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I.TH.Ak.A
(Samuel Panderbayne)
Besuch am
8. April 2018
(Uraufführung am 6. April 2018)
Die Hamburgische Staatsoper hat in mit Zusammenarbeit mit der Claussen-Simon-Stiftung und mit dem Institut für kulturelle Innovationsforschung an der Hochschule für Musik und Theater der Stadt ein Auftragswerk für die Opera stabile vergeben. Unter 70 Bewerbungen erhielt der junge und vielfältig engagierte australische Komponist Samuel Panderbayne, der seit 2012 in Deutschland lebt und in München und Hamburg Komposition studiert, den Zuschlag für den Kompositionsauftrag. Panderbayne konnte Helmut Krausser als Librettisten gewinnen, der auch selbst komponiert und durch eine Reihe von Werken mit Bezug zur klassischen Musik hervorgetreten ist. Dazu gehört beispielsweise sein Roman Die kleinen Gärten des Maestro Puccini.
In I.th.Ak.A realisieren beide ein in jeder Hinsicht neuartiges, grenzüberschreitendes Werk. Zum einen handelt es sich um eine Internetoper, welche in die Abgründe des Netzes und seine dark rooms führt, zum anderen bedient sich der Komponist dabei genre-übergreifender Musikstile mit Anleihen aus Jazz, Rock und elektronischer Musik.
Juli, deren Namen eine spielerische und lautmalerische Verfremdung des englischen Namens Ulysses ist, erlebt eine neuzeitliche Fahrt der Irrungen durchs Netz. Sie selbst vergleicht sich mit Odysseus. Ihr Wunschziel ist Ithaka. Ausgangspunkt ihrer Odyssee ist ein Computerarbeitsplatz in einer Anstalt für politische Gegner des Systems. Ihr Weg führt sie zu diversen Begegnungen mit Avataren, Replikanten, Androiden, kurz den Bewohnern des Netzes. Diese führen und verführen sie in immer finsterere Zonen und Verhaltensweisen der anonymen Netzwelt und ihrer immer eigenartigeren und abartigen Bewohner.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Manchmal scheint ein Funke von Verständnis und scheinbarer Nähe gegeben. Es ist aber nie klar, mit wem Juli überhaupt kommuniziert. Sind es Menschen oder sind es vielmehr nur ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche? Immer wieder wird in den Handlungselementen Bezug genommen auf Wesen und Situationen der Odyssee. Circe widmet sich Juli, die Sirenen werden hörbar und singen sie schließlich auch in den Tod, der musikalisch und gestisch wie ein veritabler Operntod anmutet und das Werk beschließt.
Die Texte sind in allen Stimmlagen außerordentlich gut zu verstehen. Die Textvorlage chargiert zwischen erzählenden, unheimlichen, ironischen und schließlich todessehnsüchtigen Passagen. Sie kann sich dieses weite Spektrum leisten, denn sie wird so gut wie immer verstanden. Bei aller Mischung von Musikstilen wird kompositorisch ganz pragmatisch auf eine hohe Textverständlichkeit Wert gelegt. Dabei wird niemals trocken-akademisch gesungen oder musiziert, vielmehr werden die musikalischen Stimmungen und Farbgebungen zum Beispiel auch im Wege von Koloraturen einfallsreich, bunt und durchweg mit sinnlicher Note eingesetzt. Bei inhaltlicher Verankerung in der europäischen Sagenwelt beschreitet das Werk in vielerlei Hinsicht eine Grenzerweiterung beim Einsatz der Mittel sowie der Erforschung des aktuellen Sujets.
Die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich im Bühnenbild und den Kostümen von Jana Findeklee und Joki Tewes nutzt die begrenzten Mittel der Opera stabile einfallsreich und wirkungsvoll. Zunächst ist der Raum an drei Seiten von einem Vorhang aus Fäden umgeben. Das schafft eine unwirkliche Atmosphäre, durch die die Figuren schon vor Ihrem Auftritt oder danach sichtbar bleiben und auf dem reale oder irreale Elemente der Handlung und Bebilderung per vielfältig eingesetzter Videotechnik erscheinen und oft verschwimmen. Die Unwirklichkeit und Bedrohlichkeit des Netzes wird so physisch und psychisch erlebbar. Alle Sänger bewegen sich durch die im Raum wie in einem Irrgarten aufgestellten Bänke und Sitzgelegenheiten des Publikums und beziehen es im Einzelfall auch in Gesten oder Ansprachen mit ein.

Überzeugend das Sängerensemble, allen voran Lini Gong als Juli. Sie besitzt eine intensive, schauspielerische Präsenz und vermag in ihrer wandelbaren Gestik und mimischen Ausstrahlung ihre neugierige, teils verzweifelte Suche nach Ithaka in jedem Moment deutlich zu machen. Ihr wehmütiger Todesgesang besticht durch die Einfachheit von Darstellung und Stimmführung. Dabei wird sie während ihrer Irrfahrten so mancher stimmlichen Herausforderung gerecht.
Bestechend auch Renate Spingler als Circe und die Sirenen. Mit knallroter, haushoher Perückentracht und engem Trikot unter weißem Umhang wandelt sie selbstsicher und als erfahrene Verführerin durch die Handlung. Manchmal kann sie im Ansatz wie eine mütterliche Vertraute wirken, in anderen Momenten wie die schwarze Venus der Internet-Unterwelt.
Mit ebensolcher Spielfreude gestaltet Peter Gailliard die Rollen des Cyclops und Borgos. Der Sänger fühlt sich in den extremen Kostüm- und Perückengestaltungen sichtlich wohl und vermag, den abgründigen Charakteren mit großer Spielfreude und stimmlichem Gestaltungreichtum wirkungsvoll Ausdruck zu verleihen. Komische Momente wechseln mit abartigen Fantasieerzählungen, deren Wahrheitsgehalt man nicht einzuschätzen weiß. Das Sängerensemble wird durch Bruno Vargas als Dark und Kapitän abgerundet. Auch er changiert zwischen den Welten und Stimmungen. Als Kapitän wirkt er wie der ewige Fährmann zum Tode. Immer wieder wiederholt er die vielschichtig-bedeutsame Wendung „… es gibt keinen Raum, nur Richtungen …“
Das kleine Instrumentenensemble umfasst Geige, Cello, Klavier, E‑Gitarre und viel Live-Elektronik. Die Ausstrahlungskraft der kleinen Gruppe unter der Leitung von Barbara Kler ist erstaunlich. Farbenreichtum und Fantasie des Instrumenteneinsatzes sowie die wirkungsvolle, sich nie verselbstständigende Elektronik schlagen den Zuschauer und Zuhörer in ihren Bann.
Das altersmäßig gemischte Publikum füllt trotz des ersten warmen und strahlenden Frühlingsnachmittags den Saal und folgt dem Werk mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit. Langer und herzlicher Beifall für alle Beteiligten, Bravorufe für Lini Gong in der Hauptrolle der Juli.
Achim Dombrowski