustand hin verändert, der als Voraussetzung für ein Überleben der Menschheit beschworen wird, sei es ökologisch, sei es politisch unter Erhalt der Demokratie. Ein Reflex der monatelangen Suche nach einer Regierung in Berlin unter dem diffusen Vorzeichen eines „Neuanfangs“? Es sei „interessant zu sehen, dass diese Gesellschaft kein Ziel hat, sondern sich immer im Kreis bewegt“, hat Dorn die Idee seiner Deutung erläutert. Das gelte für Titurel über Amfortas „bis zu dem reinen Toren, der genau so auf dem Thron sitzt und hockt wie seine Vorgänger“.
Dramaturgisch ermöglicht der Ansatz Dorns, hat man sich erst einmal mit der desillusionierenden Ödnis versöhnt, ein durchaus feines Zusammenspiel von Stillstand und Bewegung, von Leerlauf und Aktion. Tritt die Musik wie in der Erzählung des Gurnemanz Titurel, der fromme Held scheinbar auf der Stelle, gibt es allerlei Bewegung auf der Bühne, poetry in motion sozusagen. Ist die Musik wie im Gefühlsrausch über der Werkstatt auf der Bühne zusammengeschlagen, gibt Dorn den Handelnden Raum und Zeit, sich neu zu finden. Exemplarisch hierfür die Szene des Parsifal zu Beginn des dritten Aufzugs, als er sich in minutiösen Bewegungen aus der Rüstung des mittelalterlichen Gotteskriegers herausschält, als der er jahrelang unterwegs gewesen sein muss.
Für Wagners Musik hat Rattle das Bild vom „Riesenvogel“ bemüht, „der knapp über dem Wasser schwebt.“ Für den Betrachter sei es dabei „eigentlich unerklärlich, wie so ein Tier überhaupt abheben und sich in der Luft halten kann“. Die Berliner Philharmoniker, um im Bild zu bleiben, halten mit ihrer hohen Professionalität den „Riesenvogel“ unter dem unaufgeregt inspirierenden Dirigat Rattles souverän über dem Boden. Bisweilen kreist der Riesenvogel allerdings so mächtig, dass sich aus dem mächtigen Orchestergraben ein Klangmassiv bildet, gegen das auch Gurnemanz und Amfortas vergeblich andeklamieren, was aber letztlich den superben Gesamteindruck nicht trübt. Rattle hat sich für sanguine Tempi entschieden, absolviert beispielweise den ersten Aufzug in 99 Minuten. Damit liegt er unter den einschlägigen Einspielungen etwa eines Hans Knappertsbusch, der 1952 in Bayreuth 113 Minuten benötigte, oder Georg Solti, der sich 1972 in Wien 111 Minuten Zeit ließ.

Die Streicher, allen voran die Cellisten, bestätigen einmal mehr ihren Ruf, schlicht Weltklasse zu sein. So avancieren pars pro toto die Klage des Amfortas mit ihrer chromatischen eigenen Charakteristik und beide Verwandlungsmusiken in ihrer kultischen Stringenz zu Hörerlebnissen vom Rang des Unvergesslichen. Das noble akustische Gesamttableau wird im Übrigen vom üppig besetzten Philharmonischen Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh, untermauert, der in der Tutti-Formation wie als Frauen- oder Männerchor mit verblüffender Homogenität beeindruckt. Auch Klingsors blumige Zaubermädchen präsentieren ihre walzerselige Sphärenmusik großartig.
Der Sänger des Gurnemanz – so Rattle – müsse alles daransetzen, „die Geschichte des Gral so zu gestalten, als würde sie eben zum ersten Mal erzählt“. Mit Franz-Josef Selig ist ein solcher Gurnemanz zu sehen und zu hören. Wie er den Erzähler gibt, imposant und kraftvoll in der Anlage dieser Mammutpartie, überdies nuanciert in jeder Paraphrase, ist allein schon ein Ereignis. Hier setzt ein Sänger auf das Ganze, auf Heilung, nicht auf Linderung, wie er an die Adresse von Amfortas formuliert. Gerald Finley verkörpert diesen verwundeten König mit seinem lyrisch timbrierten Bariton bewegend, zudem mit einer nahezu an ein Wunder heranreichenden Textverständlichkeit. Stephen Gould als Parsifal bestätigt seine tenorale Klasse in dieser wie in anderen Wagner-Partien. Er steigert sich gegen Ende hin in große Form, auch wenn es ihm diesmal verwehrt ist, als strahlender Held den Gral zu öffnen. Evgeny Nikitin singt die Partie des Klingsor stimmgewaltig und mit der gehörigen Portion an dämonischer Verschlagenheit, die diese Rolle verlangt. Robert Lloyd ist ein achtbarer, sich zurückhaltender Titurel.
Die Schlüsselfigur nicht nur dieser Parsifal-Aufführung ist Kundry, der es aufgetragen ist, der gesamten Palette menschlicher und übermenschlicher Empfindungen von der diabolischen über die devote bis hin zur verführerischen femme fatale Ausdruck zu verleihen. Der Mezzosopranistin Ruxandra Donose gelingt das in ihrem Rollendebüt famos. Ihr Spiel ist einfühlsam und hingebungsvoll, ihre Stimme in dem großen Haus jederzeit präsent, sei es in den teuflisch schweren Intervallsprüngen der Furie, sei es im lockenden Parlando der Verführerin. Ein alles in allem wegweisendes Debüt.
Das Publikum belohnt nicht nur Rattle, sondern alle Mitwirkenden mit anhaltendem Beifall und aufbrandenden Bravo-Rufen. Es legt so indirekt Zeugnis ab für eine Erwartungshaltung, die keineswegs zwingend Neudeutungen wie in Bayreuth oder München verlangt. Eines lässt sich auch nach Rattles Abgang prophezeien: Im Oster-Festspielkalender wird Baden-Baden seine prominente Position behaupten. Noch während der aktuellen Festspielzeit teilt das Management die Verlängerung der Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern bis 2022 mit. Was an der Oos ab 2020 vom dann amtierenden Chefdirigenten Kirill Petrenko erwartet werden kann, darf ab sofort diskutiert werden. Mehr oder anders als der geplante Verdi-Otello mit dem Gastdirigenten Daniele Gatti wohl sicherlich.
Ralf Siepmann