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HOCHWASSER
(Luísa Marinho Saraiva)
Besuch am
4. April 2018
(Uraufführung)
Es ist Mittwochabend. Zwei harte Arbeitstage liegen bereits hinter den überraschend zahlreichen Besuchern, die sich im Kleinen Saal des Tanzhauses NRW einfinden. Nach den Osterfeiertagen musste ja wieder Schwung in die Firma kommen. Jetzt also noch Kunst. Gewiss, Kunst dient nicht der Unterhaltung, sondern der geistigen Auseinandersetzung, aber, wie das Flamenco-Festival am zurückliegenden Wochenende im Tanzhaus gezeigt hat, kommt die gekonnt auch ein wenig unterhaltsam daher.
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| Tanz | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
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Das Tanzhaus NRW hat Luísa Marinho Saraiva eingeladen, ihre erste abendfüllende – darunter wird in Tanzkreisen eine gut einstündige Aufführung verstanden – Choreografie zu präsentieren. In Hochwasser geht es darum, welche Dynamiken in Gruppen entstehen, die in überbordende Ausnahmesituationen geraten. Die Fragen dazu liegen auf der Hand. Wie verhält sich das Individuum, wenn es mit einer außergewöhnlichen Situation umgehen muss? Wie viel Hilfe leistet es anderen, wie vorausschauend agiert es, wann hört es auf, für die anderen einzustehen? Saraiva ist sicher nicht die erste, die sich mit diesem Handlungsfeld auseinandersetzt. Umso spannender zu erleben, wie die Umsetzung aussieht. Und damit kann die studierte Psychologin, Stipendiatin des portugiesischen Kulturministeriums und Tanz-Absolventin an der Essener Folkwang-Universität zunächst überraschen.

Denn aus Tanz wird Fall. Aber bis dahin vergeht viel Zeit. Sieben „Performer“ gehen auf die Bühne. Stellen sich in einer Reihe auf und bleiben stehen. Wortlos, reglos, minutenlang. Zu viele Minuten. Es ist das Recht auf das Extreme, das der Nachwuchs für sich beanspruchen darf. Aber es ist die Pflicht des Tänzers, für das Publikum zu arbeiten. Und das ist erschöpft. Kann die orthostatischen Kollapse gut nachvollziehen, die die Akteure auf der Bühne erfassen. Sie sacken in sich zusammen, werden von den Mitstreitern aufgefangen. Das eskaliert. Schließlich fallen immer mehr Akteure um. Inzwischen werden von Jan Ehlen immer wieder neue Lichträume eröffnet, die weitestgehend unbeachtet bleiben. Im Fall bewegt sich die Gruppe. Arbeitet lange mit dem Rücken zum Publikum. Auch das ist das Recht des ambitionierten Anfängers. Die unbekannte Perspektive. Aber manche Perspektiven funktionieren auf der Bühne einfach nicht, wenn man für das Publikum spielt oder tanzt. Und letztlich ist nach zehn Minuten das Anliegen der Choreografin verstanden. Die Idee trägt nicht über 70 Minuten. Das Bewegungsmaterial ist irgendwann auch verbraucht. Selbst wenn es in das Theatralische überhöht wird.
Nach einer Dreiviertelstunde wird die Musik von Julius Gabriel eingespielt. Entschuldigung, aber das wollen wir wirklich nicht mehr hören, nicht mal mehr für die Minuten, in denen sie in dem Saal erklingen. Sphärische Klänge, die heute jeder auf dem eigenen Computer lebhafter komponiert. Immer noch fallen alle fortwährend hin. In ihrer banalen Bekleidung, die Inês Mariana Carvalho Moitas angeordnet hat. Turnschuhe turnen ab. Da waren die Kostüme in der Probe mutiger.
Saraiva ist mit einer guten Idee angetreten, hat in der Umsetzung am Anfang gepatzt, später zu wenig pointiert, zu wenig Entwicklung gezeigt und am Ende, wenn die Personen einzeln die Bühne verlassen, dem Stück entsagt. Was sie sagen will, ist klar geworden. Und sie hat etwas zu sagen. In Zukunft wird sie möglicherweise mit ihren ungewöhnlichen Ideen das Publikum begeistern. Dazu sei ihr die Zeit gegönnt.
Das Publikum an diesem Mittwochabend ist generös. Applaudiert ausgiebig. Vielleicht auch einfach dafür, dass die Akteure sich vollkommen verausgabt haben. Und das haben sie.
Michael S. Zerban