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Zirkus: Wer denkt da nicht an Akrobatik und Zauberei, an Clowns und dressierte Tiere? An Zeiten also, als Traditionsunternehmen wie Sarrasani und Busch durchs Land zogen und mit solchen Nummern leuchtende Kinderaugen hervorriefen. Nun gibt es seit den 1970-er Jahren neue Impulse, ausgehend vom französischen Cirque Nouveau, der thematische Schwerpunkte setzt und dabei andere künstlerische Gattungen integriert. Hier setzen die Berliner Festspiele seit letzter Saison an. Sie wollen dem Circus, ganz hip mit dem Anfangsbuchstaben C geschrieben, ein neues Gesicht geben. Nach drei Gastspielen aus Schweden, England und Frankreich im vergangenen Jahr, haben sich die Kuratoren Johannes Hilliger und Josa Kölbel, die auch das große Sommerzirkusspektakel auf dem Tempelhofer Feld verantworten, etwas Besonderes ausgedacht und ein interdisziplinäres Festival initiiert, das sie Originale nennen.
„Die Originale ist eine Kreationsplattform, die mehr den Prozess als das Ergebnis betont, mehr die Begegnung als die Aufführung“, schreibt Festspielintendant Thomas Oberender in seinem Grußwort. Anders ausgedrückt: Es geht um Recherche, Experimente, nicht um perfekte Resultate. Übergeordnet aber um das Etablieren einer eigenständigen Kunstform.
Im Zentrum stehen acht Workshops zum Thema Kreis, weil er, so die Kuratoren, als Manegen-Rund ein wesentliches Element im Zirkus darstellt, aber auch ein Ort der Begegnung ist. Geleitet werden sie von zehn Künstlern, so genannten – man ist international – Researchers, unterschiedlichster ästhetischer Prägung und Herkunft. Es sind Zirkusleute darunter, wie Rostislav Novák, der Gründer vom tschechischen Cirk La Putyka und Maksim Komaro, der Leiter des finnischen Circo Aereo, aber auch Theatermacherinnen, wie Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot, oder die Berliner Songwriterin und Schauspielerin Meret Becker. Bunt gemischt, abgesehen vom ihrem meist jugendlichen Alter, sind auch die aus 500 Bewerbern ausgewählten vierzig Teilnehmenden. Sie stammen aus fünfzehn Ländern, kommen von der Artistik, vom zeitgenössischen Tanz oder vom Film.
Die Probenphase, die in über ganz Berlin verteilten Räumen stattfindet, ist knapp. Nur eine Woche ist vorgesehen für die Entwicklung der Performance, wobei es auch darum geht, erst einmal ein Gruppengefühl herzustellen. Denn – das ist eine Bedingung – die Mitwirkenden kennen sich untereinander nicht. Wie dadurch kreatives Potenzial entstehen kann, davon erzählt eine beteiligte Schauspielerin, die die sieben prall gefüllten Tage als inspirierend erlebt hat und auf sie beglückt zurückblickt.
Die acht, etwa 20-minütigen Projektergebnisse werden am ersten Aprilwochenende auf der großen Bühne im Haus der Festspiele präsentiert, begleitet von einem Rahmenprogramm aus kleinen Konzerten, Künstlergesprächen und einer Fotoausstellung. Insgesamt acht Stunden dauert das in zwei Blöcke eingeteilte Spektakel, das jeweils von einem professionellen Show-Act eröffnet wird: das Männerduo Somnium zeigt einen athletischen, erotisch aufgeladenen Pas de Deux mit einem Metallreifen als artistischem Requisit; Jörg Müller sein Solo mobile, bei dem er mit fünf Aluminiumröhren eine raffinierte Mixtur aus Bewegung, Jonglage und meditativen Klängen kreiert.

Der neue Zirkus hat bei Originale viele Gesichter. Die unterschiedlichen Handschriften der Workshops sind schon an den Titeln erkennbar. Von so hochtrabenden Überschriften, wie Eine Untersuchung des Problems der Räumlichkeit oder Künstlerische Kollaboration als Form (politischen/sozialen) Widerstands bis zum knappen Der Kreis reicht das Spektrum, das sich in den Darbietungen fortsetzt.
Da gibt es das strenge Experiment, wie bei Elena Kreusch und Darragh McLouglin, die sich unter dem Namen Squarehead Productions der künstlerischen Forschung verschrieben haben. In ihrer Performance beschränken sie sich auf ein Minimum an Gesten und Aktionen, um den Trick, den Höhepunkt einer Zirkusnummer, zu demontieren.
Da gibt es als Kontrast die sinnliche Show des französischen Zirkusmannes Jean-Michel Guy, der szenischen Aufwand – der Ausstattungsetat in Höhe von 500 Euro, der jedem Workshop zur Verfügung steht, wird hier sichtbar – und Emotionen nicht scheut, als ob er beweisen wolle, dass optische und akustische Effekte zum Zirkus gehören.
Oder die Performance von Maksim Komaro, die sich durch Leichtigkeit, Humor und Virtuosität auszeichnet. Er hat mit drei Akrobaten einen fantasiereichen Slapstick mit kunstvollen Einlagen einstudiert, in denen demonstriert wird, was man mit Silberbesteck so alles künstlerisch anfangen kann.
Dem interdisziplinären Zirkusgedanken kommt Meret Becker am nächsten. Mit ihrer Gruppe, bestehend aus einer Pantomimin, einer Tänzerin, zwei Artisten und einem Cellisten, zaubert sie eine surreale Zirkuswelt, die reich ist an poetischen und fantastischen Figuren und Bildern.
Noch ist das Interesse am neuen Zirkus ausbaufähig. Denn so richtig voll ist es zumindest am ersten Tag nicht. Das Publikum setzt sich aus allen Altersgruppen zusammen, wobei die Kinder deutlich in der Minderzahl sind. Aufgeschlossenheit dem Genre gegenüber liegt in der Luft. Doch den meisten Applaus bekommen die Workshops, die auch traditionelles Zirkusgefühl aufkommen lassen und Spannung, Illusion und Buntheit vermitteln.
Der zeitgenössische Zirkus soll bei den Berliner Festspielen weiter eine Rolle spielen. Aber auch andere Institutionen setzen ähnliche programmatische Akzente. Im Varieté Chamäleon steht bereits das nächste Projekt in den Startlöchern. Dabei geht es um Mutterschaft und weibliche Rollenmuster in unserer Gesellschaft. Ob diese Themen als Zirkusperformance taugen, wird sich erweisen.
Karin Coper