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Foto © Philip Artus

Don Giovannis Nahtod

DON GIOVANNI IN DER UNTERWELT
(nach Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
20. April 2018
(Premiere am 12. April 2018)

 

Junges Forum Musik + Theater in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Eine Genre­bezeichnung führt die Produktion des Jungen Forum Musik und Theater erst gar nicht: Don Giovanni in der Unterwelt nach Mozart heißt es auf Plakat und Programmheft, lediglich noch ergänzt vom Namen der Regis­seurin: Alicia Geugelin – und diese Künst­lerin selbst ist in der Tat Programm dieser Inszenierung.

Die Regis­seurin hat mit einer divers zusam­men­ge­stellten Gruppe von Mitwir­kenden eine schil­lernde Phantas­ma­gorie zur Nahtod­erfahrung Don Giovannis angesichts seiner unmit­telbar bevor­ste­henden Höllen­fahrt kreiert.

Dabei wird weder die Oper gespielt, noch werden klassisch die Ensembles oder Arien des Werkes gesungen. Vielmehr wird der Zuschauer bei Einlass in den Theaterraum zunächst auf die Perfor­mance­fläche geführt und kann sich im ersten Teil von zirka 15 Minuten wie in einer Ausstellung frei im Raum bewegen. Er erfährt beim Eintritt, dass er sich hier im Kopf des Don Giovanni befindet. Dabei wandelt er in einer gänzlich weiß gestal­teten Museums­land­schaft zwischen weißen Podesten und darauf positio­nierten, weiß geklei­deten Sängern und Darstellern.

Die fangen sukzessive an, sich zu bewegen, zu zucken, unter­ein­ander eine Art Kommu­ni­kation zu starten oder auch überra­schend gestisch und physisch Kontakt mit dem Publikum aufzu­nehmen. Damit wird eine ungewöhn­liche, im Einzelfall verstö­rende Begegnung provo­ziert, die einen emotio­nalen Brücken­schlag zum Zuschauer schafft, der den gesamten Abend nachwirkt.

Wie auch in dem als Musik­theater bezeich­neten, etwa einstün­digen zweiten Teil, in welchem das Publikum ganz klassisch seine Plätze einnimmt, sind die handelnden Personen nicht als spezi­fische Rollen­ver­treter der Oper oder anders indivi­dua­li­siert. Sie vertreten vielmehr Arche­typen ihrer selbst oder allen­falls bestimmter Charak­ter­er­schei­nungen wie der einfältige Adlige oder Notar, weiß kostü­miert und mit allen übertrieben stili­sierten, modischen Acces­soires der Mozartzeit wie aus der Toolbox der Metastasio-Libretto-Werkstatt.

Der zeitliche Bezug ist nicht entscheidend, vielmehr spielen die inneren Antriebe durch bestimmte nach außen getragene Verhal­tens­weisen und ‑formen die maßgeb­liche Rolle. Das kann die unablässig wieder­holte Rapper-Macho­geste des Basses Marco Zelaya sein, das schon erwähnte Stolzieren des Würden­trägers oder die zum eigenen Counter­gesang wehmütige Geste mit himmel­wärts gerich­tetem Blick von Benjamin Lyko. Womöglich am ausge­präg­testen gelingt das Andrea Marchetti mit seinem manisch die Arme verschrän­kenden Reini­gungs­zwang, nur unter­brochen durch regel­mäßige, ebenso zwang­hafte Befeuchtung oder Nachbe­malung der Lippen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Es wäre naheliegend, dass die Regis­seurin die Rollen­aus­prä­gungen nicht vorge­geben hat, sondern die vielmehr im Wesent­lichen durch Ideen der Sänger selbst kreiert wurden. Anders ist die wunderbare Inten­sität des Ausdrucks im Einzelnen nicht erklärbar. Dazu gehört auch die Kunst des Verbiegens der Mezzo­so­pra­nistin Luise Lein. Im Gegensatz zu diesen in Teilen skurrilen, indivi­du­ellen Rollen­por­träts stehen unver­mittelt Szenen großer Verun­si­cherung, wenn aller Maskenkitt zerfällt, sich die Angst ausbreitet und alle Spieler wie Billard­kugeln allein oder wie in einer choreo­gra­fierten Gruppe zusam­men­ge­führt werden. In solchen Momenten verlischt sofort alle äußere Geste oder Pose, und Hilflo­sigkeit sowie massive Angst machen sich breit. Die Tiefen­wirkung dieser Momente mensch­licher Schwäche und Todes­angst stehen letztlich weit vor den äußeren, auf die öffent­liche Wirkung bedachten Auftritten.

Das dann einset­zende zwischen den Welten Schweben wird zudem durch den trans-geschlecht­lichen Auftritt in den fanta­sie­vollen Kostümen von Pia Preuß mit von den Männern getra­genem Braut­schleier und Stöckel­schuhen und dem lustvollen Spiel aller Betei­ligten unter­strichen. Alle Solisten tragen stark graume­lierte Haare, was den Eindruck der Unwirk­lichkeit und Vergäng­lichkeit weiter erhöht.

Die Bühne von Christin Schumann mit wenigen Versatz­stücken aus der Geschichte Don Giovannis ist zusammen mit den Kostümen in striktem Weiß gehalten und schafft zusammen mit den Beleuch­tungs- und Multi­me­dia­ef­fekten eine unwirk­liche Atmosphäre.  Eine im Hinter­grund leuch­tende, optisch verfremdete Uhr läuft vorwärts, oft rückwärts oder gerät ganz außer Rand und Band im Handlungsverlauf.

Foto © Philip Artus

Bei diesem Konzept im Kopf des Don Giovanni wird unaus­weichlich klar, dass dieser selbst angesichts seiner Begegnung mit den teils liebens­werten, an Äußer­lich­keiten orien­tierten, am Ende immer so menschlich-schwachen, angst­vollen und zerbrech­lichen Wegge­fährten ganz bewusst Außen­seiter werden und bleiben wollte oder gar musste. Stolz und Hochmut, diese Grenzen einer einge­engten und verletz­lichen Welt heraus­zu­fordern und wenigstens für eine Zeit zu überschreiten, sind nachgerade zwingend.

In der Produktion wird wenig gesungen, sie bietet aber allen Betei­ligten eine außer­or­dent­liche Möglichkeit, schau­spie­le­risch durch besondere szenische Anfor­de­rungen zu wachsen. Das dürfte den meisten Mitwir­kenden bei der zukünf­tigen Arbeit mit anderen heraus­for­dernden Regis­seuren zugutekommen.

Das Arran­gement der überwiegend aus Mozarts Oper stammenden Musik wird von Steven Tanato unter Mitwirkung von Pedro Gonzales Fernandez, der für die Multi­me­dia­kom­po­sition verant­wortlich zeichnet, zur Verfügung gestellt.

Es erfolgt nur eine minima­lis­tische Entlehnung von musika­li­schen Passagen aus dem Werk selbst. Dabei werden Zitate nur verkürzt, verfremdet gesungen und gespielt. Die Entfaltung oder der gesang­liche Entwick­lungs­bogen einer Arie oder eines Ensembles werden nicht ermög­licht. Daher ist eine herkömm­liche Bewertung der Stimmen der betei­ligten Sänger nicht möglich. Auf die Gefahr, ungerecht zu sein, sei hier lediglich Benjamin Leyko als Counter­tenor hervor­ge­hoben, dem die eine oder andere Passage zugestanden ist, die aufhorchen lässt und den man daher gerne wieder und ausführ­licher hören möchte. Neben den bereits genannten Solisten wirken außerdem Nora Kazemieh, Mezzo­sopran, die Sopra­nistin Marie Sophie Richter, der Bariton Lorenz Rommel­s­pacher sowie die Sopra­nistin Cora Suvi bei der Produktion mit.

Das kleine Instru­men­tal­ensemble besteht aus Megumi Kuroda am Klavier, Inhwa Hong, Violine, Nefeli Galani, Viola, sowie Michael Heupel am Cello.

Nach anfäng­licher Irritation des Publikums gibt es herzlichen Beifall für alle Mitglieder der Produktion im trotz des hochsom­mer­lichen Wetters gut besuchten Hochschulforum.

Achim Dombrowski

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