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Francis Poulencs Oper Les Dialogues des Carmélites steht derzeit hoch im Kurs. Nach Gelsenkirchen stemmt derzeit das Aachener Theater das ebenso unkonventionelle wie ergreifende Werk. Das Theater Krefeld Mönchengladbach wird in der nächsten Saison nachziehen.
Offensichtlich wirkt die Handlung um den Opfertod der 16 Pariser Karmeliterinnen, die sich 1794 kurz vor dem Höhepunkt und Ende des jakobinischen Terrors weigerten, ihrem Gelübde zu entsagen und gemeinsam die Guillotine bestiegen, so respektheischend auf Regisseure, dass nahezu alle bisherigen Inszenierungen von groben Entstellungen und Übertreibungen verschont geblieben sind. Dass Ben Baur in Gelsenkirchen die Gewissensqualen der Nonnen expressiver und auch plakativer zum Ausdruck bringt als seine in Aachen erfolgreich wirkende Kollegin Ute M. Engelhardt, ist tolerierbar. Festzuhalten ist, dass auch die Aachener Produktion dem Ernst und der Tiefgründigkeit des Werks vollauf gerecht wird. Zudem kann das Aachener Ensemble angesichts des vielköpfigen Besetzungszettels gesanglich punkten, wobei zwei junge Sängerinnen mit geradezu sensationellen Leistungen aufwarten. Von Justus Thorau, dem kommissarischen Generalmusikdirektor Aachens, der im Sommer von dem neuen GMD Christopher Ward abgelöst wird, lässt sich das leider nicht behaupten. So sehr sich das szenische Team und die Sänger um eine stimmungsgemäße und differenzierte Interpretation bemühen, so grob und ungenau geht es im Orchestergraben zu. Von der schillernden Brillanz der Partitur ist kaum etwas zu hören.
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Ute M. Engelhardt geht von dem richtigen Ansatz aus, das Werk nicht als Anekdote aus der Französischen Revolution zu interpretieren, sondern folgt den Motiven der Autorin Gertrud von Le Fort, die sich in ihrem 1931 erschienenen Erfolgsroman Die Letzte am Schafott zunächst nur für die inneren Spannungen der jungen Adeligen Blanche de la Force interessierte, einem ängstlichen, zarten Mädchen, von ihrer Familie „Häschen“ genannt, das zukünftige Schrecken vorausahnt. Damit spielte Gertrud von Le Forte 1931 natürlich auf die gefährdete Weimarer Republik an. Durch einen Zufall stieß sie auf die Geschichte der Karmeliterinnen und verwob die Lebensgeschichte Blanches mit dem Schicksal der Nonnen im Fahrwasser der katastrophalen Entwicklung des Revolutionsterrors. Ein hervorragendes Gleichnis von zeitloser Aktualität, in dem der historische Hintergrund nur als Folie für die politischen Irrwege zukünftiger Zeiten dienen soll.
Die Französische Revolution tritt in der Aachener Inszenierung überhaupt nicht in Erscheinung. Deshalb verlieren die Auftritte der Jakobiner den letzten Rest an bedrohlicher Brutalität. Wenn der Nonnenchor am Ende das Salve Regina anstimmt und das nur akustisch wahrnehmbare Fallbeil eine Frau nach der anderen hinrafft, überziehen in Aachen Schergen die Köpfe der Nonnen mit schwarzen Gesichtsmasken. Eine durchaus eindringliche Lösung. Der Schwerpunkt der Inszenierung liegt in der extrem filigranen Charakterisierung der Hauptfigur, der „Blanche von der Todesangst Christi“, die, von Ängsten durchschüttelt, aus ihrem Elternhaus ins Koster flüchtet, daraus zurück in ihr mittlerweile verwüstetes Kinderzimmer und letztlich ihre Ängste überwindet, indem sie sich dem Todeszug ihrer Glaubensschwestern anschließt und als letzte der Guillotine zum Opfer fällt.
Daneben gelingt es der Regisseurin, auch die anderen tragenden Rollen sehr fein zu profilieren. Dass sie eine frühere Liaison zwischen Blanches Vater und der ebenso frustrierten wie ehrgeizigen Novizenmeisterin Mère Marie hinzudichtet, in der Marie als ehemalige Amme Blanches vor Liebesschmerz ins Kloster flüchtet, rückt das Verhältnis der Frauen in ein psychologisch pikantes Licht. Allerdings wird die von der Regisseurin erfundene Geschichte nur pantomimisch im Hintergrund angedeutet und bleibt ohne Erläuterung unverständlich. Damit stiftet sie nur Verwirrung und verdunkelt die ansonsten vorbildliche Klarheit ihrer Inszenierung.
Die Ausstatter Jeannine Cleemen und Moritz Weißkopf lassen die ersten Szenen im Elternhaus in einer Art Puppenstube spielen. Ein extrem kleines Format, das sich nach dem Eintritt ins Kloster zu einem freien, leeren Raum öffnet, der von abstrakten, dunkel getönten Mauer- und Säulensegmenten begrenzt wird, die gleichsam wie Schutzwälle wirken, aber auch an Gefängnismauern erinnern. Die Nonnen werden in rötliche Habits gekleidet, die sie nach der Auflösung des Klosters mit banaler Alltagskleidung tauschen. Der anrührende Schlussgesang gerät durch die profan nüchterne Optik nie in die Nähe übermäßiger Frömmelei.

Wie bereits angedeutet, kommen die Qualitäten der Partitur durch Justus Thorau und das Orchester nur begrenzt zur Geltung. Nicht nur der Gesamtklang wirkt roh und unbehauen, auch im Detail stimmt ungewöhnlich vieles, was rhythmische Präzision, Intonationsreinheit und Zusammenspiel angeht, nicht. Dennoch können sich die Sängerinnen wirkungsvoll hervorheben. Allen voran die junge und hochbegabte Sopranistin Suzanne Jerosme in der Hauptrolle der Blanche, die in Aachen bisher vor allem in kleineren Rollen hervortrat und mit ihrer leuchtenden, kerngesunden und farbenreich geführten Stimme die Stimmungsschwankungen des jungen Mädchens betörend schön zum Ausdruck bringt. Und als gebürtige Pariserin verwöhnt sie zudem mit einer perfekten Aussprache und Textverständlichkeit. Ebenso eindrucksvoll gestaltet Faustine de Monès die kleinere, aber wichtige Rolle der Novizin Constanze. Das Duett der beiden Newcomer steigert sich zu einem Höhepunkt der Aufführung.
Die von der Regisseurin noch um eine private Liaison erweiterte Rolle der Novizenmeisterin Mère Marie findet in der bewährten Irina Popova eine leidenschaftlich singende und agierende Darstellerin, die freilich auch hier mit stimmlichen Härten in höheren Lagen zu kämpfen hat. Katja Starke nutzt ihren großen Auftritt als sterbende Priorin und Katharina Hagopian verleiht der neuen Priorin ein eindrucksvolles Profil.
Die von Poulenc ohnehin etwas bescheidener bedachten Männerrollen können in Aachen nur bedingt überzeugen. Das betrifft weniger die Choristen, die die ganz kleinen Partien übernehmen. Vor allem enttäuscht Alexey Sayapin mit seinem engen Tenor als Blanches Bruder in der an sich dankbarsten Männerpartie des Stücks. Besser kommen Patricio Arroyo als Beichtvater und Andrew Finden als Blanches Vater mit ihren Aufgaben zurecht. Und ein Sonderlob verdient der von Elena Pierini einstudierte Chor.
Insgesamt eine Produktion, die sich sehen und hören lassen kann, die entsprechend begeisterten Beifall des Premierenpublikums auslöst und von der zu hoffen ist, dass die Aachener Opernfreunde die Folgeveranstaltungen ebenso zahlreich besuchen werden wie die Premiere.
Pedro Obiera