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Ein lauer Sommerabend im April. Im Kölner Volksgarten summt es wie in einem Bienenkorb. Die Kölner nutzen ihren Park für alle möglichen Freizeitaktivitäten, und an einem solchen Abend hält es kaum jemanden auf dem heimischen Sofa. Am Rande des Volksgartens liegt die Orangerie, die seit dem Jahrtausendwechsel ganzjährig als Theater genutzt wird. Bewusst wurde hier auf einen festen Zuschauerraum oder eine statische Bühne verzichtet, so dass jeder Künstler, der hier etwas inszenieren will, sich zunächst einmal Gedanken über die Gestaltung des Raumes machen muss. Ideal für Stephanie Thiersch und Viviana Escalé, die den Raum für ihre Uraufführung von Bruixa ausgewählt haben. Sie unterteilen den Raum in einen Vorraum mit Anmeldung und Bar und einen Bühnenraum, der damit ähnliche Ausmaße gewinnt wie die Bühne im Tanzhaus NRW. Das Tanzhaus tritt als Koproduzent auf. Dort finden Aufführungen vom 7. bis zum 9. Juni statt.
| Musik | ![]() |
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Die Stühle für das Publikum sind kreisförmig um die Tanzfläche herum angeordnet. Unter den Stühlen sind Requisiten verstaut. Auf der einen Seite gibt es eine Lücke, in der ein Schlagzeug untergebracht ist. Die Technik ist zwischen Vorraum und Bühnenraum aufgebaut. Entspannt nehmen die Besucher Platz, schließlich braucht hier keiner zu versuchen, einen bevorzugten Sitzplatz zu erreichen. Das Licht hat Ansgar Kluge eingerichtet. Regie und Bühne hat Stephanie Thiersch konzipiert. Und Viviana Escalé hat ihr „Solo“ selbst choreografiert.
Zu den Klängen von Neptun aus der Orchestersuite Die Planeten von Gustav Holst, die über die Lautsprecher eingespielt werden, tritt Escalé in Unterwäsche und mit einem Pappmaché-Fantasie-Kopf auf. Zelebriert eine Boden-Performance, die irgendetwas zwischen Tier und Pflanze darstellen mag. Nach rund sieben Minuten ist die Aufführung beendet. Das Licht geht an. Die Tänzerin steht auf, bedankt sich bei Thiersch für die schöne Choreografie und erklärt damit ihre Karriere für beendet. Schließlich sei sie über 40 Jahre alt. Und damit sei das Leben einer Tänzerin verwirkt. Was ja nicht ganz wirklichkeitsfremd ist. Nur wenige Tänzer schaffen es, ihr Geburtsdatum wahrhaftig anzugeben und jenseits des 40. Lebensjahres noch zu arbeiten. Damit kann der grandiose Abgesang beginnen.

Bruixa, also katalanisch für Hexe, haben die beiden Choreografinnen ihr Werk genannt. Der Titel bleibt rätselhaft. Fetillera wäre möglicherweise der passendere Titel gewesen. So nennt man in Katalanien eine Zauberin. Und was Escalé in der kommenden Stunde veranstaltet, ist wirklich zauberhaft. Es ist vergnüglichstes, szenisches Tanztheater, das auch nicht auf berührende Momente verzichtet. Eigentlich als Tanzsolo verstanden, holt sich Escalé Unterstützung aus der jungen Generation, die sie jetzt ablösen wird. Hier dargestellt von Malu, der achtjährigen Tochter von Stephanie Thiersch, die sich nicht nur am Schlagzeug übt, sondern auch in der Choreografie mittanzt und die Szene bedient. Das macht sie ganz wunderbar.
Escalé absolviert derweil die Stationen des Niedergangs. Dabei integriert sie das Publikum, ohne dass daraus Mitmachtheater der herkömmlichen Art entsteht. Was macht ein Tänzer, wenn er die 40 überschritten hat? Probieren wir es mit dem Nichtstun. Das ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört. Im Idealfall kreiert er eine neue Tanzform, in diesem Fall die Embracing-Technik, die er dann erfolgreich unterrichten kann. Um die Technik zu demonstrieren, greift Escalé auf einen Song der Neuen Deutschen Welle zurück und begeistert das Publikum mit einer eigenen Version vom Eisbären. Da werden die Requisiten unter den Stühlen hervorgeholt, Perücken vom Haken genommen und Tücher ausgebreitet, die wellenförmig fließen. Hübsch anzusehen, wird daraus nichts. Also der Versuch, sich in einen anderen Kosmos emporzuschwingen. Scheitert ebenfalls, obwohl die Zuschauer kräftig mithelfen. Hilft möglicherweise eine Transformation? Mittlerweile nimmt die Kostümierung groteske Formen an. Zu den kräftigen Klängen von Secondo Coro della Lavandale aus Roberto de Simones La gatte cenerentola – die Aschenkatze – tobt sich Escalé aus, um schließlich mit dem Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie niederzugehen, während Malu Blumen um den sterbenden Körper drapiert.
Am Ende des Tages fühlen sich die Zuschauer fantastisch unterhalten, Escalé und Malu haben sich zu hervorragend ausgewählter Musik verausgabt – und die Frage bleibt. Was machen Tänzer über 40, die noch keine Choreografen-Karriere angestrebt haben? Thiersch hat hier erneut eine hervorragende Arbeit vorgelegt, die gelungen den Finger in die Wunde legt, ohne die moralinsaure Keule zu schwingen. Vollkommen zu Recht greifen die Gäste nach kräftigem Applaus zu den Sektgläsern, um eine herausragende Uraufführung zu feiern.
Michael S. Zerban