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DON GIOVANNI IN DER UNTERWELT
(nach Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
20. April 2018
(Premiere am 12. April 2018)
Junges Forum Musik + Theater in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
Eine Genrebezeichnung führt die Produktion des Jungen Forum Musik und Theater erst gar nicht: Don Giovanni in der Unterwelt nach Mozart heißt es auf Plakat und Programmheft, lediglich noch ergänzt vom Namen der Regisseurin: Alicia Geugelin – und diese Künstlerin selbst ist in der Tat Programm dieser Inszenierung.
Die Regisseurin hat mit einer divers zusammengestellten Gruppe von Mitwirkenden eine schillernde Phantasmagorie zur Nahtoderfahrung Don Giovannis angesichts seiner unmittelbar bevorstehenden Höllenfahrt kreiert.
Dabei wird weder die Oper gespielt, noch werden klassisch die Ensembles oder Arien des Werkes gesungen. Vielmehr wird der Zuschauer bei Einlass in den Theaterraum zunächst auf die Performancefläche geführt und kann sich im ersten Teil von zirka 15 Minuten wie in einer Ausstellung frei im Raum bewegen. Er erfährt beim Eintritt, dass er sich hier im Kopf des Don Giovanni befindet. Dabei wandelt er in einer gänzlich weiß gestalteten Museumslandschaft zwischen weißen Podesten und darauf positionierten, weiß gekleideten Sängern und Darstellern.
Die fangen sukzessive an, sich zu bewegen, zu zucken, untereinander eine Art Kommunikation zu starten oder auch überraschend gestisch und physisch Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Damit wird eine ungewöhnliche, im Einzelfall verstörende Begegnung provoziert, die einen emotionalen Brückenschlag zum Zuschauer schafft, der den gesamten Abend nachwirkt.
Wie auch in dem als Musiktheater bezeichneten, etwa einstündigen zweiten Teil, in welchem das Publikum ganz klassisch seine Plätze einnimmt, sind die handelnden Personen nicht als spezifische Rollenvertreter der Oper oder anders individualisiert. Sie vertreten vielmehr Archetypen ihrer selbst oder allenfalls bestimmter Charaktererscheinungen wie der einfältige Adlige oder Notar, weiß kostümiert und mit allen übertrieben stilisierten, modischen Accessoires der Mozartzeit wie aus der Toolbox der Metastasio-Libretto-Werkstatt.
Der zeitliche Bezug ist nicht entscheidend, vielmehr spielen die inneren Antriebe durch bestimmte nach außen getragene Verhaltensweisen und ‑formen die maßgebliche Rolle. Das kann die unablässig wiederholte Rapper-Machogeste des Basses Marco Zelaya sein, das schon erwähnte Stolzieren des Würdenträgers oder die zum eigenen Countergesang wehmütige Geste mit himmelwärts gerichtetem Blick von Benjamin Lyko. Womöglich am ausgeprägtesten gelingt das Andrea Marchetti mit seinem manisch die Arme verschränkenden Reinigungszwang, nur unterbrochen durch regelmäßige, ebenso zwanghafte Befeuchtung oder Nachbemalung der Lippen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Es wäre naheliegend, dass die Regisseurin die Rollenausprägungen nicht vorgegeben hat, sondern die vielmehr im Wesentlichen durch Ideen der Sänger selbst kreiert wurden. Anders ist die wunderbare Intensität des Ausdrucks im Einzelnen nicht erklärbar. Dazu gehört auch die Kunst des Verbiegens der Mezzosopranistin Luise Lein. Im Gegensatz zu diesen in Teilen skurrilen, individuellen Rollenporträts stehen unvermittelt Szenen großer Verunsicherung, wenn aller Maskenkitt zerfällt, sich die Angst ausbreitet und alle Spieler wie Billardkugeln allein oder wie in einer choreografierten Gruppe zusammengeführt werden. In solchen Momenten verlischt sofort alle äußere Geste oder Pose, und Hilflosigkeit sowie massive Angst machen sich breit. Die Tiefenwirkung dieser Momente menschlicher Schwäche und Todesangst stehen letztlich weit vor den äußeren, auf die öffentliche Wirkung bedachten Auftritten.
Das dann einsetzende zwischen den Welten Schweben wird zudem durch den trans-geschlechtlichen Auftritt in den fantasievollen Kostümen von Pia Preuß mit von den Männern getragenem Brautschleier und Stöckelschuhen und dem lustvollen Spiel aller Beteiligten unterstrichen. Alle Solisten tragen stark graumelierte Haare, was den Eindruck der Unwirklichkeit und Vergänglichkeit weiter erhöht.
Die Bühne von Christin Schumann mit wenigen Versatzstücken aus der Geschichte Don Giovannis ist zusammen mit den Kostümen in striktem Weiß gehalten und schafft zusammen mit den Beleuchtungs- und Multimediaeffekten eine unwirkliche Atmosphäre. Eine im Hintergrund leuchtende, optisch verfremdete Uhr läuft vorwärts, oft rückwärts oder gerät ganz außer Rand und Band im Handlungsverlauf.

Bei diesem Konzept im Kopf des Don Giovanni wird unausweichlich klar, dass dieser selbst angesichts seiner Begegnung mit den teils liebenswerten, an Äußerlichkeiten orientierten, am Ende immer so menschlich-schwachen, angstvollen und zerbrechlichen Weggefährten ganz bewusst Außenseiter werden und bleiben wollte oder gar musste. Stolz und Hochmut, diese Grenzen einer eingeengten und verletzlichen Welt herauszufordern und wenigstens für eine Zeit zu überschreiten, sind nachgerade zwingend.
In der Produktion wird wenig gesungen, sie bietet aber allen Beteiligten eine außerordentliche Möglichkeit, schauspielerisch durch besondere szenische Anforderungen zu wachsen. Das dürfte den meisten Mitwirkenden bei der zukünftigen Arbeit mit anderen herausfordernden Regisseuren zugutekommen.
Das Arrangement der überwiegend aus Mozarts Oper stammenden Musik wird von Steven Tanato unter Mitwirkung von Pedro Gonzales Fernandez, der für die Multimediakomposition verantwortlich zeichnet, zur Verfügung gestellt.
Es erfolgt nur eine minimalistische Entlehnung von musikalischen Passagen aus dem Werk selbst. Dabei werden Zitate nur verkürzt, verfremdet gesungen und gespielt. Die Entfaltung oder der gesangliche Entwicklungsbogen einer Arie oder eines Ensembles werden nicht ermöglicht. Daher ist eine herkömmliche Bewertung der Stimmen der beteiligten Sänger nicht möglich. Auf die Gefahr, ungerecht zu sein, sei hier lediglich Benjamin Leyko als Countertenor hervorgehoben, dem die eine oder andere Passage zugestanden ist, die aufhorchen lässt und den man daher gerne wieder und ausführlicher hören möchte. Neben den bereits genannten Solisten wirken außerdem Nora Kazemieh, Mezzosopran, die Sopranistin Marie Sophie Richter, der Bariton Lorenz Rommelspacher sowie die Sopranistin Cora Suvi bei der Produktion mit.
Das kleine Instrumentalensemble besteht aus Megumi Kuroda am Klavier, Inhwa Hong, Violine, Nefeli Galani, Viola, sowie Michael Heupel am Cello.
Nach anfänglicher Irritation des Publikums gibt es herzlichen Beifall für alle Mitglieder der Produktion im trotz des hochsommerlichen Wetters gut besuchten Hochschulforum.
Achim Dombrowski